In den USA und China wird Musik schon heute vorrangig digital vertrieben. In Cannes brütete die Branche über neue Konzepte in Zeiten von Facebook & Co.
Die großen Bosse der Musiklabels ließen sich bei der Musikmesse in Cannes dieses Jahr nicht mehr blicken. „Apps“ zum Entdecken, Organisieren und Weitersagen neuer Musiktitel oder gleich zum Selbermachen standen im Mittelpunkt des vorerst noch größten Treffens der Musikbranche. Denn mittelfristig wachsen Technologie- und Musikbranche nach Ansicht von Experten noch stärker zusammen – und die Chefs der Label zieht es daher schon jetzt zur CES und zum Mobile World Congress. Direkt gegenüber dem deutschen Stand gastierten die ins MidemLab geladenen Start-up-Unternehmen und die Hacker, die der Musikmesse zum zweiten Mal mit einem „Music Hackday“ ein bisschen Glamour der anderen Art verliehen.
Die Hitliste führt an, wer im Netzgespräch ist – am besten gleich bei einem Riesennetzwerk wie Facebook, das Flatrate-Streaming-Anbieter von Spotify bis Deezer an sich bindet. Verknüpft man den Facebook-Account mit einem der Streaming-Dienste, kann man Freunden Musik-Links zukommen lassen. Die „neue Währung“ für den musikalischen Erfolg sei, wie oft die 22 Millionen Facebook-Nutzer mit Streaming-Verknüpfung einen Song ausgetauscht hätten, sagte Dan Rose von Facebook. In den ersten vier Monaten nach dem Start mit Spotify und Deezer wurden laut Rose 7 Milliarden Songs getauscht. Google Music, vielleicht sollte man eher von „Android Music“ sprechen, trumpfte hingegen mit der Zahl von täglich 700 000 für den Musikdienst neu aktivierten Geräten auf.
Die Zahl der Tools, die Musikern helfen, Songs selbst zu veröffentlichen und bekannt zu machen, ist schier unüberschaubar. Techno-Cellistin Zoe Keating beschrieb bei der Midem, wie sie ihre Musik unters Volk bringt: „Ich habe noch nie jemanden angestellt, ein Vertrag mit einem Label will ich derzeit noch nicht.“ Über BandCamp und iTunes vertreibt sie Stücke und CDs, per Twitter und Facebook versucht sie, ihreGeschichte zu erzählen. Von ihren Fans nimmt sie Vorschläge fürs Programm des nächsten Konzerts oder auch mal für den Titelsong des nächsten Albums entgegen – und die Fans bedanken sich mit einem Durchschnittspreis von 12 Dollar für die CDs, für die es keinen Festpreis gibt.
Sieben Milliarden Songs in vier Monaten: Facebooks Vice President Partnerships Dan Rose zeigte sich zufrieden.
Obwohl Keating als Ex-IT-Beraterin selbst technikaffin ist, stöhnt sie, dass es schon fast zu viele Tools gebe. Von den bei der Midem versammelten Hackern wünscht sich Keating daher eine integrierte Lösung, um Konzerttermine einfach bei allen von ihr genutzten Plattformen einzupflegen, im Moment müsse sie das mühsam nacheinander tun. Integrationen verschiedener existierender Datenquellen und Anwendungen gehörten bei der MidemLab 2012 und beim Midem Music Hack Day zu den vielbeachteten Anwendungen.
Das von einem aus Lausanne stammenden Start-up entwickelte Webdoc hingegen erlaubt die einfache Bündelung verschiedener Datenquellen (Tweets, Facebook-Updates) in einer Art virtuellem Poster. Das Mash-up von Twitter, SoundCloud, Facebook, YouTube oder anderen Quellen in einem einzelnen Dokument verspricht einen raschen Zugriff auf alle relevanten Informationen.
Auch Musikhacker Uhle, der eine Zeitlang beim Berliner SoundCloud programmiert hat, ging mit einem Mash-Up an den Start: Flatdrop erlaubt Musikern, Download und Flattr zu verknüpfen – der Nutzer kann so, wenn er möchte, einen mehr oder minder kleinen Beitrag beim Download direkt an den Musiker abführen. Für die Musiker, die all die schönen Tools für die Distribution und fürs Self-Marketing nutzen wollen, laute die Parole seiner Ansicht nach längst: „Fire your manager, hire a programmer!“
Gert Leonhard, CEO von The Futures Agency (TFA), ein Kritiker der großen, alten Schlachtschiffe in der Musikbranche, verweist auf die Erfolge genau der Unternehmen, die Künstlern diesen Service heute schon offerieren. Kobalt böte den Künstlern das ganze Paket – von den mobilen Apps bis zum Einsammeln von Lizenzgebühren – und verlange dafür 20 Prozent oder weniger. Alle Rechte über die Inhalte verbleiben bei den Künstlern statt wie bisher bei den Labels. Schnelle Deals, auch mal zu kleineren Preisen, lautet die Devise.
Die meisten Nutzer wollen einen Künstler gerne bezahlen, sagte Scott Bagby, Chef Strategic Partnerships bei Rdio, einem von gleich mehreren kürzlich in Deutschland gestarteten Streaming- und Cloudhosting-Angeboten. Doch Gewinne müssen über die Masse kommen, nicht über einen zu hohen Preis.
Spotify zählt weltweit derzeit 3 Millionen zahlende Nutzer, 1,5 Millionen sind es bei Deezer und 1 Million bei Sonys Streaming-Angebot Music Unlimited. „Wir brauchen eher 700 Millionen Kunden“, sagte Leonhard von TFA. Heutzutage müsse sich regelrecht erpressen lassen, wer eine Lizenz von den Rechteinhabern für ein digitales Start-up haben wolle. Rückzüge oder Pleiten neuer Anbieter werde man noch einige sehen.
Auf Seiten der großen Labels wird der Ideenreichtum im Dienst des Musikvertriebs sehr wohl geschätzt. Schließlich werden in den USA schon 52 Prozent des Umsatzes über den digitalen Vertrieb erzielt – in China sind es sogar 71 Prozent. Nach wie vor wird aber gleichzeitig „der drohende Verlust des Eigentums“ – so betitelte die deutsche Verwertungsgesellschaft GEMA ihre Midem-Veranstaltung – beklagt und nach einem Einschreiten der Politik gerufen. Diese versprach in Gestalt des parlamentarischen Staatssekretärs Hans-Joachim Otto und der EU-Kommissionsvertreterin Kerstin Jorna auch Unterstützung bei der Durchsetzung. Allerdings drängt die EU-Kommission auch darauf, dass endlich die lange geplante globale Datenbank errichtet wird, mit der digitales Lizenzieren erleichtert werden soll. Diese Datenbank, für die es ein erstes Modell aus dem Haus mehrerer Verwertungsgesellschaften gibt, soll die Lizenzierungsblockade endgültig lösen.
(sha)
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