Vertreter aus Entwicklungsländern machten beim Weltgipfel der Informationsgesellschaft Front gegen Microsoft. Brasilien, Chile, Peru und Kuba gehörten zur Speerspitze. Sérgio Amadeu da Silveira vom IT-Institiut der brasilianischen Bundesverwaltung beschreibt im c't-Interview die Beweggründe für die Forcierung von Open-Source-Software.
Brasilien hat sich zum Vorreiter der Open-Source-Bewegung in Lateinamerika entwickelt, seitdem Luiz Inácio Lula da Silva von der linken Arbeiterpartei zum Präsidenten gewählt wurde. Sprecher des in der Bevölkerung schlicht als Lula bekannten Präsidenten erklärten, die Regierung wolle 80 Prozent der neu anzuschaffenden Computer mit Open-Source-Software ausstatten und auch vorhandene PCs über kurz oder lang auf offene Betriebssysteme umstellen. Außerdem sollen alle mit öffentlichen Geldern finanzierten Softwareprojekte als Open Source veröffentlicht werden.
Dabei setzt das südamerikanische Land auf die neue Creative-Commons-GPL-Lizenz [1|#literatur]. Diese erweitert die klassische GNU General Public License (GPL) der Free Software Foundation um das Interface und die Metadaten der Creative-Commons-Lizenzen. Die kalifornische Non-Profit-Organisation Creative Commons begann vor gut einem Jahr damit, Urheberrechtslizenzen für Musiker, Autoren, Filmemacher und andere Kreative zu veröffentlichen. Diese Lizenzen lassen sich individuell miteinander kombinieren, um Urhebern eine möglichst große Flexibilität im Umgang mit ihrem geistigen Eigentum zu geben. Auf Wunsch des brasilianischen Musikers und derzeitigen Kulturministers Gilberto Gill hat die Creative-Commons-Gruppe zudem die erste ausgesprochene alternative Musiklizenz entworfen, eine „Sample-License“, die speziell für den Remix von Musikstücken gedacht ist [2|#literatur].
| Sérgio Amadeu da Silveira, Direktor des IT-Instituts der brasilianischen Regierung: „Software ist ein Produkt, das den Aufbau gemeinsamen Wissens ermöglicht. Dagegen versucht die Industrie, den Menschen das Denken eher zu verbieten.“ |
Anders als in Industrienationen, in denen staatliche Verwaltungen Linux-Inseln als eine Art Luxus schaffen, ist der Verzicht auf teure Microsoft-Lizenzen eine schiere ökonomische Notwendigkeit: Brasilien habe als Entwicklungsland schlicht nicht die ökonomischen Mittel, Lizenzen zu bezahlen, betont Sérgio Amadeu da Silveira, Direktor des Instituto Nacional de Tecnologia da Informaçã der Bundesverwaltung der brasilianischen Regierung, im Interview mit c't.
[i]c't: Warum hat sich Brasiliens Regierung entschieden, auf Open-Source-Software umzusteigen? [/i]
Sérgio Amadeu da Silveira: Zuerst stellt sich doch die Frage, welchen Nutzen Open-Source-Software den Entwicklungsländern bringt ... Die Antwort darauf offenbart die eigentlichen Beweggründen unseres Enthusiasmus für diese neue Herangehensweise an die Informationstechnik. Erst einmal sind wir fest davon überzeugt, dass Software ein Produkt ist, das den Aufbau gemeinsamen Wissens ermöglicht. Man kann eine Parallele zu Büchern ziehen. Wenn ein Autor ein Buch schreibt, kann man seine Hauptideen weiterverwenden, die man ihm auch zurechnet, und man kann sich den Ideen anschließen oder andere dagegensetzen. Dagegen versucht die Industrie, den Menschen das Denken eher zu verbieten. Wenn Patente auf logische Routinen akzeptiert werden, büßt man die Chance ein, Wissen zu teilen und zu verbreiten.
Der zweite Grund ist, dass unser Land als Entwicklungsland schlicht nicht die ökonomischen Mittel hat, Lizenzen zu bezahlen und die Lizenzgebühren in die Industrieländer zu schicken. Wir sagen, die Rechteverwertung ist eine Art und Weise, wie Kapital aus unserem Land abfließt. Das verstärkt das Defizitproblem, das die meisten Entwicklungsländer haben. Daneben haben wir, wie praktisch alle Entwicklungsländer, ein Arbeitslosenproblem. Die Open-Source-Lösung erlaubt uns, dass Entwicklung und Vertrieb bei uns auf lokaler Ebene betrieben werden können. Das versetzt das Land in eine wesentlich bessere Situation. Heute ist Brasilien sehr abhängig, man kann sogar sagen, eine Geisel einer proprietären Lösung. Wir sehen es so, dass Open-Source-Software eine willkommene Lösung für Entwicklungs- und Schwellenländer ist, weil es auf dem Paradigma der globalen Entwicklung aufbaut. Es könnte die Integration von mehr Menschen in die Informationsgesellschaft erleichtern.
[i]c't: Die Entscheidung in Brasilien sieht vor, 80 Prozent der neuen Rechner in Brasiliens Verwaltung auf Open Source umzustellen. Was passiert mit den restlichen? [/i]
da Silveira: Wir haben den strategischen Plan, die Rechner in der Bundesverwaltung umzustellen. Der Plan besteht aus 18 Punkten und 29 Einzelzielen. Eines unserer Ziele ist die Migration unserer eigenen Dienste und Plattformen auf Open-Source-Software bis Ende 2004. Die Verwaltung hat rund 300 000 Desktop-Rechner und ist relativ dezentralisiert. Das bedeutet, dass die verschiedenen Abteilungen die Umsetzung der Ziele individuell planen müssen.
