‘Hätt ich dich heut erwartet ...’

Das Internet hat Geburtstag - oder nicht?

Wissen | Reportage

Irgendwie scheint das Internet Geburtstag zu haben, und eine Menge Väter sonnen sich im Glanz vergangener Taten. Aber wie alt wird es denn nun eigentlich: 30 Jahre schon? Oder zählt es gar erst 22 Lenze? Jung wirkt es jedenfalls trotz für die Computerbranche nahezu biblischen Alters. Und die Erwartungen in den Anfangstagen des Netzes der Netze waren gering, wurden dafür aber zwischenzeitlich umso größer.

Aufmacher

Leonard hatte seine Party, Frank feiert diese Woche, John in der Nacht zum 10. Oktober und Vint überhaupt nicht. Das garantiert mutterlose, aber von vielen Vätern gezeugte Netz wird mit wissenschaftlichen Symposien geehrt oder bekommt eine Riesenparty über mehrere Kontinente spendiert. Den Start machte ein Symposium am 2. September mit dem seltsamen Titel Gorillas, Netpreneurs and eConsumers, das Leonard Kleinrock ausrichtete. Zum Wochenende vom 25. September folgte das Silicon Valley Internet Birthday Festival, das Frank Heart zu seinen Ausrichtern zählt. Und in der Nacht zum 10. Oktober sollte die NetAid-Party in London, New York und Genf steigen, mit der Cisco das Internet feiert und für die Nicht-Vernetzten dieser Erde sammeln lässt.

Einer, der auf all diesen Partys seinen Spaß hat, ist Vint Cerf, der bei MCI Worldcom den PR-Job eines Vaters des Internet glänzend ausfüllt. Ausgerechnet Cerf lässt alle Jubiläen nicht gelten. ‘Wenn ihr schon einen Geburtstagsartikel machen wollt, dann nehmt den 22. November 1977, an dem erstmals wirklich drei unterschiedliche Netze zusammengeschaltet wurden’, erzählt uns Cerf. ‘Wenn irgendein Rechner mit einem Kommunikationsprozessor Daten austauscht, ist das noch lange kein Internet.’

Eifrig kritzelt Cerf einen Zeitplan am Rande einer Tagung, die das Global Internet Projekt mit dem MIT für Brüsseler EU-Politiker ausrichtet. Sie wollen wissen, wie man das Netz am besten besteuern kann. Aus dem Wahnsinnsprojekt der Wissenschaftler ist eine Branche entstanden, die die Weltökonomie umkrempelt und Begehrlichkeiten aller Art weckt. Eine Woche zuvor tagte die Bertelsmann Stiftung in München. Bertelsmann erwirtschaftet heute aus dem Netz ‘nur’ 480 Millionen Mark (1,8 Prozent im Gesamtkonzern), dennoch wünscht man sich zum Wohle aller ein Zensur- und Ratingsystem für ein geordnetes Wachstum des Netzes. Bisher hat man das nicht gebraucht.

Begonnen hatte alles am ... Ja, wann denn eigentlich? Wie immer bei teilweise nur mündlich überlieferter Geschichte und vielfältigen Interessen an der Historie gibt es diverse Stichtage. Wie wäre es mit dem 2. September 1969? An diesem Tag wurde im Labor von Leonard Kleinrock an der Universität von Kalifornien in Los Angeles (UCLA) der erste Computer an einen Interface Message Processor (IMP) angeschlossen. ‘Wir hielten das nicht gerade für einen historischen Moment’, erinnerte sich Kleinrock gegenüber einem AP-Reporter. ‘Wir hatten nicht einmal eine Kamera dabei. Aber es war die Geburtsstunde des Internet’. Der IMP war ein mächtiger Klotz von einem Spezialrechner, der nach militärischen Normen von der Firma Bolt, Beranek & Newmann (BBN) gebaut worden war.

Der Rechner musste mit einem Kran in Kleinrocks Labor gehievt werden. Seine einzige Aufgabe bestand darin, Daten zu senden und zu empfangen, den Empfang zu überprüfen und das Senden zu wiederholen, wenn etwas nicht geklappt hatte. Ein IMP sollte einem Computer vorgeschaltet sein und rund um die Uhr laufen können - eine beträchtliche Anforderung zu einer Zeit, in der Rechner jede Woche für einige Stunden gewartet werden mussten. Der Bau des IMP durch BBN erfolgte nach einer Ausschreibung der Forschungsabteilung im Verteidigungsministerium, die an 140 Firmen geschickt wurde. Damals führende Firmen wie IBM und Control Data lehnten die Ausschreibung als ‘nicht realisierbar’ ab, nur die kleine BBN wagte es, die vier IMPs anzubieten. Sie wurden kurzerhand auf Basis eines Honeywell 516 von Grund auf neu konstruiert.

