Digitales Tonstudio

Einstieg in die Musikproduktion am Rechner

Praxis & Tipps | Praxis

Ein komplettes Musikstudio in den eigenen vier Wänden ist heute kein Traum mehr – ganz im Gegenteil: Eine wahre Flut sogenannter „Digital Audio Workstations“ stehen zur Installation auf Windows-PCs und Macs bereit. Doch wie wählt man das für die eigenen Bedürfnisse optimale Programm aus?

Mitten im Raum steht ein riesiges Mischpult, über dem gewaltige Lautsprecher montiert sind. In der Ecke stapeln sich unzählige Geräte mit hunderten Schaltern, Drehknöpfen und Lämpchen in Racks. Dieses Bild des typischen Musikstudios ist überholt: Software verwandelt ganz gewöhnlich Rechner im Zusammenspiel mit einem (internen oder externen) Audio-Interface in komplette virtuelle Tonstudios, die großen Mischpulte sind kompakten Controllern gewichen. Kein Wunder also, dass sich auch viele Musiklaien inzwischen einmal an diesen „Digital Audio Workstations“ versuchen möchten – wenn auch anfangs sicher in einem kleineren Rahmen.

Die Industrie hat auf diesen Trend reagiert: Gab es früher nur eine Handvoll Programme, für die man zudem tief in die Tasche greifen musste, ist das Angebot an bezahlbarer Software heute fast unüberschaubar – alleine Magix hat sieben DAW-Varianten im Sortiment, Steinberg immerhin fünf. Einige Hersteller sind dabei gleich mehrfach im Preissegment unter 150 Euro vertreten, da sie neben abgespeckten Fassungen ihrer bekannten Musikproduktionssysteme auch noch auf Einsteiger zugeschnittene Varianten mit verschlankter Bedienoberfläche anbieten. Doch bei der großen Auswahl erkennt man praktisch nicht mehr, wie sich die Programme voneinander abgrenzen – zumal auch die Beschreibungen der Hersteller alle recht ähnlich klingen.

Und tatsächlich unterscheiden sich die meisten DAWs bezüglich ihres generellen Aufbaus kaum. Zwar gibt es Programme, die beispielsweise auf ein Live-Konzept setzen, bei dem Musik-Clips in einer Endlosschleife laufen und in Echtzeit vom Anwender gewechselt und manipuliert werden. Die überwiegende Mehrheit ahmt aber eine klassische Mehrspur-Bandmaschine nach und zeichnet auf mehreren virtuellen Spuren auf, was man ihr über Mikrofon- oder Line-Eingang (wie Gesang, ein mikrofoniertes Klavier oder eine E-Gitarre) oder über einen sogenannten MIDI-Controller (darunter Keyboard, Drum Pad oder auch ein passend ausgestattetes iPad) anliefert.

Auch wenn diese beiden Vorgänge recht ähnlich erscheinen, unterscheiden sie sich doch stark: Während bei der Audioaufnahme Schwingungen digitalisiert werden, die ein bestimmtes Schallereignis abbilden, speichert man bei MIDI-Aufzeichnungen reine Steuerinformationen. Vereinfacht gesprochen erhält man bei MIDI also Angaben darüber, welcher Ton mit welcher Anschlagsstärke und -dauer ausgegeben werden soll. Somit benötigt man noch einen Klangerzeuger, der diese Informationen interpretiert.

Wenn man bei DAWs auch von Audio/MIDI-Sequencern spricht, greift dies daher eigentlich etwas kurz: So machen die Programme die empfangenen MIDI-Steuerdaten zudem (auch ohne laufende Aufnahme) hörbar, indem sie virtuelle Instrumente einbinden – wobei die Palette von gesampelten (in einzelnen Tönen digitalisierten) real existierenden Instrumenten (wozu etwa auch Chorgesänge zählen) bis hin zur Klangsynthese ohne natürliches Vorbild reicht. Der verwendete MIDI-Controller muss keinen direkten Bezug zum Software-Instrument haben; über ein Keyboard lässt sich etwa auch ein Streichorchester oder ein Schlagzeug einspielen.

Vergrößern Über Software-Schnittstellen wie VST und AU lassen sich virtuelle Instrumente und Effekte von Drittherstellern einbinden.

