Leseprobe aus c't 22/04
Schwere Zeiten für die Hardware-Beschaffung: Wie soll man sich in dem überbordenden Angebot orientieren? Wer vor lauter Bäumen kaum noch den Wald erkennt, findet auf den folgenden Seiten Orientierungshilfen.
Ein neuer PC soll her - eigentlich kein Problem: Nicht nur in Fachgeschäften, sondern auch bei (Internet-)Versandhändlern, Elektro-Fachmärkten, Kaufhäusern und seit Jahren auch bei Lebensmittel-Discountern steht eine riesige Produktvielfalt zur Auswahl. Doch je mehr man sich in die technischen Details vertieft, umso größer wird die Verwirrung: In jeder Preisklasse konkurrieren die unterschiedlichsten Ausstattungskombinationen. Schnell wird klar: Den idealen PC gibt es nicht - widersprüchliche Vorgaben wie absolute Höchstleistung und geräuschloser Betrieb oder einfachste Bedienung und größte Funktionsfülle lassen sich praktisch nicht unter einen Hut bringen.
Der Weg zum optimalen Hardware-Kompromiss führt über die Festlegung der grundsätzlichen Anforderungen: Was soll der neue Rechner unbedingt leisten? Wird er unter oder auf dem Schreibtisch stehen - oder im Wohnzimmer? Wie viel Lärm ist akzeptabel? Welche Anschlüsse sind erforderlich? Was darf das gesamte System kosten? Welches Betriebssystem soll zum Einsatz kommen? Welche Serviceleistungen brauche ich?
So gut wie alle Desktop-PCs und Server bestehen außer Gehäuse und Netzteil aus den grundsätzlich sehr ähnlichen Basiskomponenten Mainboard, Prozessor, CPU-Kühler, Grafikkarte, Hauptspeicher, Festplatte und optischem Laufwerk für Wechselmedien. Je nach Einsatzzweck lassen sich diese Bauteile kombinieren (Mainboard mit grafikfähigem Chipsatz oder sogar mit integriertem Prozessor samt Kühler) und in Leistungsfähigkeit, Flexibilität und Bauform variieren. Für den reinen Bürobetrieb mit Analog-Display genügt beispielsweise ein Mainboard im kompakten Micro-ATX-Format mit integrierten Grafik-, Netzwerk- und Audiochips. Ein preiswerterer Prozessor, ein leiser Kühler und ein leises Netzteil komplettieren die Konfiguration. Fast dieselbe Ausstattung, ergänzt um TV-Karte (mit Fernbedienung), DVD-Laufwerk und größere Festplatte, taugt bei ansprechendem Gehäusedesign auch für den Wohnzimmer-Einsatz - fehlende Eigenschaften des Audio-Chips (5.1-Surround-Sound oder SPDIF-Anschlüsse) lassen sich per Soundkarte leicht nachrüsten.
Ist mehr Ausstattungsflexibilität nötig, kommt ein Mainboard im vollen ATX-Format zum Einsatz, das außer einem AGP- oder PCI-Express-Steckplatz für eine Grafikkarte bis zu sechs weitere Erweiterungskarten aufnimmt. Außer dem konventionellen PCI-Bus mit 32 Signalleitungen und 33 MHz Taktfrequenz gibt es seit kurzem auch PCI Express (PCIe), neben Grafikkarten und (Onboard-)Netzwerkadaptern ist die Auswahl an kompatiblen Geräten aber noch winzig. Weil PCIe außerdem zurzeit fast nur auf Mainboards für Intels neueste Pentium-4-Version im pinlosen LGA775-Gehäuse zu haben ist, spielt die neue Technik noch keine große Rolle - dazu später mehr.
Unter den typischen Heim-PC-Käufern sind es vor allem die Liebhaber von 3D-Actionspielen, die Wert auf flexible Konfigurationsmöglichkeiten legen: Außer einer leistungsfähigen (und zwecks späterer Aufrüstung auswechselbaren) Grafikkarte sind für PC-Spiele oft auch Soundkarten nötig, die (EAX-)Raumklangsimulationen berechnen und an ein Mehrkanal-Lautsprechersystem ausgeben können.
