Ein Herz für Dinos
Hätte ich mich doch nicht nach vorn gebeugt! Mit einem lauten Batsch landete das Smartphone mit dem Gesicht nach unten auf den Küchenfliesen, begleitet von einem trockenen Knackser - die Sorte, bei der man sofort weiß, dass da was irreparabel futsch ist.
Und so war es dann auch. Nein, das Display hats überlebt, aber das Scharnier für die Tastatur ist gebrochen, jetzt klappert das Display nur noch lose rum. Grundsätzlich lässt sich das schöne Ding noch benutzen, aber es ist abzusehen, dass auch der Rest der Mechanik bald aufgeben wird.
Moment, Mechanik? Tastatur? Was ist das denn bitte für vorsintflutliche Hardware? Es ist ein Nokia E7-00. Bitte, stimmen Sie ruhig in den Chor der hämisch Lachenden ein; hinter der Redaktion ist noch Platz frei. Was habe ich mir alles anhören müssen, als ich mir das Ding zugelegt habe. Aus der Mac-Fraktion: "Fortschrittsverweigerer." Aus der mobilen Ecke: "Das ist Symbian, kein Smartphone." Und aus der Chefredaktion: "Wer kauft heute noch ein Handy mit Tastatur?"
Hätte das Scharnier nicht nachgegeben, wäre vermutlich das Display zersprungen. Doch das blieb heile, dank Gorillaglas. "Ich dachte, so was hat nur das iPhone?" Datenblätter lügen nicht. "Boah, ist das Teil schwer." Das liegt zum einen am soliden Alu-Gehäuse, zum anderen an der Mechanik für die Tastatur.
Weiteres Mobbing breche ich gern mit einer knappen Erklärung ab: Ich habe mein Handy danach ausgesucht, ob man damit Leuten den Schädel einschlagen kann. Dann ziehe ich den Finger an der ausgeklappten Display-Kante entlang; schon ist Ruhe.
Und jetzt ist es futsch. Für die Reparaturkosten kriegt man ein halbes neues Handy. Und so durchstöbere ich alsbald die jüngsten Artikel der mobilen Kollegen nach einem zeitgemäßen Ersatz.
Ich wäge das Potenzial von Windows Phone ab, führe mir die Vorteile von iOS zu Gemüte und informiere mich über Mittel und Wege, Android zu rooten. Lange starre ich auf ein Blackberry: Eine echte Tastatur. Mmmh. Ich mag Tastaturen.
Stunden vergehen, in denen ich mit meinem Schicksal hadere, Geräte auswähle und die Entscheidung noch vor dem Kauf zurücknehme. Es ist zwei Uhr morgens, als ich entnervt "Nokia E7-00" ins eBay-Suchfenster eintippe. Am nächsten Nachmittag habe ich ein neues Gebrauchtes geschossen.
Auch wenn es mich zum Gespött der Redaktion macht: Das gute Teil erfüllt meine Bedürfnisse. Ich brauche nicht zweimal die Woche auf die Pirsch nach neuen Apps zu gehen, hier ist fast alles inklusive. Klar ist Symbian dem Tode geweiht, aber wie unterscheidet sich dieses Schicksal von dem der Geräte, die vergeblich auf Android 4.1, iOS 6 oder Windows Phone 8 warten? Morituri te salutant.
Voll innerer Ruhe spiele ich das Backup von meiner Sturzruine auf dem neuen Alten ein. Kurz darauf ist alles wieder so, wie es sein muss. Jagt ihr ruhig dem idealen Smartphone und der perfekten App hinterher. Ich habe ein Handy, das alles kann, was ich brauche, und bin zufrieden.
(ghi)



