Als erstes Studio hat Warner Home Entertainment in den USA Spielfilme in den beiden neuen HD-Disc-Formaten auf den Markt gebracht - und damit den lange erhofften 1:1-Vergleich scheinbar in greifbare Nähe gerückt.
Peter M. Bracke konnte sein Glück kaum fassen: Endlich, so der Autor in einem Bericht für die Website „High-Def Digest“ [1], sei nach Monaten der Vergleiche zwischen Äpfel und Birnen die Zeit einer „direkten 1-zu-1-Analyse mit identischem Quellmaterial“ zwischen den DVD-Nachfolgeformaten Blu-ray Disc und HD DVD gekommen. Auslöser für diese Euphorie waren die drei Spielfilme „Training Day“, „Kiss Kiss Bang Bang“ und „Rumor Has It“, mit denen Warner als erstes Studio seit dem 1. August in den USA Spielfilmtitel sowohl auf Blu-ray Disc als auch auf HD DVD anbietet.
Das Ergebnis des High-Def-Digest-Vergleichs wurde von diversen Websites in der ganzen Welt, meist in verkürzter Form und mit knackigen Überschriften, wiedergegeben - was kaum verwundert, da Bracke die HD DVD am Ende mit 3:0 unerwartet klar zum Sieger erklärte. Und tatsächlich sind die von dem US-Autoren vorgebrachten Kritikpunkte durchaus nachvollziehbar: So sollen Farbübergänge bei der Blu-ray-Fassung von „Training Day“ - vor allem bei Überblenden - wesentlich stärker zu sehen sein als bei der HD-DVD-Version. Der HD-DVD-Fassung von „Rumor Has It ...“ bescheinigte Bracke mehr Kontrast als der Blu-Ray-Version, während er bei allen drei Blu-ray Discs ein zu dunkles beziehungsweise etwas ausgewaschen erscheinendes Bild kritisierte.
Anders als die Einleitung des US-Autors vermutet lässt, liegt hier aber kein identisches Quellmaterial vor, das einen Direktvergleich erlauben würde. Tatsächlich benutzt Warner für die beiden Zielmedien unterschiedliche Video-Codecs: Die HD DVDs sind mit Microsofts VC-1 komprimiert, bei den Blu-ray Discs setzte man hingegen auf das veraltete MPEG-2 - ein Umstand, der in dem Testbericht von High-Def Digest lediglich in einem knappen Satz im Rahmen der ausführlichen „Training Day“-Besprechung erwähnt wird.
Letztlich handelt es sich also um einen Vergleich zweier Kompressionsverfahren, der nur die bereits von c't in ersten Tests getroffene Feststellung bestätigt, dass man bei Blu-ray bislang auf eine Notlösung setzt, die schlichtweg nicht funktioniert (siehe [2]). Blu-ray Discs mit VC-1-komprimierten Filmen sollen nach Aussagen von Branchenkennern frühestens im kommenden Frühjahr auf dem US-Markt erscheinen.
Bracke selbst gibt bei seinem Test zudem an, dass den Bildern der Blu-ray-Fassung im Vergleich zur HD-DVD-Version jeweils an beiden Seiten ein Stück fehlt. Da der verwendete Samsung BD-P1000 der bislang einzige verfügbare Blu-ray-Player ist, bleibt unklar, ob das Wiedergabegerät die Filme beschneidet oder die Discs entgegen der Angaben auf den Hüllen nicht jeweils dasselbe Seitenverhältnis aufweisen. Auf jeden Fall ist die Angabe, die Blu-ray Discs enthielten wie die HD-DVD-Versionen Dolby-Digital-Plus-Soundtracks, falsch - tatsächlich muss man sich dort mit gewöhnlichem Dolby Digital begnügen. Immerhin stimmt, dass der Blu-ray Disc von „Training Day“ der verlustfrei komprimierte TrueHD-Soundtrack fehlt.
Böse Absicht ist weder Bracke noch den Zitierenden zu unterstellen, eher eine Art „Betriebsblindheit“: Nach den vielen Berichten über den Kampf zwischen den HD-Disc-Formaten wollen viele Journalisten ihren Lesern nun endlich einen Sieger präsentieren. Ein Test, der scheinbar eine klare Überlegenheit der HD DVD gegenüber der Blu-ray Disc beweist, kommt da natürlich wie gerufen - immerhin ermöglicht er die klare Kaufempfehlung, die sich so mancher durch die Wirren des Formatkriegs verunsicherte Konsument wünscht.
Apropos BD-P1000: Samsung hatte gerade zuvor die auch von c't festgestellte Eigenheit des Players, HD-Filme weichgezeichnet auszugeben, offiziell als Fehler in der Firmware bezeichnet. Diese überraschende Bekenntnis war laut US-Berichten Folge eines Hinweises von Sony-Manager Don Eklund, dem nach eigenen Angaben aufgefallen sei, dass die Bildqualität „nicht der der Master-Bänder entsprach“. Der Folgerung, die schlechten Noten für die Bildqualität der ersten Blu-ray Discs wären nur auf den Weichzeichner zurückzuführen, mögen sich die c't-Tester jedoch nicht anschließen: Bei einer Wiedergabe über einen Sony-Vaio-PC mit Blu-ray-Laufwerk und -Abspielsoftware hatten sich auch ohne Weichzeichner noch andere Mängel im Filmmaterial wie starkes Rauschen und eine lediglich mittelmäßige Detailauflösung gezeigt [2].
Auch durch die Veröffentlichung der Blu-ray Discs aus dem Hause Warner sowie den Bug-Report zum Samsung-Player hat sich an der verfahrenen Situation bei der DVD-Nachfolge nichts geändert. An einen schnellen Sieg eines der Kontrahenten und eine schnelle Ablösung der DVD glaubt heute anscheind niemand mehr - auch nicht die US-Marktforscher von Screen Digest, die schätzen, dass die DVD bis 2010 noch zwei Drittel des Home-Entertainment-Marktes beherrschen wird. Eine Einschätzung, die das Hollywood-Studio Disney zu teilen scheint: Dessen CEO Bob Iger teilte jetzt mit, dass man Top-Spielfilmtitel wie „Cars“ oder „Fluch der Karibik 2“ mangels Marktdurchdringung erst einmal nicht auf Blu-ray Disc veröffentlichen werde - aller offiziellen Unterstützung für das Format zum Trotz.
(nij)
[1] www.highdefdigest.com/feature_blurayvshddvd_firstcomparison.html
[2] Nico Jurran, Blue Movie - Blu-ray Disc steigt gegen die HD DVD in den Ring, c't 15/06, S. 108
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