Die EU will die Digitalisierung des Kulturerbes vorantreiben. Als Flaggschiff-Projekt soll die Europäische Digitale Bibliothek zu einem „Spiegel der kulturellen Identität“ werden.
Aufgeschreckt durch Googles Print Library, die mittlerweile auch die Bayerische Staatsbibliothek zu den Kooperationspartnern zählen kann, und ähnliche Retrodigitalisierungsprojekte von Amazon und Yahoo hat die EU-Kommission „Digital Libraries“ zu einem Schwerpunkt des Programms Informationsgesellschaft 2010 (i2010) erhoben. Mit der Hebung der Schätze in den Sammlungen von Europas Archiven, Bibliotheken und Museen will sie beweisen, dass die Union mehr ist als nur ein gemeinsamer Wirtschaftsraum. Bis 2010 sollen, so das ehrgeizige Ziel, mindestens sechs Millionen Multimedia-Objekte über die „European Digital Library“ (EDL) im Cyberspace allgemein zugänglich sein.
Für die Bundesregierung sei die EDL ein „Leuchtturm-Projekt“, erklärte der zuständige Abteilungsleiter beim Bundesbeauftragten für Kultur und Medien, Hermann Schäfer, auf einer zweitägigen Veranstaltung unter der deutschen EU-Ratspräsidentschaft. Geladen hatten die Stiftung Preußischer Kulturbesitz und die Bund-Länder-Arbeitsgruppe EUBAM für die europäischen Angelegenheiten der Bibliotheken, Archive, Museen und Denkmalpflege. Die „Kulturwirtschaft“, meinte Schäfer, sei ein „Wachstumsmotor für Europa“ und das „kulturelle Material“ eine „wichtige Ressource für Mehrwertdienste“; die „Investitionen in die Digitalisierung sind daher zugleich eine Investition in den Wirtschaftsstandort Europa“.
Eine erste Version der EDL soll bis Ende 2008 im Einsatz sein und einen integrierten Zugang zu dem ständig wachsenden digitalen Bestand schaffen, der über die Vielzahl europäischer „Gedächtnisinstitutionen“ verteilt ist. Im Rahmen des „eContentPlus“-Programms hat die Kommission bereits 60 Millionen Euro für die bereichsübergreifende Vernetzung, die Zusammenarbeit an Standards und die Lösung von Interoperabilitätsproblemen zur Verfügung gestellt; im Rahmen des siebten Forschungsrahmenprogramms sind in den kommenden zwei Jahren weitere 200 Millionen Euro für die Content-Digitalisierung vorgesehen. Die Aufgabe ist überwältigend: Allein der Bestand in Europas Bibliotheken wird auf mehr als 2,5 Milliarden Bücher und Zeitschriftenbände geschätzt.
Im vergangenen November waren die Kulturminister im EU-Rat der Kommissionsempfehlung gefolgt, die Digitalisierungsprojekte aufeinander abzustimmen und zum Aufbau der EDL beizutragen. „Wir müssen die Digitalisierung effizienter angehen“, und dazu gehöre auch, „Archive und Museen von Anfang an einzubinden“, erläuterte Horst Forster von der Brüsseler GD Informationsgesellschaft und Medien das Programm. Digitale Bibliotheken seien nicht allein eine öffentliche Aufgabe, sondern über Public/Private Partnerships müsse auch privates Kapital mobilisiert werden. „Man sollte nicht meinen, dass es per se schlecht ist, wenn dabei ein Unternehmen von außerhalb Europas kommt“, appellierte er in Berlin an die rund 500 Fachvertreter und nannte als Beispiel die Kooperationen der British Library mit Microsoft und der Oxford University mit Google.