Frank Heart war der leitende Ingenieur beim Bau der IMPs. Bei den Geburtstagsfeiern macht Heart mit, auch wenn er die Prioritäten gerne anders gesetzt haben möchte: ‘Wir haben das Internet bei BBN überhaupt realisiert. Es ist wie mit Einstein. Der erzählt etwas von e=mc2 und die Leute vom Alamos Project bauen die Bombe’, erklärte Heart gegenüber Reuters - auch die Nachrichtenagenturen halten sich an unterschiedliche Varianten.

Dennoch kann man den Bau eines IMP nicht ohne die Vorarbeit sehen. Den Anstoss zur Konstruktion der ganzen Netzwerktechnik gab Bob Taylor, ein Mitarbeiter der Advanced Research Projects Agency (ARPA). Er ärgerte sich über die Tatsache, dass er drei verschiedene Terminals brauchte, um mit drei Universitäten zu kommunizieren, an denen die ARPA militärische Grundlagenforschungen finanzierte. Sein Wunsch nach einer einheitlichen Kommunikation wurde von J.C.R. Licklider aufgenommen, der zusammen mit Taylor das bahnbrechende Papier The Computer as Communications Device veröffentlichte [[#lit1 1]]. In ihm schimmerte erstmals die Idee der Vernetzung aller Computer auf. Danach brauchte es knapp sechs Jahre, bis die Grundlagenforschung so weit abgeschlossen war, um das Vernetzungsprojekt in die Tat umzusetzen.

Als der erste gelieferte IMP am 2. September 1969 mit einem Computer in Kleinrocks Büro plauschte, war die Geburt des Internet noch nicht ganz zu Ende. BBN musste drei weitere IMPs liefern, die peu à peu in Stanford, Santa Barbara und Salt Lake City aufgestellt wurden. Zwischen dem Büro von Kleinrock und dem Stanford Research Institute wurde das erste Ping durch die Leitung geschickt. Danach entspann sich an jenem 10. Oktober 1969 ein bizarrer Dialog, den viele für die wahre Geburtsstunde des Internets halten. Kleinrock wollte sich über die beiden existierenden IMPs mit seinem Computer auf dem Computer in Stanford einloggen; dazu musste er den Login-Befehl absetzen.

1996 erinnerte sich Kleinrock: ‘Wir tippten also das L ein und fragten am Telefon ‘Seht ihr das L?’ ‘Wir sehen es’, war die Antwort. Wir tippten das O ein und fragten ‘Seht ihr das O?’ ‘Ja, wir sehen das O!’ Wir tippten das G ein ... und die Maschine stürzte ab.’ [[#lit1 1]] Abstürzende Computer und Menschen, die sich den Inhalt ihrer Bildschirme per Telefon erzählen, passen schwerlich zu einer historischen Stunde, in der ein weltumspannendes Netz geboren wird. Aber das Internet, wie wir es heute kennen, war mit der Kopplung zweier Rechner über eine Entfernung von 500 Kilometern auch noch nicht so richtig in der Welt. Seine Konturen wurden erst 1971 sichtbar, als das Forschungsprojekt unter dem Namen ARPAnet mit 15 unermüdlich rechnenden IMPs erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt wurde.

Erst zu diesem Zeitpunkt hatte das Netz ungefähr die Dimensionen, die in den ersten Netzskizzen des Informatikers Larry Roberts anno 1966 schon eingezeichnet waren, der die Idee des dezentral verknüpften Netzwerks entwickelte. Heute ist Roberts einer der Väter, die am stärksten gegen die Idee vom kriegssicheren Internet polemisieren: ‘Es ist ein Gerücht, dass das Internet entwickelt wurde, um einen nuklearen Krieg auszuhalten. Das ist total falsch. Wir wollten ein effizientes Netz aufbauen.’ Erst später sei das Argument eines Atomschlags hinzugekommen - das erwies sich beim Lockermachen weiterer Forschungsgelder als äußerst nützlich.

