Friede, Freude und freie Eierkuchen-Rezepte, Teil 1

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Unsere dreiteilige Serie spürt den freien Inhalten im Netz hinterher – von Unterhaltung und Bildung über Forschung und Lehre bis zu Strickmustern und Fotosammlungen. Der erste Teil widmet sich der Unterhaltung: Musik, Filme und Bücher.

Unsere dreiteilige Serie spürt den freien Inhalten im Netz hinterher – von Unterhaltung und Bildung über Forschung und Lehre bis zu Strickmustern und Fotosammlungen. Der erste Teil widmet sich der freien Unterhaltung: Musik, Filme und Bücher.

Teil 1: Freie Musik, Filme und Bücher
Teil 2: Freie Forschung, Lehre und Bildung
Teil 3: Hobby und Kultur

Mit freier Software fing es an, jetzt sind die Daten selbst an der Reihe: Wissenschaft, Kunst, Kultur und die öffentliche Hand besinnen sich auf den Wert der freien Verfügbarkeit von Informationen und stellen Daten oder Werke für jedermann zugreifbar ins Internet. Das steigende Bewusstsein über Lizenzen jenseits von "Alle Rechte vorbehalten" ist dabei nicht zuletzt dem Erfolg der freien Software zu verdanken. Die Wikipedia ist nur eines der bekanntesten Projekte dieser Art, in dem es nicht mehr nur um Software geht, sondern um die Essenz der modernen Welt: Information.

Um sich die Tragweite und die politische Brisanz einer freien Lizenz zu vergegenwärtigen, muss man sich zunächst erinnern, dass heutzutage praktisch alles und jedes an Informationen unter irgendeiner Lizenz, Copyright, Patent, Gebrauchsmusterschutz oder Urheberrecht steht – je nach regionaler Gesetzgebung. Die vielbeschworene Informationsgesellschaft lebt von lizenzierten Bild-, Ton-, Text- und Rohdaten. Vom Schnittmuster bis zu Wetterdaten, von Datenzusammenstellungen in der Biologie bis zu wissenschaftlichen Fachartikeln, von den Landkarten der Katasterämter bis hin zu Klassikern der Literatur – praktisch alles unterliegt mehr oder weniger eingeschränkten Nutzungsbedingungen und kann nicht frei verwendet, kopiert oder gar verändert werden.

Richtig restriktiv wird es, sobald Rohdaten und Informationen aufbereitet oder als Kompilation vorliegen. Wörterbücher beispielsweise – gewissermaßen also unsere Muttersprache selbst – stehen nicht zur freien Kopierbarkeit zur Verfügung. Leserkorrekturen der Online-Version des Dudens? Verb-Listen zum Herunterladen? Jeder Wächter der deutschen Sprache müsste eigentlich ein glühender Befürworter des möglichst freien Zugriffs auf die deutsche Sprache selbst sein; hilft der freie Zugang doch der Verbreitung und Bekanntmachung von Informationen.

Oftmals lautet das Argument, dass hier schließlich ein Unternehmen in teurer Arbeitszeit ein Werk geschaffen oder Daten zusammengestellt habe und sich diese Arbeit – durchaus zu Recht – bezahlen lassen wolle. Lassen wir das Argument zunächst einmal gelten und fragen: Was ist mit Daten, die von Staats wegen erhoben werden? Mit Daten und Informationen, die nicht von einem privatwirtschaftlichen Unternehmen produziert, sondern direkt oder indirekt über Steuergelder von den Bürgern eines Landes bezahlt werden?

Moderne Staaten tragen jahrhundertealte Informationsrattenschwänze hinter sich her, die über Archiv- und Statistikgesetze geregelt werden. Frei verfügbar? Nutzungsrechte bei den Bürgern eines Landes? Alles digitalisiert und im Internet für Forschung und Neugierige anzuklicken? Beleibe nicht. Die Absurditäten der modernen Informationsgesellschaft zeigen ihren Höhepunkt in der Tatsache, dass in manchen Städten und Ländern Touristen keine Denkmäler oder Gebäude fotografieren und auf ihrer Webseite publizieren dürfen: Die Abbildung des Schlosses von Großherzog Erwin dem Kahlköpfigen von Annodunnemals ist eben nichts für jedermann.

Nun kann man viel kritisieren und jeder einzelnen Institution nachweisen, wie unpraktisch, unsinnig und der Zukunft der Informationsgesellschaft wenig zuträglich ihre Handhabung der Datenverfügbarkeit ist; man kann aber auch einfach anfangen, den gleichen Weg zu gehen wie die Welt der freien Software: Daten und Informationen neu schaffen und jedermann wenigstens verhältnismäßig frei zur Verfügung zu stellen.

Jenseits von Linux, den freien BSD-Derivaten und Open-Source-Software keimt und blüht ein wachsendes Angebot von freien Büchern, Artikeln, Bildern, Noten, Musikstücken, Filmen, Schnittmustern, Kochrezepten, Wörterbüchern, Sprachkursen, wissenschaftlichen Artikeln, Rohdaten, biologischen Informationen. Es gibt sogar Forschungseinrichtungen, die Howtos und Informationen zur Verfügung stellen und sich explizit auf die Freie-Software-Welt als Ideengeber und Vorbild berufen. Ähnlich wie in der Welt der freien Software existieren Mischformen und halbkommerzielle Übergänge wie beispielsweise "zum freien Gebrauch, aber mit Copyright" – der Isländisch-Sprachkurs der Universität Island oder die Wörterbücher von Leo.org sind nur zwei von vielen Beispielen.

Warum also sich im politischen Kleinkrieg mit Juristen aufreiben, um einen freien Zugang zu irgendwelchen Informationen zu erkämpfen, wenn man besser einfach selbst neue erschafft? Die Frage nach der Kopierbarkeit durch den Nutzer hat sich – im Prinzip zumindest – mit einer freien Lizenz des Werks schlicht erledigt.

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