Noch höhere Anforderungen an Rechenleistung und Ausstattung erfüllen Server- und Workstation-Mainboards, die meist für zwei Prozessoren und PCI-X-Erweiterungskarten ausgelegt sind. Schon die Kosten für Mainboard und Prozessoren liegen in diesem Einsatzbereich wesentlich höher als bei gewöhnlichen Desktop-Computern, die leistungsfähige Kühlung sprengt leicht den akustischen Toleranzrahmen für den Büro- und Heim-Einsatz. Aus diesen Gründen berücksichtigen wir solche Hochleistungsmaschinen im Folgenden nicht weiter; auch eine Diskussion ihrer speziellen technischen Merkmale würde den Rahmen dieses Artikels sprengen.
Zu den grundlegenden Systemeigenschaften gehört auch die Gehäuseform. Bis vor wenigen Jahren gab es zum grau-beigen PC-Einheitsgewand kaum Alternativen, dank Case-Modding-Trend und farbenfrohen Mini-Barebones sind die Styling-Optionen aber heute sehr vielfältig. Andererseits wiederum verschwindet der große graue Kasten für gewöhnlich unter dem Schreibtisch und stört dort nicht nur optisch, sondern auch akustisch viel weniger als ein Schreibtisch-Aufsitzer.
Zudem bietet ein großes Gehäuse nicht nur mehr Platz und Flexibilität zum Auf- und Umrüsten, sondern auch zur Geräuschdämmung - ultraleise Netzteile passen nur hier hinein. Soll der PC als Allround-Medien- und Kommunikationszentrale dienen, quillt aus seiner Rückwand ein unschöner Drahtverhau. Hingegen ergibt ein Tower-Gehäuse unter dem Schreibtisch mit USB- und FireWire-Ports sowie einem Speicherkartenleser in der Frontplatte in Verbindung mit drahtloser Tastatur und Maus einen aufgeräumten Schreibtisch. Kompakte Desktops wiederum können manchmal optisch unter dem Monitor-Standfuß verschwinden, im typischen Büro-Einsatz mit wenigen Peripheriegeräten machen sie sich dort ganz gut: Typische Vertreter dieser Spezies stellen wir ab Seite 122 vor.
Während manche technische Eigenschaften eines Computers nur schwer einzuschätzen und zu verstehen sind, lassen sich Preise leicht vergleichen. Am Beispiel zweier extrem unterschiedlicher Komplettangebote zeigt sich die Bandbreite der aktuellen Hardware-Möglichkeiten.
Mit einem Preis von 169 Euro markiert der Brandy-PX VIA C3 1500+ des Düsseldorfer Anbieters Brand-X ungefähr das Minimum, was man für einen PC ausgeben muss. In einem recht wackeligen Gehäuse steckt ein so genanntes All-in-one-Mainboard der Elitegroup-Mutterfirma PC Chips, das mit dem grafikfähigen VIA-Chipsatz CLE266, LAN- und Sound-Anschlüssen und einem fest aufgelöteten VIA-C3-Prozessor bestückt ist. Dieser enthält den vor drei Jahren vorgestellten „Samuel 2“-Kern und läuft mit lediglich 800 MHz Taktfrequenz; dass Brand-X bei dieser Betriebsfrequenz und der einschlägig bekannten Schwachbrüstigkeit des Samuel 2 die Zahlenkombination „1500+“ in die Produktbezeichnung einfügt, grenzt an Etikettenschwindel. Zur weiteren Ausstattung gehören magere 128 MByte DDR-SDRAM des Third-Party-Herstellers MDT, eine 40-GByte-Lowcost-Festplatte von Maxtor (Fireball 3/2F040L0) und ein 52X-CD-ROM-Laufwerk von LG.
Nicht mitgeliefert werden Tastatur, Maus, Modem, Lautsprecher, Betriebssystem und sonstige Software - diese bei vielen Komplettrechner-Angeboten üblichen Standardbeilagen würden den Gerätepreis wohl auf mindestens 270 Euro treiben und damit um etwa 60 Prozent steigern.
Brand-X verspricht drei Jahre Garantie mit Vor-Ort-Abholung innerhalb der ersten 24 Monate ab Kaufdatum. Die allgemeinen Geschäftsbedingungen des Unternehmens sind aber mit einigen unfreundlichen (und möglicherweise nichtigen) Klauseln gespickt, darunter eine sehr hohe anteilige „Nutzungsentschädigung“ bei Rücknahme des Gerätes (50 Prozent des Neupreises nach drei Monaten) und eine Kostenpauschale von 90 Euro für unberechtigte Reklamationen.
