Distributionsreigen: Kein Winterschlaf im Linux-Land

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Fedora 12, Ubuntu 9.10, Mandriva 2010 und FreeBSD 8.0 sind da. Die Arbeiten an den Frühjahrs-Releases der großen Linux-Distributionen sind in vollem Gang. Interessante Entwicklungen gibt es beim Suchmaschinenbetreiber Google, der mit dem eigenen Chrome OS bei den Betriebssystemen mitmischt, und bei Ulteo, das nicht nur Linux-Anwendungen ausführt, sondern auch Windows-Apps auf den Linux-Desktop bringt.

Der Herbst ist traditionell eine lebhafte Zeit im Linux-Land. Sowohl Ubuntu als auch Fedora veröffentlichen in dieser Zeit neue Versionen ihrer Distributionen. Ubuntu 9.10 "Karmic Koala" kam Ende Oktober, Fedora 12 "Constantine" am 17. November. Zwischendrin erschien auch eine neue Auflage von OpenSuse. Die Version 11.2 ist seit dem 12. November verfügbar. Bei OpenSuse liegt der Rhythmus zwar auch fest, aber durch den neuen achtmonatigen Zyklus gibt es keine bestimmten Erscheinungsmonate mehr. Mit Mandriva 2010 legte auch der französische Distributor Anfang November ein neues Release hin.

All den großen Distributionen gemeinsam ist der Umstieg auf Ext4 als Standarddateisystem. Als Kernel kommt Linux 2.6.31 zum Einsatz. Kernel-based Mode-Setting (KMS), inzwischen Bestandteil des Kernels in allen vier Systemen, überlässt nun bei den meisten Grafikchips dem Kernel das Einstellen der Bildschirmauflösung. Die Vorteile: Kein Flackern mehr beim Start des X-Servers und ein zuverlässigeres "Aufwachen" nach einem Suspend-to-RAM, da KMS hier auch die Reinitialisierung des Grafikkerns übernimmt. Linus Torvalds hat inzwischen die Entwicklung von Kernel 2.6.32 abgeschlossen.

Traditionsgemäß setzen Ubuntu und Fedora auf Gnome als Standard-Desktop. Beide haben die aktuelle Version 2.28 an Bord. Bei OpenSuse und Mandriva ist KDE bei der Installation vorausgewählt. OpenSuse 11.2 ist damit die erste Version seit langer Zeit, in der sich die Distribution – traditionell KDE-zentriert, aber nach der Übernahme durch Novell zunehmend Gnome-orientiert – auf ihre Wurzeln besinnt. Das KDE3-Zeitalter aber haben sowohl OpenSuse als auch Mandriva hinter sich gelassen: Offiziell unterstützt wird nur noch KDE 4.

Nachdem Red Hat im September die Version 5.4 seines Unternehmens-Linux veröffentlichte, zogen im Oktober CentOS und Anfang November Scientific Linux nach. Oberstes Gebot der beiden Red-Hat-Nachbauten ist die Kompatibilität mit dem Vorbild. Wer nicht auf den kostenpflichtigen Support von Red Hat angewiesen ist, findet in beiden Klonen eine interessante Alternative.

Linux Mint
Vergrößern Linux Mint "Helena" Bild: Linux Mint

Inzwischen sind auch die ersten Neuauflagen der auf Ubuntu aufsetzenden Distributionen erschienen: Dazu gehört zum Beispiel Linux Mint – nach der Meinung einiger Anwender das "bessere Ubuntu" –, das es seit diesem Wochenende in Version 8.0 (Codename: Helena) gibt. Mint ergänzt Ubuntu um eigene Erweiterungen wie ein übersichtliches Start-Menü und ein eigenes Programm für die Installation zusätzlicher Software (Ubuntu benutzt Synaptic). Das neue Release eignet sich auch für OEM-Installationen.

Linux Mint ist erhältlich in zwei Varianten. Während Main nur auf Englisch daherkommt, aber zahlreiche Multimedia-Codecs sowie proprietäre Plug-ins und Treiber mitbringt, fehlen letztere in Universal (lassen sich jedoch per Mausklick nachinstallieren). Dafür bietet die "universelle" Version Unterstützung für eine Vielzahl von Sprachen. Der Standard-Desktop in Mint ist Gnome. Daneben gibt es jedoch auch Varianten mit KDE, Xfce und mit dem minimalistischen Window-Manager Fluxbox.

Für Netbook-Besitzer dürfte die neue Version von xPud interessant sein. Das ebenfalls auf Ubuntu 9.10 basierende Mini-Linux aus Taiwan setzt jedoch nicht auf Gnome, sondern auf die Eigenentwicklung Plate, eine webbasierte Oberfläche auf der Basis von Mozillas Runtime-Engine Gecko und XUL.

Chrome OS: Web-Apps statt lokaler Anwendungen
Vergrößern Chrome OS: Web-Apps statt lokaler Anwendungen

Für Schlagzeilen sorgte im November Googles Linux-Betriebssystem Chrome OS, das speziell für einfache Hardware gedacht ist, momentan auf x86-Systemen inklusive Atom-Netbooks läuft (die ARM-Plattform soll dazu kommen) und aus diesen eine Art "Surfbrett" macht: Unter Chrome finden alle Aktivitäten im Browser statt. Bei den jetzt veröffentlichten Quelltexten der Open-Source-Version Chromium OS handelt es sich um eine Preview-Version. Bis erste Geräte mit vorinstalliertem Chrome OS auf den Markt kommen, müssen wir uns, so Google, bis zweite Jahreshälfte 2010 gedulden.

