Fairphone im Kurztest

@ctmagazin | Blog

Das Fairphone soll sozialer und umweltfreundlicher sein als andere Smartphones. Unser Kurztest zeigt, was es rein technisch gesehen drauf hat.

Zwischenzeitlich musste man beim Thema Fairphone an die zahlreichen Start-Ups denken, die vollmundig ein neues Gadget angekündigt hatten, dieses dann aber nie auf den Markt brachten. Zuerst verschoben die Amsterdamer die Auslieferung ihres fairen Smartphones von Oktober auf Mitte Dezember, dann noch einmal um ein paar Wochen. Viele Kunden wurden nervös, sie hatten schon im Sommer bestellt und bezahlt.

Dann kam heraus, dass Fairphone falsche technische Daten zum Quad-Core-Prozessor angegeben hatte: Statt maximal 42 MBit/s UMTS-Downlink kann er tatsächlich 21,1 MBit/s, statt 1080p- nimmt er nur 720p-Videos auf. Peinlich, auch wenn die Einschränkungen in der Praxis nur wenige Nutzer stören.

Als die Produktion dann im Dezember endlich anlief, fiel Fairphone-Mitarbeitern bei einer Stichprobe in der Fabrik eine Charge mit fehlerhaften Gehäusen auf. Die nächste Verzögerung war die Folge. Außerdem empören einige Käufer sich zurzeit über angeblich falsche Versprechungen von Fairphone über die Möglichkeit, andere Betriebssysteme zu installieren.

Doch das Fairphone ist keine Vaporware: Die ersten 11.000 Stück sind produziert und werden zurzeit in mehreren Chargen ausgeliefert – maßgeblich für die Reihenfolge ist das Kaufdatum. Das von c't gekaufte Fairphone (Bestellnummer 1284) traf am heutigen Donnerstag in der Redaktion ein.

Im Karton liegen das Smartphone, eine Kurzanleitung und ein paar Postkarten, aber wie angekündigt kein Ladegerät und kein Headset – Fairphone wollte nichts unnötiges produzieren. Ein Ladegerät und eine Plastikhülle kann man gegen Aufpreis ordern.

Gehäuse

Das Fairphone ist keine Eigenentwicklung des Amsterdamer Start-Ups, sondern eine leicht abgewandelte Version eines Smartphones des chinesischen Herstellers A'Hong. Es ist auffällig schwer (163 Gramm) und ziemlich dick (1 Zentimeter). Laut Fairphone sind Glasscheibe und Display absichtlich nicht miteinander verklebt, damit man das Glas im Schadensfall separat und damit günstiger tauschen kann – diese mittlerweile altmodische Bauweise erklärt das dicke Gehäuse zum Teil. Ob man das hohe Gewicht als nervig oder wertig empfindet, ist Geschmackssache.

Auf der Rückseite kann man einen Alu-Deckel abnehmen. Darunter sitzen die beiden SIM-Steckplätze, der MicroSD-Slot und der wechselbare Akku. Das Display (4,3 Zoll) ist ein bisschen zu groß für einhändige Bedienung. Telefonie und die Auswahl der gewünschten SIM-Karte für Anrufe funktionierten im Test problemlos.

Betriebssystem

Als Betriebssystem dient Android 4.2 mit einer von Kwamecorp aus Lissabon für Fairphone angepassten Oberfläche. Die Einrichtung geht schnell und einfach. Allerdings sind keine Google-Apps vorinstalliert – Fairphone hat es nicht rechtzeitig geschafft, dafür eine Lizenz von Google zu erhalten.

Der Nutzer soll die Apps deshalb selbst herunterladen und installieren. Dazu tippt man ein Widget auf dem Startbildschirm an und folgt den Anweisungen. Zwei Minuten und einen Neustart später sind die Google-Apps an Bord. Sie stammen vermutlich aus einer der zahlreichen inoffiziellen, nicht von Google abgesegneten Quellen, funktionieren aber wie gewohnt. Google Maps muss man aus dem Play Store nachladen.

Die Oberfläche entspricht weitgehend dem Original-Android, sie ist nur an wenigen Stellen angepasst: Zum Beispiel gibt es einen speziellen Launcher zum Start wichtiger Apps. Nicht alle speziellen Fairphone-Texte sind ins Deutsche übersetzt.

Der Nutzer hat von Anfang an Superuser-Status, sodass man in den Einstellungen unter dem Punkt "Superuser" bestimmten Apps Root-Rechte erteilen darf, zum Beispiel dem beliebten Titanium Backup. Ob der Bootloader entsperrt ist, konnten wir im Bootmenü nicht feststellen.

Geschwindigkeit

Insgesamt lässt sich das Fairphone ziemlich flott bedienen und wirkt flüssig, nur in der Galerie-App hakelt es ein wenig. Apps starten nicht so schnell wie man es von iPhone und Co. gewohnt ist, der Unterschied fällt im Alltag aber kaum auf.

