EU-Studie: Open Source ist gut für die Wirtschaft

Wissen | Reportage

Eine groß angelegte Studie der Europäischen Kommission untersucht die Bedeutung von Open Source für das Wirtschaftswachstum in Europa.

Eine in der vergangenen Woche veröffentlichte Studie der EU hat die Rolle von Open Source in der europäischen Wirtschaft näher untersucht. Die groß angelegte Untersuchung (PDF) wurde vom Generaldirektorat Unternehmen und Industrie der Europäischen Kommionline.de/feature/trend.htmssion in Auftrag gegegeben. Das Forscherteam unter der Leitung von UNU-MERIT, einem Institut der Universität Maastricht (Niederlande), nahm dabei nicht nur die aktuelle wirtschaftliche Bedeutung von Open Source unter die Lupe. Vielmehr benennt die Studie auch Trends und spricht politische Empfehlungen aus, die helfen sollen, den Einsatz von freier Software zu fördern.

Open Source, so das Kernergebnis, ist aus der Wirtschaft nicht mehr wegzudenken. Ihr Marktanteil ist in den vergangenen fünf Jahren kontinuierlich gestiegen. Vor allem in den Bereichen Serverbetriebssysteme, Web- und Mailserver, Datenbanken und Middleware spielt Open-Source-Software eine wichtige Rolle.

Die Durchdringung des Marktes ist hoch: Viele öffentliche und private Organisationen und Unternehmen setzen Open Source ein. Im öffentlichen Sektor hat dabei Europa die Nase vorn, Asien und Latein-Amerika folgen dem alten Kontinent auf den Fersen. In der freien Wirtschaft sind es vor allem mittlere und große Unternehmen, die Open Source einsetzen.

Den Gesamtwert aller ausgereiften Open-Source-Lösungen schätzt die Untersuchung auf knapp 12 Milliarden Euro. In den vergangenen acht Jahren habe sich die Menge an Codezeilen alle 18 bis 24 Monate verdoppelt, eine Entwicklung, die noch einige Jahren anhalten soll. Die existierende Open-Source-Software repräsentiert mindestens 131.000 Mannjahre Arbeit. Da die Entwicklung in Europa jedoch überwiegend unbezahlt erfolgt, schlagen sich die geschätzten 800 Millionen Euro Wertschöpfung pro Jahr nicht in den nationalen Wirtschaftsbilanzen nieder. Nach den Ergebnissen der Studie werden lediglich 15 Prozent der freien Software von Unternehmen und 20 Prozent von nicht-kommerziellen Organisationen beigesteuert.

Die Beiträge von knapp 1000 Unternehmen, die im Bereich Open-Source-Software aktiv sind und insgesamt Code im Wert von 1,2 Milliarden Euro beigesteuert haben, wurden näher untersucht. Als wichtigsten Contributor nennt die Studie Sun mit einem Beitrag im Wert von über 300 Millionen Euro, gefolgt von IBM (90 Millionen) und Red Hat (knapp 60 Millionen). Die deutsche SAP AG landet mit Code in einem Wert von 46 Millionen Euro auf Platz 5, die schwedische MySQL AB auf Platz 6 (35 Millionen Euro). Die Unternehmen, die Geld in die Entwicklung von Open-Source-Software investiert haben, sind jedoch keineswegs nur Softwarehersteller, sondern kommen auch aus anderen Branchen, wenn auch mit einem Schwerpunkt auf der IT- und Telekommunikationsbranche. Insgesamt repräsentieren sie 565.000 Arbeitsplätze und einen Gesamtumsatz von 263 Milliarden Euro.

Zudem gibt es indirekte Einflüsse auf die Wirtschaft. Mit freier Software sparen Unternehmen rund ein Drittel ihrer Investitionen in die Entwicklung eigener Software. Dieses Geld, so die Studie, erlaubt andere Entwicklungen und Innovationen – oder schlicht eine Erhöhung der Profitabilität. Eine nähere Untersuchung von sechs europäischen Organisationen, die Open Source einsetzen, fand, dass die Umstellung von proprietärer Software auf Open Source fast immer zu Einsparungen führt.

Wie Rüdiger Glott, der an der Universität Maastricht im Team von Studienleiter Rishab Ghosh arbeitet, erklärt, waren die Forscher vor allem davon überrascht, wie groß die Bedeutung von Open Source für die europäische Wirtschaft ist – und welchen Wert freie Software für Unternehmen, aber auch Beschäftigung hat.

Für das Jahr 2010 sagen die EU-Forscher Open-Source-bezogenen Dienstleistungen einen Anteil von 32 Prozent am gesamten It-Dienstleistungssektor voraus. Der Open-Source-Anteil am Bruttoinlandsprodukt könnte 2010 bereits 4 Prozent betragen. Derzeit macht die gesamte IT-Infrastruktur 10 Prozent des europäischen BIP aus. Freie Software, so die Forscher, kann zudem helfen, die Kluft zwischen den USA und Europa in Sachen IT zu verminden – wenn man die Chancen nutzt, die darin liegen. Für Glott bietet Open Source die Chance, die Vormachtstellung nordamerikanischer Konzerne im Softwaremarkt zumindest in einigen Bereichen zu überwinden.

Für die Zukunft entwickelt die Studie drei mögliche Szenarien. Nach dem closed model halten legislative und technische Regulierungen bestehende Geschäftsmodelle aufrecht und schützen sie – schlecht für Open Source. Bleibt alles so, wie es derzeit ist (generic model), führen gemischte Initiativen zwar graduell zu mehr Open Source, es werden aber auch viele Chancen verpasst. Optimale Chancen sieht man, wenn Politik und Wirtschaft das Potenzial von Open Source und ähnlichen Modellen der Zusammenarbeit erkennen und zur Weitergestaltung der Informationsgesellschaft umsetzen (voluntary model).

Die Forscher hoffen, dass die Ergebnisse der Studie dazu beitragen, dass Politiker und Unternehmer in Europa das wirtschaftliche Potenzial besser erkennen, das in Open Source steckt, und sprechen eine Reihe von Handlungsempfehlungen für die Politik aus:

  • Freie Software sollte genauso gefördert und genutzt werden wie proprietäre Software. Besonders bei der Förderung von Forschung und Entwicklung sowie bei öffentlichen Ausschreibungen hat freie Software häufig noch schlechte Karten.
  • Zur Sicherung von Herstellerunabhängigkeit sollten Schüler und Studenten allgemeine Computerkenntnisse erwerben, statt sich nur mit konkreten Programmen vertraut zu machen. Außerdem sollten sie stimuliert werden, bei Open-Source-Projekten mitzumachen.
  • Partnerschaften zwischen Unternehmen und der Open-Source-Community sollten gefördert werden.
  • Open Source könnte steuerlich gefördert werden, indem die Erstellung freier Software genauso wie eine Spende für wohltätige Zwecke behandelt wird.
  • Das Entkoppeln von Hardware und Software soll zu mehr Wettbewerb am Markt führen und Innovationen leichter machen.

Die "Study on the Economic impact of open source software on innovation and the competitiveness of the Information and Communication Technologies (ICT) sector in the EU" kann als PDF-Datei von der Website der Europäischen Kommission heruntergeladen werden. (akl)


Rüdiger Glott wird die wichtigsten Ergebnisse am 23.1. auf der Konferenz Open Source Meets Business in Nürnberg vorstellen.

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