Wahlkampf mit Stuxnet
Bei Satirikern ist es längst ein Running Gag: Der sicherste Weg, als US-Präsident wiedergewählt zu werden, ist ein Krieg. Andererseits sind echte Kriege teuer, sie kosten Menschenleben - unvermeidbar auch amerikanische - und sind seit Afghanistan und Irak bei der eigenen Bevölkerung auch nicht mehr so richtig populär.
Also hat sich Obamas Wahlkampfteam einen Ersatz einfallen lassen: virtualisierten Krieg - den Cyber-War. Der ist sauber, billig und für die eigenen Truppen völlig ungefährlich. Indem sie jetzt Obama zum starken Mann hinter Stuxnet stilisieren, kann der beweisen, dass er durchaus willens und in der Lage ist, Amerika offensiv in der ganzen Welt zu "verteidigen". Statt einen echten Krieg gegen den Iran zu führen, vernichten amerikanische Cyberkrieger unter Obamas Oberbefehl deren geplante Massenvernichtungswaffen schon im Vorfeld mit Cyberwaffen wie Stuxnet. Und die NSA schaltet fleißig Stellenanzeigen für ihr "Cyber Exploitation Corps".
Was die Wahlkämpfer dabei außer Acht gelassen haben, ist, dass die USA im sprichwörtlichen Glashaus sitzen. In keinem anderen Land sind so große Teile der kritischen Infrastruktur mit dem Internet verknüpft. Und es ist kein Geheimnis, dass es um deren Sicherheit schlecht bestellt ist. Wer mal ein wenig mit der auf die Schwachstellensuche in Steuerungssystemen spezialisierten Suchmaschine Shodan rumgespielt hat, den packt das kalte Grauen. Sogar dumme Würmer haben es bereits in die Steuerungssysteme von Kraftwerken geschafft. Letztes Jahr veröffentlichte ein anonymer Hacker demonstrativ Screenshots der Steuerungssoftware eines texanischen Wasserwerks. Und die Antivirenhersteller singen ein Lied davon, um wie viel schwerer im Cyberspace die Rolle des Verteidigers ist - besonders wenn man es mit versierten Angreifern zu tun hat, die zielgerichtet die schwächste Stelle attackieren.
Nachdem Obama nun die Sabotage durch Computerschädlinge als legitimes Mittel etabliert hat, zwischenstaatliche Auseinandersetzungen auszufechten, werden sich andere Länder nicht lange bitten lassen. Ob es wohl wirklich Zufall ist, dass sich wenige Tage später die Bundeswehr mit einer "Anfangsbefähigung" für Attacken in "gegnerischen Netzen" brüstete? Nun ist Deutschland kein Feind und es mag sein, dass die USA von Ländern wie dem Iran in dieser Hinsicht nicht allzu viel zu befürchten haben. Aber zumindest gegenüber China und Russland haben die USA eine sehr empfindliche Flanke entblößt. Allein das Drohpotenzial und die damit möglichen Erpressungsszenarien mag man sich gar nicht ausmalen. Auch ganz ohne richtigen Cyberkrieg könnte dieses Wahlkampfmanöver die USA letztlich sehr teuer zu stehen kommen.
(ju)