Anfang der Siebziger kam die Idee auf, dass die IMPs von Computern abgelöst werden könnten, die keine Spezialrechner waren. Im Jahre 1972 beschäftigte sich der Xerox-Informatiker Bob Metcalfe damit, das hausinterne Netzwerk MAXC an das ARPAnet zu hängen. Dabei erfand er eine Übertragungstechnik, die er Ethernet nannte. Die Erfindung erregte das Interesse von Bob Kahn und Vint Cerf, die 1974 den ersten Vorschlag für ein einheitliches Rechnerprotokoll machten. Dieses Protokoll wurde TCP/IP genannt und am 1. Januar 1983 in den Rang eines offiziellen Standards erhoben: Viele Netzwerker halten denn auch dieses Datum für den offiziellen Geburtstag des Internet.

Andere gehen noch ein Stück weiter und setzen das Jahr 1989 als die rechte Stunde an, als immerhin schon 100 000 Host-Rechner am Datennetz hingen: Damals wurde das ARPAnet abgeschaltet, die Host-Rechner aus der Militärforschung gelöst und der National Science Foundation (NSF) unterstellt. Organisatorisch würde unser heutiges Internet auf diesem NSFnet fußen und wäre gerade einmal 10 Jahre alt - selbst der IBM-PC, Urvater aller heute eingesetzten Wintel-Rechner, könnte auf eine längere Lebensgeschichte zurückblicken.

Die Tatsache, dass das Internet jahrzehntelang mit öffentlichen Geldern durch die US-Regierung, dass die vergleichbaren Netze in England und Frankreich mit öffentlichen Gel-dern ihrer Regierungen gefördert wurden, kann übrigens nicht hoch genug veranschlagt werden. Heute, wo noch bei der allerkleinsten Gelegenheit die Privatisierung angemahnt wird, gerät die Rolle geförderter Forschung in Vergessenheit. Das mag auch damit zu tun haben, das in Deutschland das Internet einen Fehlstart erwischte. Mehrere Hundert Millionen Mark wurden dem OSI-Traum geopfert, wie dies Klaus Calle, einer der Mitbegründer des Internet in Deutschland und heutiger Vorsitzender der GUUG (German Unix User Group), im historischen Rückblick höflich umschreibt. Gewiss spielt auch die amerikanische Mentalität eine Rolle: Dreistellige Millionenbeträge flossen in die Routerforschung bei Siemens, während Cisco das nötige Know-how praktisch von der Universität Stanford klaute (es aber später ordentlich lizenzierte).

‘Menschen machen die Geschichte, aber sie machen sie nicht aus freien Stücken’, heißt es beim jungen Marx. Keiner der Protagonisten, die da am ARPAnet und seinen Programmen bastelten, war sich bewusst, mit seiner Arbeit ein wichtiges Stück Technikgeschichte zu schreiben. Alle waren sie damit befasst, knifflige technische oder programmiertechnische Probleme zu lösen. Mitunter waren es sogar persönliche Probleme: Len Kleinrock schilderte seine Version des Aufkommens von E-Mail als erste illegale Nutzung der neuen Technik. Kleinrock entdeckte im September 1973, dass er seinen Rasierer in England vergessen hatte. Dort fand eine Konferenz über das ARPAnet statt, die er vorzeitig verlassen musste. Kleinrock setzte sich an ein Terminal und stellte eine Verbindung zu einem Konferenzteilnehmer her, der gerade online war. Zwei Tage später war der Rasierer bei ihm. Und schon 1972 führte Ray Tomlinson den Klammeraffen @ als Teil der User-Adressen eines Programms ein, mit dem sich Nachrichten verschicken ließen - einfach deswegen, weil er das Zeichen auf seinem 33-Tasten-Keyboard sonst am wenigsten benötigte [[#lit3 3]].

Im Jahre 1998 lud die Internet Society die Protagonisten der ersten Stunde zu einem Panel mit dem hübschen Titel Unexpected Outcomes of Technology, Perspectives on the Development of the Internet. Alle Beteiligten bekundeten in fröhlicher Einigkeit, dass sie die Idee eines weltumspannenden Kommunikationsnetzes für alle Erdenbürger bis Anfang der 90er für eine Idee von Verrückten gehalten hätten.