Ein großer Vorteil der MIDI- gegenüber der Audio-Aufnahme: Die Steuerdaten lassen sich im Nachhinein (über eine sogenannte Pianorolle und manchmal auch über einen „klassischen“ Noteneditor) problemlos nachbearbeiten – um beispielsweise Fehlgriffe zu korrigieren. Zudem kann man die Plug-ins austauschen und so später beispielsweise eine mittelmäßige Klaviersimulation durch einen gut gesampelten Flügel ersetzen oder ganz andere Instrumente ausprobieren.

Aber es geht bei einer Musikproduktion natürlich nicht nur darum, einzelne Spuren zu füllen. Damit das Ganze letztlich tatsächlich wie ein Lied klingt, müssen die einzelnen Instrumente bezüglich ihrer Lautstärke, ihrer Position im Raum, den belegten Frequenzbereichen und weiteren Parametern aneinander (Mixing) und in ihrer Gesamtheit (Mastering) angepasst werden. Da viele Effekte ihre volle Wirkung nur voll entfalten, wenn sie dosiert eingesetzt werden, die Regulierung bei einer mehrspurigen Aufnahme in Echtzeit aber schwierig wäre, spielt die Automation hier ebenfalls eine wichtige Rolle. Das Ergebnis spielen die DAWs schließlich als Audiodatei oder direkt auf CD aus; einige Programme bieten mittlerweile auch eine Anbindung an iTunes, Facebook oder den für Musiker konzipierten Online-Dienst SoundCloud.

Wegen des ähnlichen Grundkonzepts ist die Versuchung groß, einfach zu dem Programm mit dem ausladendsten Funktionsumfang zu greifen, das man sich gerade noch leisten kann – frei nach dem Motto „Viel hilft viel“. Doch so zahlt man Funktionen mit, die man erst viel später oder eventuell niemals benötigt. Noch schlimmer: Die Funktionsvielfalt und die damit oft einhergehende Komplexität der großen Programmpakete behindern bei Einsteigern nicht selten die Kreativität. Sinnvoller ist es, sich den eigenen musikalischen Fähigkeiten bewusst zu werden und die Funktionen der verschiedenen DAWs nach den eigenen Bedürfnissen durchzugehen.

Vergrößern Gewöhnlich zeigt ein sogenannter „Inspektor“ die Parameter der einzelnen Spuren an. Oft gelangt man von hier zu den Spureffekten.

Da gibt es beispielsweise die Anwender, die nur rudimentäre musikalische Kenntnisse mitbringen, sich aber auf diesem Gebiet einmal versuchen möchten. Für sie ist es wichtig, dass sich die DAW schnell durchschauen lässt. Zudem kommt es ihnen entgegen, wenn der Hersteller fertige Audioschnipsel beziehungsweise MIDI-Dateien mit von Profi-Musikern eingespielten Phrasen mitliefert, die sich als Loops beliebig oft hintereinander wiedergeben lassen – wodurch man beispielsweise schnell eine durchgehende Schlagzeugbegleitung erhält. Einen besonders ansprechenden Ansatz bieten Programme, bei denen sich über sogenannte Pattern oder Szenen Sequenzen aus mehreren Clips, die man zuvor kombiniert hat, mit einem Knopfdruck (auch über einen MIDI-Controller) abrufen lassen. Um möglichst viel eigenes Ausgangsmaterial nutzen zu können, sollten diese Nutzer auf die unterstützten Audio-Codecs achten.

Musikalisch vorgebildete Anwender profitieren wiederum von Software-Instrumenten, wenn sie über ein MIDI-Keyboard Stücke einspielen möchten. Sie werden es also zu schätzen wissen, wenn die Programmpakete gleich eine Auswahl an entsprechenden Plug-ins mitbringen. E-Gitarristen und -Bassisten freuen sich wiederum über Simulationen, die typische Verstärker, Boxen und Bodeneffekte nachbilden. Allerdings sollte man die Erwartungen hier nicht allzu hoch schrauben: Nach unserer Erfahrung sind die bei den Einstiegsversionen mitgelieferten Software-Instrumente für erste Versuche zwar brauchbar, reichen qualitativ aber nicht an separat angebotene kommerzielle Produkte heran. Ein mitgelieferter Step-Sequencer ist schließlich für diejenigen interessant, die die Songkomposition gerne mit Drum Beats starten.