Dem „EDLproject“ unter der Federführung der Deutschen Nationalbibliothek obliegt es nun, die Ratsentschließung umzusetzen. Einen Kristallisationskeim bildet dafür „The European Library“ (TEL). Dieses mehrsprachige Portal wurde bereits 2004 von der Konferenz der Europäischen Nationalbibliothekare (CENL) ins Leben gerufen, einer 1987 gegründeten Nicht-Regierungsorganisation von Bibliotheksvertretern aus den 46 Mitgliedsstaaten des Europarates. Es erlaubt über eine einzelne Suchanfrage derzeit die Vollrecherche in den Beständen von 22 Nationalbibliotheken, die den Dienst selbst finanzieren; noch in diesem Jahr soll sich der Kreis auf 31 TEL-Mitglieder erweitern.
Die Generaldirektorin der Deutschen Nationalbibliothek Elisabeth Niggemann warb auf der Berliner Veranstaltung dafür, den Begriff „Bibliothek“ in dem EDL-Projekt nicht zu eng zu verstehen; mit dem Teilprojekt „TEL-NET“ werde bereits die Vernetzung mit den Kollektionen von Archiven und Museen in Angriff genommen. Zugleich betonte sie, dass es nicht um eine Konkurrenzveranstaltung zu Google gehe. Wer eine Suchmaschine zum Ausgangspunkt der Recherche nimmt, werde genauso auf die Sammlungen stoßen wie beim direkten Einstieg über das EDL-Portal, „sodass Google uns letztlich Nutzer zuführt“.
In der Bundesrepublik gibt es mehr als 6500 Museen, 18 000 Bibliotheken und 6000 Archive. Vor allem die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) hat in den vergangenen Jahren eine Fülle einzelner Digitalisierungsprojekte vorangetrieben und finanziert, doch aufgrund der föderal geteilten Zuständigkeiten existiert bislang kein national abgestimmtes Gesamtkonzept. Das soll sich nun ändern. Noch in diesem Jahr, kündigte Schäfer an, würden Bund und Länder eine gemeinsame Strategie verabschieden. Nach einer ersten Bestandsaufnahme baut EUBAM bis zum Sommer eine zentrale Datenbank zu den laufenden und abgeschlossenen Vorhaben auf (www.kulturerbe-digital.de). Sie wird allerdings nur Informationen und Materialien zu Aktivitäten und „Best Practices“ umfassen, der Zugang zu den Inhalten selbst soll dann über die geplante „Digitale Bibliothek Deutschland“ erfolgen. Diese wird für die Nutzer eine spartenübergreifende Anlaufstelle darstellen, wie sie in Gestalt von www.bibliotheksportal.de für die Bibliotheken und www.vascoda.de für den Bereich der Wissenschaft bereits existieren und mit weiteren Portalen für den Archiv- und Museumsbereich noch im Aufbau sind. „Wir erproben im Kleinen, was auf europäischer Ebene in größerem Maßstab geleistet werden muss“, umriss Schäfer das Verhältnis zwischen der EDL und ihrem deutschen Gegenstück.
Weitgehend ausgespart blieben auf der Veranstaltung die Schwierigkeiten mit der Einbindung urheberrechtlich geschützten Materials. Schäfer räumte nur ein, dass es Probleme gäbe, ging aber nicht weiter darauf ein; er beschränkte sich auf die Feststellung, dass der Zugang für jedermann zu geringen Kosten möglich sein müsse. So ist mangels politischer Vorgaben nach wie vor ungeklärt, ob die Werke im Wege des „Open Access“ frei zugänglich gemacht werden können oder sich die Digitalisierung über Zugangsgebühren refinanzieren soll, was allerdings dem Ziel zuwiderliefe, Europas Kulturgut weltweit im Netz sichtbar zu machen. Die Brüsseler Generaldirektion hat eine Expertengruppe berufen, die nun gemeinsam mit Vertretern der Medienindustrie nach Lösungen „innerhalb der vom Urheberrecht gezogenen Grenzen“ sucht. Auf die Ergebnisse darf man gespannt sein - momentan gibt es in der Erbengemeinschaft noch sehr unterschiedliche Vorstellungen von den Wegen, die zur europäischen Kulturplattform führen. (jk)
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