[i]c't: Sie haben auch eine Initiative gestartet, Cybercafés zu öffnen. Was sind dabei die Ziele? [/i]
da Silveira: São Paulo, die größte Stadt Brasiliens mit 10,5 Millionen Einwohnern, liegt im Bundesstaat São Paulo. Dort werden 33,4 Prozent des brasilianischen Bruttosozialprodukts erwirtschaftet. Wir rechnen damit, dass rund 80 Prozent der Bevölkerung dort nicht zur Informationsgesellschaft gehören, weil die Menschen keinerlei Zugang zum Computer haben.
Diese Menschen in die Informationsgesellschaft einzubeziehen, ist eine riesige Herausforderung. Als die Arbeiterpartei 2000 die Bürgermeisterwahlen gewonnen hat, haben wir entschieden, dass man auf diese Herausforderung sofort reagieren muss. Daher haben wir begonnen, Telezentren einzurichten. Die Leute können hier unentgeltlich Computer und Internet nutzen und bekommen Basiskurse.
[i]c't: Und dort wird auch mit Open-Source-Software gearbeitet? [/i]
da Silveira: Ja. Heute gibt es 102 Telezentren in den ärmsten Vierteln von São Paulo. 200 000 Menschen bekommen dort Zugang zur Informationsgesellschaft. Alle nutzen Open-Source-Lösungen. Offen gesagt, ich denke, das Projekt in dieser Form wäre unmöglich gewesen, wenn wir hohe Lizenzgebühren in das Budget hätten einrechnen müssen.
[i]c't: Welche Effekte erwarten Sie durch Ihre Initiativen auf die Privatwirtschaft? [/i]
da Silveira: Es gibt schon jetzt einige wichtige Firmen, die die Open-Source-Initiative unterstützen. Unternehmen wie IBM und lokale Firmen arbeiten bereits mit dem neuen Paradigma, sie schulen ihre Angestellten auf Open Source und entwickeln Open-Source-Lösungen.
[i]c't: Wie haben andere Regierungen auf Ihre Politik reagiert? [/i]
da Silveira: Während des UN-Weltgipfels der Informationsgesellschaft [3|#literatur] haben wir festgestellt, dass die meisten Regierungen diese Fragen gar nicht diskutieren. Die US-Delegation hat einen Vorstoß gemacht, die Erwähnung von Open-Source-Software als Alternative für nachhaltige Entwicklung in der Erklärung zu verhindern.
[i]c't: Es wurde immer wieder berichtet, dass Brasilien sich dagegen ausgesprochen hat, in der Abschlusserklärung zum UN-Weltgipfel auf die Verträge der World Intellectual Property Organization und die TRIPS-Abkommen [4|#literatur] der Welthandelsorganisation zum geistigen Eigentum zu verweisen. Warum? [/i]
da Silveira: Damit wäre aus unserer Sicht ein Negativszenario der technologischen Entwicklung in die Erklärung aufgenommen worden. Einige Verträge wie TRIPS oder auch [das US-Copyright-Gesetz] Digital Millennium Copyright Act sind Paradebeispiele für extrem strenge Rechteregelungen, die der Verbreitung und dem Teilen von Wissen schaden. Die Essenz von Information ist, dass Wissen ohne Verlust unter den Menschen geteilt wird und so täglich vermehrt werden kann. In der Informationsgesellschaft ist Wissen ein Gut von allerhöchstem Wert, und wir hoffen noch immer, dass die Informationsgesellschaft gleichberechtigter und fairer sein wird. Das war der Grund, warum wir in diesen Punkten den ursprünglichen Vorschlägen nicht zugestimmt haben.
[i]c't: Wie würden Sie die Ergebnisse des Weltgipfels der Informationsgesellschaft bewerten? [/i]
da Silveira: Der Gipfel drohte aus unserer Sicht zu einer bloßen Feststellung des aktuellen Status Quo zu werden. Die Abschlusserklärung hätte die negativen Tendenzen verstärkt, die in keinster Weise die Demokratisierung des Internets garantieren. Aber während des Gipfels haben Brasilien, Indien, Südafrika und einige andere Länder einige Diskussionen vorangetrieben. Es war möglich, einige Themen auf die Agenda zu setzen, darunter vor allem das Teilen von Wissen, kulturelle Unterschiede, Open-Source-Software und Demokratisierung des Internets. Um einen in Brasiliens Lieblingssportart, dem Fußball, gerne verwendeten Begriff zu gebrauchen: Ich hatte befürchtet, dass wir das Spiel beim Gipfel verlieren, bevor wir überhaupt angefangen haben. Jetzt haben wir ein Unentschieden. Das einzige, was ich sehr bedauere, ist, dass einige entwickelte Länder wie die Vereinigten Staaten oder Japan keine Finanzierung für die IT-Entwicklung und die Wirtschaft in armen Ländern vorgesehen haben. (jk)
[1] http://creativecommons.org/license/cc-gpl-br
[2] www.heise.de/newsticker/data/jk-12.12.03-001/
[3] Scheideweg, Die Weltinformationsgesellschaft zeigt wenig Visionen und schwachen politischen Willen, c't 1/2004, S. 40
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