Die Woche: Was Open-Source-Software kostet

@ctmagazin | Kommentar

Open-Source-Software kostet nichts. Was beim privaten Gebrauch eine Binsenweisheit ist, gilt keineswegs für den professionellen Einsatz in Firmen und Behörden: Dort machen Software-Lizenzen nur einen geringen Teil der Gesamtkosten aus.

Egal ob für den privaten Gebrauch oder für den Einsatz in einem Großunternehmen, Open-Source-Software gibt es kostenlos im Internet. Doch mit dem Herunterladen des Programms ist es nicht getan: Bekommt man es nicht im benötigten Paketformat, muss man sich auch um die Installation kümmern und zu guter Letzt lernen, wie man mit der Software arbeitet.

Was man am heimischen PC einfach mal in seiner Freizeit erledigt, kostet im professionellen Einsatz in Unternehmen oder bei Behörden schnell große Summen, weil man schließlich die Mitarbeiter für diese Aufgabe bezahlen muss. So wird ein Open-Source-Programm mit einer komplizierten Bedienung schnell zu einem Kostentreiber, wenn Mitarbeiter damit länger für ihre Arbeit benötigen als zum Beispiel mit einem kommerziellen Programm, das intuitiv zu bedienen ist. Wer kommerzielle und Open-Source-Software miteinander vergleichen will, muss also deutlich mehr betrachten als nur die Lizenzkosten.

Die Kostenrechnung muss auch den Zeitaufwand für die Installation (Rollout und Deployment) und für spätere Aktualisierungen berücksichtigen – lassen sich zum Beispiel Updates nicht automatisiert einspielen, verursacht das Programm konstant Personalkosten beim IT-Support.

Ein besonders großer Brocken bei jeder Software-Umstellung ist die Anwenderschulung. Die meisten Mitarbeiter begreifen den PC nur als Arbeitswerkzeug und nicht als Hobby – sie haben nicht das Verlangen, in Menüs nach anders benannten Einträgen zu suchen oder neue Funktionen einfach mal auszuprobieren. Gibt es gravierende Änderungen in der Bedienung eines Programms, weil man zum Beispiel von Microsoft Office auf OpenOffice wechselt, um die Lizenzkosten zu sparen, muss man auch mehrere Stunden Schulung für jeden Mitarbeiter einkalkulieren. Diese Kosten allein können leicht ein Vielfaches der Lizenzkosten ausmachen.

Andererseits darf man aber auch nicht den Fehler machen, bei einer Migration sämtliche Ausgaben dem Wechsel auf Open-Source-Software zuzuschreiben. Hat man zum Beispiel bislang Microsoft Office 2003 eingesetzt und wechselt zu MS Office 2010, kommt man aufgrund der grundlegend veränderten Bedienoberfläche ebenfalls nicht an einer Mitarbeiterschulung vorbei. Ein Umstieg auf OpenOffice oder LibreOffice würde in diesem Szenario keine zusätzlichen Kosten bedeuten. Es ist also keineswegs so, dass Schulungskosten immer nur dann enstehen, wenn man den Anbieter wechselt. Jede größere Änderung in der Bedienung zieht erfahrungsgemäß Schulungsaufwand nach sich.

Tauscht man nicht nur ein einzelnes Programm gegen eine Open-Source-Variante aus, sondern wechselt wie im Fall der Stadt München das komplette Betriebssystem samt aller Anwendungen aus, wird eine Vergleichsrechnung sehr viel umfangreicher. Hat das neue Betriebssystem etwa höhere Hardware-Anforderungen, müssen die Anschaffungskosten der neuen Rechner den Migrationskosten zugerechnet werden. Doch Firmen und Behörden tauschen ihren Rechnerpark ohnehin alle paar Jahre aus – man könnte also genausogut bis zum nächsten Wechsel warten und damit die Kosten für die neue Hardware dem turnusmäßigen Austausch zuschreiben.

Den Löwenanteil der Kosten einer Migration macht aber das Konvertieren von Daten und Berechnungsverfahren auf das neue Betriebssystem aus. So lassen sich zum Beispiel komplexe Excel-Tabellen nicht ohne Weiteres unter OpenOffice verwenden. Doch wo verbucht man die anfallenden Kosten? Im Fall von München war vom Stadtrat ohnehin gewünscht worden, auf offene Dokumentenformate zu wechseln. Man kann sich also aussuchen, ob man die Konvertierungskosten der Linux-Migration zurechnet oder ob man sie nicht beim Wechsel auf offene Dokumentenformate einstellt – und damit eine Studie über die Kostenabschätzung einer Linux-Migration maßgeblich beeinflusst.

Die alte Mathematiker-Weisheit gilt also nicht nur für Statistiken, sondern auch für Migrationskosten-Studien: Traue keiner, die du nicht selbst gefälscht hast – und erst recht keiner, die nicht veröffentlicht wird. (mid)

Kommentare

Kommentare lesen (128 Beiträge)

Infos zum Artikel

128Kommentare
Kommentare lesen (128 Beiträge)
  1. Avatar
  2. Avatar
  3. Avatar
Anzeige

Anzeige

Anzeige