‘Man muss es einfach so sehen: Wir waren von unserem Netzwerk überzeugt. Wir haben unverdrossen nach Lösungen gesucht und waren damit erfolgreich. Außenstehende mögen uns für verrückt gehalten haben. Wir fanden eher, das wir positiv plemplem waren’, erklärte Jon Postel in einem seiner letzten Interviews. Er muss es wissen: Ist er doch auch einer der Väter des Internet und war bis zu seinem Tod lange Jahre verantwortlich für die RFCs (Request for Comments), in denen die Internet-Standards festgeschrieben sind.

Die Genialität, die man den Entwicklern des Internet aus heutiger Sicht zuschreibt, wird von den Technikern eher spöttisch kommentiert. Ken Klingenstein, der für die Simplizität des von ihm entwickelten SNMP (Simple Network Management Protocol) geehrt wurde, klärte den genialen Wurf im Interview auf: ‘Mir kam die Idee zu SNMP in einer Bar auf dem Weg nach Hause. Ich nahm die Serviette des Drinks und schrieb alle Befehle auf. Es mussten einfach wenige sein, weil die Serviette so klein war.’

Ähnlich war es um TCP/IP bestellt: Vint Cerf brachte eine der ersten Skizzen zum Kommunikationsprotokoll der Internet-Welt auf der Rückseite der Bedienungsanleitung seines Hörgeräts zu Papier. In einer Forschungsgruppe befasst sich der PR-erfahrene Cerf inzwischen publikumswirksam mit dem transgalaktischen Protokoll: dem technischen Problem, wie die langen Laufzeiten von Datenpaketen bei der Kommunikation zwischen Mars und Erde optimal überbrückt werden können. Die Idee dazu will Cerf in einem Schaumbad gehabt haben. Sollte der erste Rechner tatsächlich mit seinem Trans/IP in das Weltall funken, schaut aber wahrscheinlich wieder kein Schwein hin - oder hat zumindest keine Kamera dabei.

Mögen sie auch um einige Monate oder gar zehn Jahre auseinanderliegen: Daten zu den Anfängen des Internet können alle damals Beteiligten benennen. Manch heutiger Surfer, für den die Zeit, als alles begann, eher in dunkler Prähistorie liegt, lässt sich dagegen schon einmal zu wilden Spekulationen hinreißen. Kommentare, die das Netz auf die Brieftauben der alten Griechen zurückführen oder den 1836 patentierten Telegraphen als Vorläufer angeben, sind Legion. Unumstritten aber gilt: Das Internet ist eine Revolution.

Mit Revolutionen ist das aber so eine Sache. Die Oktoberrevolution 1917 führte nicht zum Weltkommunismus, wie Lenin und die Komintern erhofften. Und zu was führt die Internet-Revolution nicht? Auf jeden Fall nicht zu der weltumspannenden, herrschaftsfreien Kommunikationsgemeinschaft, von der so manche Freaks träumten, die in den 70er Jahren, von der Hippie-Bewegung beeinflusst, Computer als neues Spielzeug entdeckten.

Das Internet ist ein Geschäft: Die Parallelen zwischen industrieller Revolution und Technologieschub durch das Netz sind auffälliger als zwischen sozialer Revolution und neuen Kommunikationsformen. Das Internet verändert unsere Arbeit und damit unser Leben - bis hin zu der Art, wie wir spielen. Ausgerüstet mit einem breiten Qualifikationspotenzial, aber ohne feste Bindung arbeitend, sind häufige Arbeitsplatzwechsel für viele, die schon heute existenziell im Netz hängen, Alltag. Ebenso wie die industrielle Revolution begründet das Internet eine neue Arbeiterschaft: das Klick-Proletariat, das, unbeleckt von historischen und technischen Hintergründen, das Netz als Gegebenheit betrachtet. Es ist Einkaufszentrum und Fließbandersatz.

Globus

Stephen Eick, ein Mitarbeiter der Bell Labs, veröffentlichte einige Visualisierungen des Datenverkehrs im Internet. Hier der Kontinente überspannende Traffic vom 4. Februar 1993.

Träume, das Internet mache Schluss mit dem Standortvorteil der Zentren und hebe soziale Schranken auf, sind selbst Ende der 90er Jahre noch wohlfeil. Die Realität spricht Utopia aber Hohn. Egal, wie man die Zentren der globalen Gesellschaft definiert, ob als Stadt gegenüber dem Land oder als westliche Industrieländer gegenüber der dritten Welt, die Verteilung der Zugangsmöglichkeiten ist ungerecht und wird eher noch ungerechter. New York City hat in den USA die meisten Gebäude, die ans Glasfaserkabelnetz angeschlossen sind - und noch immer stehen diese vor allem in Manhattan, nicht in Harlem.