Wer in einer Band spielt, wird verstärkt Wert auf die Aufnahme- und Bearbeitungsfähigkeiten legen. In diesem Zusammenhang stellen sich viele Neulinge die Frage, mit welcher Auflösung und Samplingfrequenz das Programm überhaupt arbeiten können sollte. Hierzu lässt sich generell sagen, dass Aufnahmen mit höheren Werten mehr Spielraum bei der Nachbearbeitung bieten. Schließlich handelt es sich bei der Bearbeitung digitaler Daten um nichts anderes als um Rechenoperationen, sodass beispielsweise bei einer niedrigen Abtastrate schneller Rundungsfehler auftreten, die im schlimmsten Fall zu hörbaren Artefakten führen. Allerdings rechnen viele Programme intern sowieso mit 32 oder gar 64 Bit Floating Point. Zudem sind Abtastraten von 192 kHz, wie es einige Programme zulassen, nur mit einer hochwertigen (und entsprechend teuren) Hardware-Ausstattung vernünftig nutzbar.

Vergrößern Viele DAWs erlauben über einen integrierten Browser Zugriff auf Inhalte wie Audio- und MIDI-Clips. Üblich ist auch eine Vorhörfunktion.

Schließlich gibt es die Gruppe der Soundbastler und angehenden Musikproduzenten, die in der Nachbearbeitung mit Effekten das Maximum aus jedem Song herausholen wollen. Theoretisch ist es da gut, wenn eine DAW viele „Insert Slots“ bietet, um Plug-ins in die einzelnen Spuren und in den Masterkanal einzubinden. In der Praxis hat dieser Punkt jedoch gar keine solche Brisanz: Zum einen lassen sich über virtuelle Racks, die selbst nur einen Slot belegen, gleich mehrere Software-Effekte einbinden. Zum anderen treibt ein massiver Plug-in-Einsatz selbst potente Rechner schnell an ihre Leistungsgrenzen. Interessant ist es in diesem Zusammenhang, wenn die DAW eine sogenannte „Freeze“-Funktion hat: Hierüber lässt sich eine Spur „einfrieren“, also das Audiosignal inklusive aller Einflüsse der Plug-ins auf die Festplatte speichern. Im Ergebnis klingt die Spur wie gehabt, der Prozessor wird aber wesentlich weniger belastet, da das Signal nicht in Echtzeit berechnet, sondern nur die vorbereitete Audiodatei abgespielt wird.

Die Frage nach der Zahl der Busse, über die sich Signale in, aus und durch die DAW leisten lassen, kann man anfangs getrost zurückstellen. Und auch das sogenannte Sidechaining, bei dem ein Effekt (vor allem Kompressoren und Vocoder) durch eine andere Spur gesteuert wird, ist eher etwas für Fortgeschrittene. Fehlt diese Funktion in der Grundausstattung, lässt sie sich in vielen Fällen zudem durch ein Plug-in nachrüsten. Und auch nur wer Projektdateien mit Musiksoftware anderer Hersteller oder mit anderen Applikationen wie Videoschnittprogrammen austauschen möchte, muss darauf achten, dass die DAW das Dateiformat OMF (Open Media Framework) beherrscht. Ebenfalls in den Fortgeschrittenen-Bereichen fallen Funktionen wie ReWire oder Logic Nodes. Hier geht es darum, die anfallende Last auf mehrere Rechner zu verteilen beziehungsweise eine DAW von einer anderen aus fernzusteuern.

Die Hersteller führen an erster Stelle gerne auf, wie viele Audio- und MIDI-Spuren maximal verfügbar sind – und geben Einsteigern damit leicht das Gefühl, dass diesen Punkten eine herausragende Bedeutung zukommt. Unterstützt wird dieser Eindruck dann oft noch durch mitgelieferte Demosongs, die dutzende Spuren beanspruchen – beispielsweise, weil die originale Gesangsspur im Refrain vervielfältigt und die Kopien um einige Millisekunden versetzt wurden. Für die ersten Experimente und kleineren Projekte reichen in der Regel ein Dutzend Spuren aus.

Vergrößern Bei einigen Programmen (hier Logic Express) lassen sich Elemente wie der Mixer den eigenen Bedürfnissen anpassen. Allerdings benötigt dies meist eine gewisse Einarbeitung.

