Leseprobe aus c't 23/12
Urs Mansmann
Die Zukunft spricht VoIP
Paketvermittlung verdrängt das klassische Telefonnetz
Kombinierte Breitband- und Telefonangebote enthalten heute standardmäßig einen Voice-over-IP-Anschluss. Wer, warum auch immer, lieber analog oder per ISDN telefonieren will, muss Angebote inzwischen mit der Lupe suchen. Das Ende des konventionellen Telefonnetzes ist beschlossene Sache.
Ortsfeste Breitbandanschlüsse per DSL, TV-Kabel oder Glasfaser werden in Deutschland fast immer mit einem Telefonanschluss inklusive Festnetz-Flatrate kombiniert. Bis Mitte des vergangenen Jahrzehnts dominierten dabei herkömmliche Telefonanschlüsse, dann schwenkten die Telekom-Konkurrenten auf Voice over IP um, auch als NGN (Next Generation Network) oder All-IP bezeichnet. Als letzte große Telefongesellschaft hat die Telekom vor rund einem Jahr damit begonnen, solche Anschlüsse gezielt zu vermarkten und nicht nur auf besonderen Wunsch bereitzustellen, wie in den Jahren zuvor.
Die Anfangsschwierigkeiten sind überwunden. Kinderkrankheiten der VoIP-Technik wie Aussetzer, Echos, Gesprächsabbrüche oder Erreichbarkeitsprobleme treten nur noch sehr selten auf, die Techniker haben die anfänglichen Probleme in den Griff bekommen.
Die Telefongesellschaften stehen unter Zugzwang: Die herkömmliche Vermittlungstechnik stammt überwiegend aus den 90er-Jahren des vorigen Jahrhunderts und erreicht bald das Ende ihres Lebenszyklus. Ersatzteile sind kaum mehr verfügbar, schon seit Jahren werden solche Komponenten nicht mehr produziert. Und die Mitarbeiter, die das erforderliche Know-how haben, gehen nach und nach in Rente. Überall auf der Welt fließen seit rund einem Jahrzehnt Investitionen ausschließlich in die VoIP-Technik. Die Tage der Telefonvermittlungseinheiten sind gezählt, ein wenig müssen sie aber noch durchhalten.
Die Telekom stellt die Nutzer der Internet-Telefonie neuerdings deutlich besser, um die Nutzung der neuen Technik attraktiver zu machen: Wer beispielsweise bei einem Neuvertrag im Tarif Call & Surf Basic auf die VoIP-Variante zurückgreift, bekommt ohne Aufpreis bis zu 16 statt 2 MBit/s Anschlussbandbreite sowie ISDN-Komfort, also zwei gleichzeitige Gespräche und drei Rufnummern. Bei der Online-Bestellung ist der VoIP-Tarif die Voreinstellung. Will man lieber einen herkömmlichen Anschluss haben, muss man das gezielt auswählen oder bei telefonischer Bestellung ausdrücklich verlangen.
Das Handeln der Telekom folgt ökonomischen Erwägungen. Rund 8000 Hauptverteiler (HVt) gibt es in Deutschland. Dort enden die Kupferkabel der Teilnehmeranschlussleitungen (TAL), ab hier gehen Datenpakete und Sprachverbindungen per Glasfaser auf die Weiterreise. In den Räumlichkeiten ist meist noch viel Platz. Bis in die 90er-Jahre hinein rasselten hier mechanische Vermittlungsstellen, die dann durch platzsparende elektronische ersetzt wurden. In den Racks steht derzeit digitale Telefontechnik (Time Division Multiplex, TDM) für Analog- und ISDN-Anschlüsse, nebenan stellen in separaten Racks DSLAMs (DSL Access Multiplexer) Breitbandanschlüsse bereit.
