Die Zweiteilung der Welt
Google Street View ist endlich auch in Deutschland online. Das ist wunderbar, denn jetzt ist es einfach wie nie, sich in der Welt zu orientieren: Google Maps aufrufen, die Heimat ins Visier nehmen, das gelbe Männchen auf den Stadtplan zerren, in die eigene Straße werfen und ins sich entfaltende Panorama eintauchen. Und auf einen Blick erklärt sich die Welt: Überall dort, wo die Fassaden gepixelt sind, wohnen Internetausdrucker. Hingegen zeigen gestochen scharfe Häuserfotos an, wo die weltoffenen und modernen Leute leben, die mit der Zeit gehen und sich nicht von irgendwelchen Datenschützern verunsichern lassen. An ihren Häusern sollt ihr sie erkennen.
Ist allerdings das eigene Heim durch vorgehängten Pixelbrei verschandelt, braucht es eine differenzierte Betrachtung: Wer war’s? In der Praxis kommt man schnell drauf - schließlich gibt es die üblichen Verdächtigen in jedem Mietshaus: die Ewig-Gestrigen, für die das Internet Teufelswerk ist, die Privatsphären-Paranoiker, die in Wahrheit bloß darunter leiden, dass sich keine Sau für sie interessiert, und die Hasenfüße, die allen Ernstes glauben, sie wären leichtere Beute für Einbrecher, wenn man ihre Wohnung im Internet sehen kann.
Zu blöd, wenn man als abgeklärter Netizen, als stolzer Foursquare-Bürgermeister seiner Stammkneipe oder unangefochtener Flickr-Partyfoto-König mitleiden muss, nur weil man mit solchen Online-Heiden unter einem Dach wohnt. Wer weiß, vielleicht liefert der Pizza-Bringdienst bald nicht mehr an verpixelte Häuser - wie soll der Fahrer die schließlich erkennen? Am Ende argwöhnen sogar die eigenen Follower, man habe das Unaussprechliche selbst beantragt ...
Rache an den Abweichlern ist da Notwehr. Subtile Naturen hängen einen Zettel in den Hausflur und kündigen darauf an, man werde in Zukunft zum Schutz der Privatsphäre seiner Mitbewohner keine Pakete mehr für sie annehmen. Mit Glück trifft man damit auch mal den Richtigen, im Lauf der Adventszeit vielleicht. Wer es gerne rustikaler mag, bewirft gepixelte Häuser nachts mit Eiern und klebt den Bewohnern Zettel mit der Aufschrift "Google’s cool" an den Briefkasten, wie unlängst in Essen geschehen. Manch verstockte Ungläubige müssen eben mit groben Mitteln bekehrt werden, das wussten schon die Kreuzfahrer. Schließlich gilt es, den Untergang des Abendlandes abzuwehren, das rechtfertigt Eierwürfe. Jeder Angriff auf Street View zielt ins Mark der freien Welt, attackiert das schützenswerte Kulturgut der freien Online-Sicht, das der internationalen Netzgemeinde zu treuen Händen zum Geschenk gemacht wurde vom heiligen Google, dem wohltätigen Beglücker des Erdenkreises.
Über Religion gibt es nichts zu diskutieren, die ist ein Grundrecht und heiligt die Mittel, basta. Das wäre ganz was anders, wenn Google ein privates Wirtschaftsunternehmen wäre, das mit seinen Produkten Geld verdienen wollte. Wer würde dafür schon Eier auf fremde Häuser werfen?
(pek)
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