Unabhängig vom Typ kommen die meisten Musiker früher oder später aber an den Punkt, wo die mitgelieferten Software-Instrumente und -Effekte nicht mehr alle Bedürfnisse abdecken. Daher ist es wichtig, dass die DAW das Einbinden von Plug-ins unterstützt – und zwar nicht nur über eine proprietäre Schnittstelle. Eine solche ermöglicht dem Hersteller zwar, immer wieder neue Instrumente und Effekte anzubieten – und so im Nachhinein an einer preiswerten Software noch gutes Geld zu verdienen. Dass sich die auf ein Produkt zugeschnittenen Plug-ins nicht in Programmen von Drittherstellern einsetzen lassen, ist aber nicht nur bei einem Wechsel zu einer anderen DAW ärgerlich: Auch andere Produkte, darunter etwa einige Audio-Editoren, können mit Plug-ins etwas anfangen – allerdings nur, wenn sie im passenden Format vorliegen. Die verbreitetste herstellerübergreifende Schnittstelle ist die von Steinberg ursprünglich für sein Cubase entwickelte Virtual Studio Technology (VST beziehungsweise VSTi, wenn explizit von Instrumenten die Rede ist), die praktisch alle großen Windows-Musikprogramme unterstützen und die auch von DAWs unter Mac OS X genutzt werden kann. Die neueste Version namens VST3, die unter anderem eine dynamische Ressourcenverwaltung bietet, nutzen bislang allerdings nur recht wenige Programme. Auf Apple-Rechnern – und nur dort – sind weiterhin die „Audio Units“ (AU) zu finden, praktisch eine Erweiterung der (seit Mac OS X 10.0) betriebssystemeigenen Audio-Schnittstelle Core Audio. Apple selbst setzt natürlich – und zwar exklusiv – auf AU, aber auch andere DAWs kommen mit Plug-ins in diesem Format zurecht. Das Windows-Gegenstück DirectX (DX beziehungsweise DXi) wird zwar von einigen Musikprogrammen unterstützt, konnte sich in der Breite aber bislang bei kommerziellen Plug-in-Anbietern nicht so durchsetzen wie VST und AU. Einige wenige DAWs verarbeiten schließlich Plug-ins in dem von DigiDesign (heute Avid) für Pro Tools entwickelten RTAS-Format (Real Time AudioSuite).

Viele Musikproduktionsstudios sind mittlerweile in einer 64-Bit-Fassung erhältlich. Dies ist nachvollziehbar, da einem 32-Bit-Programm unter einem 32-bittigen Windows nur maximal 2 GByte Speicher zur Verfügung steht, der sich gerade bei umfangreichen Orchesterarrangements mit aufwendig digitalisierten Instrumenten schnell füllt. Dennoch bleiben viele Musiker lieber bei der 32-Bit-Variante, denn noch längst nicht alle verbreiteten Plug-ins wurden auf 64 Bit portiert.

Lässt man einen solchen 32-Bitter aber in einem 64-Bit-Betriebssystem laufen, kommt eine sogenannte „Bridge“ ins Spiel, die dafür sorgen soll, dass ein 32-Bit-Modul im 64-Bit-Host funktioniert. Das klappt aber beileibe nicht immer und verursacht selbst im Erfolgsfall gelegentlich Leistungsverluste. Es lohnt sich aber auch, Windows 7 in der 64-Bit-Ausgabe einzusetzen, wenn man die 32-Bit-Fassung der Musiksoftware betreiben möchte, da dem Programm dann (sofern deren Entwickler diese Möglichkeit beachtet haben) 4 GByte RAM zur Verfügung steht – und damit doppelt so viel wie unter Windows in der 32-Bit-Ausführung. Unter Mac OS haben 32-bittige Programme hingegen stets Zugriff auf Speicher in diesem Umfang.

Mit diesen Überlegungen im Hinterkopf nehmen wir auf den folgenden Seiten einmal preisgünstige DAWs daraufhin unter die Lupe, wie Einsteiger-freundlich sie allgemein sind und welches Programm sich für welche der oben genannten Gruppen besser oder weniger gut eignet. (nij)

Musik-Software

Artikel zum Thema "Musik-Software" finden Sie in c't 24/2011:

  • Einstieg in die Musikproduktion am Rechner - Seite 110
  • Preiswerte Digital Audio Workstations im Vergleich - Seite 114

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  1. Grundlagenforschung
  2. Bedürfnisanalyse
  3. Rationalisierung
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