Jüngste Studien der amerikanischen National Telecommunications and Information Administration erbrachten, dass schwarze Amerikaner mit niedrigem Einkommen und Latein-Amerikaner in ländlichen Gegenden die Gruppen mit dem geringsten Prozentsatz an Computer- und Internet-Nutzern seien - und die Schere klafft immer weiter auseinander [[#lit4 4]]. ‘Amerikas digitale Unterschiede werden zu Rassenunterschieden’, sagt Larry Irving, ein Sprecher der Commerce for Telecommunications. Damit nicht genug: Der Großteil des Internet-Datenverkehrs spielt sich in den Industrieländern oder zwischen ihnen ab; die Bevölkerung der armen Länder ist weitgehend ausgeschlossen.

Sozialutopisten aller Zeiten träumten vergebens davon, die Technik könne alle Klassenschranken aufheben - da war schon Marx realistischer. Warum also sollte eine bestimmte Technik, dieses Mal unter dem Namen Internet, solche Hirngespinste Wirklichkeit werden lassen? ‘Man lebt mittels der Technik, nicht aus ihr’, formulierte Ortega Y Gasset schon 1930.

Kulturpessimisten schlagen andere Töne an und haben angesichts desillusionierter Internet-Romantiker oft Oberwasser. Das Internet ist inzwischen fast schon ein Synonym für Pornografie. Wer etwa unter www.microprocessor.com unvermittelt auf einen Porno-Dienstleister stößt, dürfte die Einschätzung spontan teilen. Rund 80 Prozent des gesamten Datentransfers im Netz betreffen pornografische Inhalte, behaupten Fachleute. Der Untergang des Abendlandes! Doch noch immer wird das meiste pornografische Material per Post zugestellt. Erst nach und nach setzt sich die Meinung durch, dass das Netz erst einmal ein Netz ist und nichts mehr: so wie der Postweg ein Postweg oder eine Einkaufstasche eben nur eine Einkaufstasche.

Für Kassandra-Rufe muss man aber, geht es um das Internet, nicht gleich in die Tiefen der menschlichen Psyche hinabsteigen. Wie oft schon wurde das Ende der Lese- und Schreibkultur vorausgesagt - wobei die meisten Kritiker vergessen, dass noch im 19. Jahrhundert zu intensives Bücherlesen als unangebracht für den menschlichen Geist und gar als besonders schädlich für die sensible Psyche der Frau angesehen wurden. Weder E-Mail noch Hypertext konnten bislang dem bedruckten Papier den Garaus machen.

Autoren, Verlage, Journalisten und Redakteure machen sich zwar schwere Gedanken darum, wie sie ihr tägliches Brot angesichts von Webseiten und kostenlosen Informationen zukünftig verdienen sollen - solange aber niemand herausgefunden hat, wie sich Daten im Internet hinsichtlich Zuverlässigkeit und Wahrheit der Information beurteilen lassen, haben alle, die vom Schreiben oder den Lesern leben, noch etwas Zeit, bevor sie sich umstellen müssen. Momentan ist das Internet, betrachtet man es nicht nur als Technik, sondern als neues Medium, tatsächlich nicht viel mehr als ein ‘Schrotthaufen’, in dem ‘Gold und Perlen versteckt sind’, wie es der Computer-Kritiker Joseph Weizenbaum formuliert.

Das Netz ist das Netz, und bisher hat die Internet-Revolution nicht zur Gelehrtenrepublik geführt und keine sozialen Grenzen aufgehoben. Aber sie hat auch keine Jugendlichen kopflos gemacht; und noch verbirgt sich nicht hinter jeder Webseite ein getarnter Porno-Server. Daran werden auch die Visionen, die das Internet selbst ins nächste Jahrtausend bringen wollen, nichts ändern: Wer seine Daten mit mehreren Terabit statt mit wenigen Kilobit pro Sekunde durch die Leitungen schickt, diskutiert deshalb noch lange nicht herrschaftsfreier. Und die Ablösung der Computer durch Settop-Boxen und TV, digitale Assistenten und Handys für den Internet-Zugang ebnet die sozialen Schranken nicht ein.

