Die Woche: Unity – an der Zielgruppe vorbei

@ctmagazin | Kommentar

Ubuntus neuer Desktop Unity soll für Linux-Neulinge alles einfacher machen. Doch genau das schafft Unity nicht, alten Linux-Hasen kann er aber richtig Freude bereiten.

So ziemlich das Gegenteil von Vorschusslorbeeren wurde Ubuntus neuem Standard-Desktop Unity zuteil, nachdem die Entwickler auf dem Ubuntu Developer Summit 2010 die Entscheidung gegen GNOME 3 und für die von Canonical ursprünglich für Netbooks entwickelte Oberfläche Unity bekannt gaben. Am freundlichsten war noch der Vorwurf, Ubuntu würde sich zwanghaft immer mehr Mac OS annähern. Andere Kritiker, zumeist erfahrene Linux-Nutzer, warfen Unity Bevormundung oder auch gezielte Verdummung des Anwenders vor – oft garniert mit der Drohung, die Distribution zu wechseln.

Nur die wenigstens machten sich wie der bekannte Linux-Buchautor Michael Kofler die Mühe, zumindest erst einmal mit Unity zu arbeiten – der dann allerdings ebenfalls ein vernichtendes Urteil sprach. So findet man immer wieder Kommentare mit dem Inhalt "gesehen, gelacht, gelöscht", die nicht auf eine tiefergehende Auseinandersetzung mit der neuen Oberfläche schließen lassen. Der Großteil der Mäkler wusste sogar, ohne Unity jemals gesehen zu haben, dass der neue Desktop nichts taugt.

Ich sah mich auch schon als gegängelter Benutzer, entschied mich aber, Unity zumindest eine Chance zu geben. Bevor ich nicht mehrere Wochen mit dem neuen Desktop gearbeitet hatte, wollte ich mir kein abschließendes Urteil erlauben.

Erstaunlicherweise wurde ich mit der neuen Oberfläche sofort warm. Optisch erinnerte mich Unity an meinen ersten Fenstermanager Window Maker. Bei dessen Oberfläche, dem NeXTSTEP der legendären NeXT-Workstations nachempfunden, startete man die wichtigsten Programme über das Dock, dem der Unity Launcher verblüffend ähnelt. Schon damals um die Jahrtausendwende habe ich mir angewöhnt, alle anderen Programme aus einem Terminal-Fenster heraus zu starten und mich hauptsächlich via Tastenkombination auf dem Desktop zu bewegen.

Und genau das geht mit Unity wunderbar – und das Beste: die meisten Tastenkombinationen kenne ich schon von Gnome und muss mich daher kaum umstellen. Zudem ist Unity angenehm unaufdringlich: Anders als bei anderen Desktop-Umgebungen nerven nicht laufend aufpoppende Täfelchen oder Sprechblasen mit Meldungen darüber, dass mein Rechner nun mit dem Netzwerk verbunden ist oder jemand im Chat etwas geschrieben hat. Im letztgenannten Fall färbt Unity den Briefumschlag im Panel blau ein, was mich beim konzentrierten Arbeiten nicht stört, was ich aber, etwa beim schnellen Blick auf die Uhr, trotzdem mitbekomme. Klar könnte ich Unity noch individueller anpassen, etwa mit dem dconf-editor und dem Einstellungs-Manager CompizConfig, doch das Bedürfnis hatte ich bislang noch nicht.

Allerdings frage ich mich inzwischen, ob die von Ubuntu avisierte Zielgruppe der Linux-Einsteiger meine Begeisterung teilt. Ich fürchte nicht – denn bei den Linux-Einsteigern handelt es sich nicht um Computer-Neulinge, sondern zum größten Teil um Nutzer, die von Windows oder Mac OS kommen und bereits ein Desktop-Konzept im Kopf haben. Denen muss Unity vorkommen wie der Desktop der langen Wege: Um etwa den Chat-Client zu starten muss man auf das Ubuntu-Logo klicken, im ausklappenden Dash auf "Mehr Anwendungen", dann im Drop-down-Feld rechts oben "Internet" auswählen, um endlich zum gewünschten Programm zu kommen. Dass das viel schneller via Rechtsklick auf das Lupensymbol im Launcher geht, erschließt sich niemandem intuitiv -- dazu muss man die Dokumentation gelesen haben und gerade dazu soll ja unter Ubuntu keine Notwendigkeit bestehen.

Auch die praktischen Tastenkombinationen wird ein Linux-Neuling höchstens per Zufall entdecken. Warum Unity die ins Panel ausgelagerten Programmmenüs erst dann anzeigt, wenn man die Maus darüber bewegt, ist mir auch ein Rätsel: Wollte Canonical die Windows-Umsteiger gegenüber der Mac-Klientel, die die Menüs ja selbstverständlich am oberen Bildschirmrand erwarten, nicht benachteiligen? Gleiche Einstiegshürden für alle?

Dazu kommt noch, dass die meisten der Linux-Neulinge beruflich wohl nicht an einem Ubuntu-Rechner mit Unity arbeiten. Wenn den ganzen Tag über das Startmenü unten links und die Fensterknöpfe oben rechts sind, fährt die Maus abends unter Unity unbewusst erst mal ein paar Umwege. Das dürfte gerade bei Neu-Linuxern nur auf wenig Akzeptanz stoßen. Und dass man mit Ubuntu Classic noch problemlos den klassischen Gnome-Desktop verwenden kann, müssen komplette Linux-Neulinge erst einmal herausfinden – sofern sie dem System nicht vorher den Rücken kehren. (amu )

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