Wie bereits Fedora – das bei den Linux-Distributionen ohnehin eine Art Vorreiterrolle hat – will nun auch Ubuntu den freien NVidia-Treiber Nouveau in den Kernel aufnehmen. Er leistet wesentlich mehr als der alte Open-Source-Treiber "nv". So bringt Nouveau 2D-Video-Beschleunigung auf Systemen mit aktuellen GeForce-Chips und kommt mit Suspend-to-RAM (ACPI S3) zurecht. 3D-Unterstützung (mit der Bibliothek Gallium3D) ist auch bei Nouveau noch Zukunftsmusik.

War der quelloffene Nvidia-Treiber bereits in den Ubuntu-Repositories enthalten, soll er also mit der kommenden LTS-Version Ubuntu 10.04 "Lucid Lynx" sein offizielles Debüt geben. Auch bei OpenSuse gibt es inzwischen ein Feature Request für Nouveau. Mit Status "unconfirmed" ist jedoch noch nicht klar, was daraus werden soll. Allerdings ist es noch ein bißchen hin bis zur nächsten Suse-Version 11.3: Sie steht für Mitte Juli 2010 auf dem Kalender.

[Update] Inzwischen hat Linus Torvalds Nouveau als Staging-Treiber in den Hauptentwicklungszweig des Kernels aufgenommen . Das dürfte die Akzeptanz und die Verbreitung des Treibers in der nahen Zukunft deutlich vorantreiben.

Von Sax2, dem altbekannten Grafik-Konfigurationstool in OpenSuse, will sich die Distribution verabschieden. Es wird ab jetzt nicht mehr weitergepflegt. In der Praxis bedeutet das mit hoher Wahrscheinlichkeit das Ende des Werkzeugs, zumal die automatischen Konfigurationsmechanismen von X.org immer besser werden.

Im OpenSuse Board sind gerade drei Sitze im fünfköpfigen Gremium neu besetzt worden : Zwei Vertreter der Community und ein Novell-Mitarbeiter sollen ihr Amt die nächsten zwei Jahre ausüben. Der Vorstand unterstützt die Entscheidungsfindungsprozesse innerhalb der Community und fördert Kommunikation und Austausch zwischen allen Bereichen der OpenSuse-Gemeinschaft. Die zweiwöchentlichen IRC-Meetings der Gruppe im Kanal #opensuse-project auf Freenode sind seit Mitte November öffentlich.

Auch bei Fedora finden gerade Wahlen statt. Dabei geht es nicht nur um das Fedora Board, sondern auch um das Fedora Engineering Steering Committee (FESCo) und um das Fedora Ambassadors Steering Committee (FAmSCo).

Inzwischen steht auch der Name für Fedora 13 fest: Das nächste Release, das am 27.04.2010 erscheinen soll, wird Goddard (nach dem Wissenschaftler Robert H. Goddard) heißen. Traditionsgemäß steht der neue Name bei Fedora immer in Verbindung mit dem alten – in diesem Fall ist der rote Faden die Raketentechnik.

Etwas aus dem Rahmen bei den Linux-Distributionen fällt Ulteo, das neue Kind von Mandriva-Gründer Gaël Duval. Das Client-Server-System setzt auf Debian und Ubuntu auf und stellt dem Anwender neben Linux-Applikationen auch Windows-Anwendungen über einen Browser zur Verfügung. Letztere werden dabei über die Windows Terminal Services ausgeliefert. Für den Datenaustausch im Netzwerk zeichnen ein CIFS- oder alternativ ein WebDAv-Server verantwortlich.

Der Ulteo Virtual Desktop
Vergrößern Der Ulteo Virtual Desktop

Und nicht nur im Linux-Land war in den vergangenen Wochen einiges los. Ende November erschien das ursprünglich für September geplante FreeBSD 8.0 mit überarbeiteten Stacks für WLAN, USB und NFS. Das von Solaris bekannte Dateisystem ZFS ist in diesem Release zudem nicht mehr als experimentell gekennzeichnet.

Der auf FreeBSD aufsetzende freier Speicherserver FreeNAS bekommt einen Fork. Unter dem Namen OpenMediaVault soll es in Zukunft einen Linux-Ableger geben. Die Firma iXsystems – maßgeblich an der Weiterentwicklung von FreeBSD beteiligt – wird zudem auch an der BSD-Variante vonFreeNAS mitarbeiten.

Sowohl Ubuntu als auch OpenSuse gehen diese Woche mit einer ersten Alpha-Version in die nächste Runde. Am 10. Dezember soll Ubuntu 10.4 Alpha 1 erscheinen; für den 11. Dezember steht OpenSuse 11.3 Milestone 1 auf dem Kalender. Gute Nachrichten für die KDE-Fans unter den Ubuntu-Anwendern: Diesmal soll auch Kubuntu 10.4 ein sogenanntes LTS-Release (Long Term Support) werden. Bei der aktuellen LTS-Version 8.04 war dieser Plan an dem Wechsel von KDE3 auf KDE4 gescheitert.

Für Fedora ist seit einigen Tagen der lang erwartete LXDE-Spin erhältlich. Die schlanke Ausführung hätte eigentlich zeitgleich mit Fedora 12 erscheinen sollen. Ein zu spät entdeckter schwerer Bug, der zu Systemcrashes führte, hatte die Freigabe verzögert.

Die LXDE-Variante von Fedora
Die LXDE-Variante von Fedora Bild: http://spins.fedoraproject.org/lxde/

Die Macher der auf Fedora basierenden freien Lernplattform Sugar (bekannt vom Projekt One Laptop Per Child) haben indes Version 2.0 von Sugar on a Stick freigegeben. Das portabele Linux ist für speziell für Kinder gedacht und lässt sich auch im Klassenzimmer einsetzen.( akl)

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