Im Sog des Preisstrudels
Und wieder springt einer über die Klinge: Sechs Jahre nach IBM stößt Hewlett-Packard die PC-Sparte ab - und zwar aus der Position des Marktführers heraus (s. c't 19/11, S. 42). Doch die Verdienstmargen im Geschäft mit Desktop-PCs und Notebooks sind dem früher für den Softwarekonzern SAP tätigen HP-Chef Léo Apotheker schlichtweg zu klein. Er behält bloß die profitableren Server und Drucker. Tablets und Smartphones mit dem teuer zugekauften Palm-Betriebssystem WebOS sterben dagegen aus. Das Potenzial der mobilen Gadgets hat HP nicht zu nutzen gewusst; vielleicht war der eigene Blick schon zu stark getrübt nach zehn Jahren voller Enttäuschungen mit Windows-Tablets und iPaq-Handhelds.
HP fehlte die zündende Idee, um dem PC-Preiskampf zu entrinnen. Mangels Innovationskraft musste man mit den Wölfen heulen: Noch billiger produzieren, noch mehr sparen - auch am Service, was langfristig Kunden vergrault. Aber es liegt wohl auch am Produkt selbst: Der klassische Windows-PC, egal ob Blechkiste, All-in-One oder Notebook, ist schlichtweg nicht mehr sexy, sondern ein Gebrauchsgegenstand. Obendrein noch einer, der nervtötende Nachteile mit sich herumschleppt: Quälend lahmes Booten, ewiges Herumgeklicke in schlecht durchdachten Programmen und trotz ständiger Updates allgegenwärtige Sicherheitslücken. Dass eine künftige Windows-Version jahrzehntealte Macken nachhaltig ausmerzt, glaubt niemand mehr.
Kein Wunder, dass immer mehr Käufer ihr Geld lieber in spannendere Produkte stecken. Und so, wie sich die PC-Tüftler vor 30 Jahren weder von Abstürzen, kryptischer Bedienung oder hohen Preisen abschrecken ließen, sehen die Tablet-, Smartphone- und Cloud-Nutzer heute über Sicherheitslücken und Datenschutzmängel hinweg: Ja, das ist alles noch nicht ausgereift - aber es macht halt so viel Spaß! Ähnlich empfinden offenbar auch junge, talentierte Programmierer, die Massen an pfiffigen Apps stricken. Auf dem Windows- oder Linux-Desktop findet man hingegen bloß noch langweilige Produktpflege. Wenn das meiste auch auf Smartphone, Tablet, Spielkonsole oder Smart TV funktioniert - wieso dann noch Geld für einen PC ausgeben?, denken sich viele. Solange ein aktueller Browser drauf läuft, langt doch auch eine billige oder ältere Kiste.
Wie die Netbooks beweisen, lässt sich mit Billigrechnern aber kaum Geld verdienen. Um im Geschäft zu bleiben, musste Microsoft eigens eine Windows-Ramsch-Edition auf den Markt werfen und Intel den kastrierten Atom. Für PC-Hersteller und -Händler bleibt fast kein Profit mehr übrig. Intel und Microsoft hingegen scheffeln noch immer Milliarden - schließlich ist der Computermarkt ein gewaltiger Brocken, der nicht von heute auf morgen verdampft. Doch angesichts der agilen Mobiltechnik-Herausforderer wirken die PC-Gralshüter wie schwerfällige Supertanker auf falschem Kurs. Um dem Preisstrudel zu entrinnen, der die PC-Sparten von IBM, Siemens und nun HP in die Tiefe riss, müssen sie jetzt gewaltig Fahrt aufnehmen.
(ciw)
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