Auch im Browser scrollt und zoomt das Smartphone recht flüssig. In aufwendigen Apps wie GTA oder Asphalt merkt man aber den Unterschied zu den Highend-Smartphones deutlich: Es ruckelt oder läuft langsamer, obwohl es eine niedrigere Auflösung hat. Wir konnten unsere 1080p-Test-Videos (diverse Formate) in der Standard-Video-App nicht abspielen. In einigen 720p-Videos fielen uns immer mal wieder kurze Hakler auf.

Display

Die Auflösung (960 × 540 Pixel, 254 dpi) ist niedriger als die eines iPhone 5S (325 dpi) oder Google Nexus 5 (443 dpi), wir empfanden sie aber als völlig ausreichend. Texte wirken scharf, nur beim genauen Blick entdeckt man Pixel.

Auch sonst gefällt uns das Display gut. Mit bloßem Auge sehen wir keinen Farbraum-Unterschied zum iPhone, es könnte also sogar sRGB sein – das muss aber unser ausführlicher Test klären. Aus flachen Blickwinkeln dunkelt das IPS-Panel stärker ab als ein Highend-Smartphone, was im Alltag aber kaum stört.

Kamera

Die Kamera ist allerdings ziemlich schlecht: Fotos zeigen einen starken Rotstich in der Bildmitte, wirken nachbearbeitet und geglättet. Bei kontrastreichen Szenen überstrahlen die Bilder sehr schnell. Das Auslösen dauert etwa 0,5 Sekunden, auch sonst wirkt die Kamera-App etwas träge. Videos werden als 3GP und maximal in 720p gespeichert, die Qualität ist mäßig. Insgesamt würden Fotos und Videos in einem c't-Vergleichstest nur die Note 4 bekommen.

Vergrößern Beispielfoto der 8-Megapixel-Kamera: In der Mitte haben die Bilder einen Rotstich.

Zwischenfazit

Die Akkulaufzeit, für viele Nutzer das wichtigste Kriterium, können wir erst morgen bewerten und hier nachtragen. Bis dahin gilt als vorläufiges Fazit: Das Fairphone ist technisch gesehen ein typisches Smartphone der unteren MIttelklasse. Das Display gefällt uns gut, Gehäuse und Geschwindigkeit gehen in Ordnung, nur die Kamera enttäuscht.

Der Preis von 325 Euro ist für das Gebotene ziemlich hoch – technisch gesehen. Wenn man bedenkt, dass ein nicht profitorientiertes Start-Up eine kleine Stückzahl in Auftrag gegeben hat und ein Teil des Kaupfreises direkt in bessere Arbeitsbedingungen und ein Recycling-Projekt fließt, erscheint der Preis in einem anderen Licht. Schließlich gibt es bislang kein vergleichbares Produkt.

Wie fair – also wie sozial und wie umweltfreundlich – das Fairphone wirklich ist, analysieren wir in c't 4/14. Die Ausgabe liegt am 27. Januar am Kiosk.

[Update, 3.1.2014, 17:30] Im ersten Laufzeittest mit normaler Displayhelligkeit (200 cd/m2) und Videowiedergabe schaffte das Fairphone 7,1 Stunden und beim Surfen über WLAN (hochgerechnet mit halbleerem Akku) 8,8 Stunden – mittelmäßig, für eine abschließende Bewertung müssen wir aber noch weitere Laufzeiten messen. Den JavaScript-Benchmark Sunspider 1.0.2 schafft das Fairphone in 1441 ms, ähnlich schnell wie das HTC One Mini und das Motorola Moto G. Das Piece-of-Mind-Widget, den Flugmodus-Timer, gibt es auch für andere Android-Smartphones, dank der Entwicklergemeinde von xda. [\Update]

[Update, 6.1.2014, 16:30] Laut Fairphone sind nicht alle Geräte vom oben erwähnten Rotstich der Kamera betroffen. Man prüfe aber zurzeit, wie man die Bildqualität mit einem Software-Update verbessern könne. [\Update]

Fairphone: Technische Daten
Betriebssystem Android 4.2.2
Display 4,3 Zoll IPS, 960 x 540, 254 dpi, 386 cd/m2
Chipsatz Mediatek MT6589M (Quad-Core, 1,2 Ghz)
Speicher 16 GByte Flash, 1 GByte RAM
Schnittstellen microUSB 2.0, microSD, Dual-SIM, Kopfhörer
WLAN / Dual-Band 802.11b/g/n / -
GPS / Bluetooth / NFC A-GPS / 4.0 / -
Kamera 8 Megapixel / 1,3 Megapixel (Front)
Akku 2000 mAh, wechselbar
Gewicht 170 g
Abmessungen 126 mm x 63,5 mm x 10 mm
Preis 325 Euro

(cwo)

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