Also dann: Happy Birthday, Internet, wie alt auch immer du sein magst - an der Scrollbar gibts bis auf weiteres trotz allem nichts zu trinken ... (jk)

[1] Bob Taylor, J.C.R. Licklider, The Computer as Communications Device

[2] Sacramento Bee, 1. Mai 1996

[3] Stefan Kornelius, Wenn der Postmann zweimal klickt, Der Mann, der @ erfand, Süddeutsche Zeitung, 24. Juli 1999

[4] Falling Through the Net: Defining the Digital Divide

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Im Jahre 1980 legte die nach ihrem Vorsitzenden benannte McBride-Kommission der UNESCO einen Untersuchungsbericht vor, der sich mit der Zukunft der Kommunikation beschäftigte. Unter dem Titel Viele Stimmen - eine Welt kritisierte die Kommission das Ungleichgewicht der Kommunikation, die der Dritten Welt praktisch keine Stimme ließ. Sie stellte die Forderung nach Free Flow of Information auf. Ein Mitglied der Kommunikation war Tony Rutkowski, damals ein Forschungsdirektor der NASA. Er hielt die Sache nicht für dramatisch und verwies auf das ARPAnet: Eines Tages, so erklärte uns Rutkowski, werden alle Menschen über Mail miteinander kommunizieren können, was die Ungleichheit beseitigen werde. In meinem Artikel über die Vorstellung der Kommissionsergebnisse beschrieb ich Rutkowski als leicht durchgeknallten, technologiegläubigen Ingenieur - es war weder das erste noch das letzte Mal, dass Journalisten das Internet falsch einschätzten.

Mitte der 80er Jahre legten sich viele Journalisten Computer und Akustikkoppler zu, um ihre Texte in Mailboxsystemen wie Compuserve zu lagern, wo sie ein ebenso unerschrockener Redakteur herausholte. Dass es so etwas wie ein Internet gab, erfuhr man vor allem dadurch, dass E-Mail mitunter in bizarren Formaten eintraf, die es zu entschlüsseln galt. Mit einem Programm namens uuencode schützte man seine Texte vor solchen Verknautschungen.

Für eine breitere Öffentlichkeit wurde das Internet eigentlich erst interessant, als es zusammenbrach. Der November 1988 war der Monat, in dem Amerika den Virus entdeckte - und gleich das gesamte Internet, schrieb ich damals in der c't. In der Nacht zum 3. November setzte der Informatik-Student Robert Tappan Morris einen Wurm in einem Rechner des Bostoner MIT aus. Das Programm begann sich schnell zu vermehren und infizierte 2600 Computer, immerhin zehn Prozent aller damals am Internet angeschlossenen Rechner. Die Agenturmeldung zu diesem Wurm schlug wie eine Bombe ein und schaffte es inmitten des Präsidentschaftswahlkampfes sogar auf die Titelseiten. Wir Computer-Journalisten trieben uns zu dieser Zeit in Las Vegas herum, um über die Computermesse Comdex zu schreiben und mussten in der Nacht Interviews geben und im Rundfunk das Internet erklären: ‘Können Raketen über das Internet den Wurm kriegen? Sind Atomkraftwerke befallen?’

Zwei Jahre nach dem Wurm wurde 1990 in Amerika die Electronic Frontier Foundation (EFF) gegründet. In ihrem Programm fand sich die Forderung nach einem elektronischen Informations-Superhighway, auf den jedermann in der ganzen Welt Zutritt haben sollte - eine witzige Forderung vor dem Hintergrund, das die EFF zunächst nur als spleeniges Hobby von Milliardären wahrgenommen wurde. Damals finanzierte der Lotus-Gründer Mitch Kapor den Verein. Anfang 1993 luden Kapor und der Ethernet-Erfinder Bob Metcalfe zu einer Konferenz, auf der vehement die Kommerzialisierung des Internet gefordert wurde. ‘Wer jetzt nicht seine Firma auf das Internet einstellt, kann einpacken’, verkündete Kapor. Mein Bericht, der über diese Konferenz in der c't erschien, sorgte für lustige Auseinandersetzungen. Ich bekam den Titel eines DAJ (Dümmsten Anzunehmenden Journalisten) verliehen und landete erstmals im Killfile vieler Leser. Inzwischen hat sich das Internet kommerzialisiert, allem Geplonke zum Trotz. (Detlef Borchers)

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