Für die Telefongesellschaften bedeutet der zusätzliche Betrieb der inzwischen obsoleten Telefonvermittlungsanlagen hohe Kosten. Instandhaltung und Energieverbrauch verschlingen laufend Geld, und bei Neuanschlüssen erhöht sich der Aufwand, weil bei kombinierten Breitband- und Telefonanschlüssen zwei Anschlüsse vom Leitungssplitter aufgelegt werden müssen. Die Komplexität der Vermittlungsstellen geht beim Umstieg auf VoIP zurück: Jede Anschlussleitung hängt nur noch am DSLAM, der als Multi Service Access Node (MSAN) weitere Aufgaben übernimmt. Telefonie läuft per IP-Verbindung in eine zentrale Telefonvermittlung.
Aus Sicht der Telekommunikationsanbieter hat VoIP noch einen weiteren Vorteil: Der Adapter zum Anschluss von Analog- oder ISDN-Geräten wandert aus dem HVt zum Kunden. Er hängt an dessen Stromnetz und nimmt dort Fläche in Anspruch. Wenn der Kunde das Endgerät kauft, spart sich die Telefongesellschaft obendrein noch die Investitionen in Hardware. Pro Kunde ist das nur eine kleine Ersparnis, fällt aber in der Summe durchaus ins Gewicht.
Anschluss für Tante Erna
Immerhin rund 20 bis 25 Prozent der Haushalte haben immer noch keinen Breitbandanschluss, die meisten davon aber einen Telefonanschluss – und der überwiegende Teil davon dürfte analog sein. Wenn künftig nur noch Voice-over-IP-Anschlüsse angeboten werden, was passiert dann mit den Haushalten, die noch nicht über einen Breitbandanschluss verfügen oder aus technischen Gründen keinen DSL-Anschluss erhalten können?
Die Würfel sind bereits gefallen: Die Analogtelefonierer werden von der Umstellung gar nichts mitbekommen. In der Vermittlungsstelle wird man neue VoIP-Vermittlungseinheiten installieren, sogenannte POTS-Karten (Plain Old Telephone System), die den Anschluss analoger Telefone erlauben. Die Entwicklung dieser Karten bei der Telekom ist allerdings noch nicht abgeschlossen, schon von daher lässt die Umstellung noch ein wenig auf sich warten. Die POTS-Anschlüsse werden laut Auskunft der Telekom, genau wie viele moderne VoIP-Router in den Haushalten, sogar noch das Impulswahlverfahren (IWV) unterstützen. Dann lassen sich heute schon fast 100 Jahre alte Wählscheibentelefone auch noch in den kommenden Jahrzehnten nutzen; kaum eine andere Technik ist so abwärtskompatibel wie das Telefonnetz.
ISDN-Anschlüsse mit dem heute üblichen Funktionsumfang wird es dann voraussichtlich nicht mehr geben, denn das dafür erforderliche TDM-Netz wird abgeschaltet. Wer mehr als eine Verbindung gleichzeitig nutzen will, muss einen Breitbandanschluss und eine VoIP-Anlage einsetzen. Oder auf das Rezept der 90-er Jahre zurückgreifen und sich zwei Analoganschlüsse legen lassen.
ISDN-Geräte sind ohnehin kaum mehr gefragt. Der Trend geht zu Schnurlostelefonen, die mit einer Akkuladung inzwischen locker eine Woche lang durchhalten, Codecs für HD-Telefonie beherrschen und mit zusätzlichen Funktionen beispielsweise das komfortable Abfragen eines Anrufbeantworters im Netz erlauben. Der in Deutschland derzeit erfolgreichste Hersteller von VoIP-Routern, AVM, hat eine eigene Produktlinie von Schnurlostelefonen entwickelt, die die Bedienung von Sonderfunktionen von DECT-fähigen Fritz!Boxen erleichtert. ...
(uma)
Voice over IP
Artikel zum Thema "Voice over IP" finden Sie in c't 23/2012:
Den vollständigen Artikel finden Sie in c't 23/2012.