Brand-X verhält sich damit genau wie viele andere PC-Versandhändler, die ähnlich konfigurierte Superschnäppchen an den Mann bringen wollen. Als Basis dienen oft All-in-one-Mainboards mit fest aufgelöteten Athlon- oder Duron-Prozessoren, wobei auch deren Typenbezeichnungen offensichtlich die Verwechselung mit deutlich schnelleren Athlon-XP-Versionen befördern sollen: Auf dem häufig anzutreffenden ECS L7VMM3 „Pro 3300A+“ beispielsweise sitzt ein 2-GHz-Prozessor mit FSB266 (133 MHz) - der echte Athlon XP 3200+ läuft mit 2,2 GHz sowie FSB400 (200 MHz) und kostet schon alleine mehr als das komplette ECS-Mainboard.
Auch Speicherriegel, Festplatte, Gehäuse und Netzteil sind in dieser Preisklasse oft von bescheidener Qualität. Die Kombination solcher Komponenten lässt wesentlich mehr Probleme und Ausfälle erwarten als der Einsatz von ordentlichen Bauteilen. Nach unseren Test-Erfahrungen [1|#literatur] sollte man für ein anständiges Lowcost-System mindestens 380 Euro ausgeben. Wer auf Stabilität und Kompatibilität Wert legt, sollte nämlich lieber zu einem billigen Profi-PC-Angebot eines namhaften PC-Herstellers greifen. Für rund 400 Euro bekommt man dort einen Celeron- oder Athlon-XP-Prozessor der 2,5-GHz-Klasse, 256 MByte Speicher, Onboard-Grafik mit analogem Ausgang, eine 40-GByte-Festplatte, ein CD-ROM-Laufwerk und Stereo-Analogsound. USB 2.0 gehört mittlerweile zum Standard, aber FireWire-Hostadapter, 5.1-Sound, CD- oder DVD-Brenner, einen AGP-Steckplatz zum Aufrüsten einer Grafikkarte, DVI- oder TV-Anschluss und selbst Speicherkarten-Lesegeräte sind in dieser Klasse Extras, die Geld kosten.
In völlig anderen Preis-Sphären schwebt der Dell Dimension XPS „Ultimativ“, der schon in der - allerdings wirklich fetten - Grundkonfiguration 2850 Euro kostet. Angesichts dieses Preises wirkt es übrigens sehr befremdlich, dass Dell eine so genannte Versandgebühr von rund 75 Euro verlangt; eigentlich handelt es sich dabei um einen pauschalen Preisaufschlag.
Der Dimension XPS ist auf Höchstleistung getrimmt. Klar ersichtlich ist das beim Prozessor (Pentium 4 540 mit 3,4 GHz Taktfrequenz), beim Hauptspeicher (1 GByte PC2-4300-RAM), der Grafikkarte (ATI Radeon X800XT PCI Express) und den Festplatten (Serial-ATA-RAID-0 mit etwa 500 GByte Kapazität). Auch die restliche Ausstattung ist umfassend: 16X-DVD-Brenner für Dual-Layer-Medien, Gigabit-LAN- und USB-WLAN-Netzwerkchips, 7-Kanal-Soundkarte mit EAX-Unterstützung und digitalem Ausgang, FireWire-Port und DVI-Ausgang für einen digitalen Monitor, zusätzliche Monitor- und Fernseheranschlüsse (TV-Out). Außerdem gehören Windows XP Home Edition und weitere Softwarebeigaben ebenso zum Lieferumfang wie Tastatur und Maus - sowie ein 19-Zoll-Röhrenmonitor.
In der Praxis zeigen sich zwischen den beiden Muster-Systemen gewaltige Leistungsunterschiede. Kaum überraschend erweist sich der „VIA C3 1500+“ mit seiner lahmen Festplatte, dem veralteten Grafikchip, grottenschlechter Bildqualität und der viel zu knappen Speicherausstattung als echte Spaßbremse: Zwar funktioniert alles absturzfrei, doch schon beim Surfen im Internet kommt es zu kleinen Wartezeiten, auch der Virenscanner lähmt das System. Video-Wiedergabe gelingt nur ruckelnd. Für genussvolle Audio-Wiedergabe ist das Gerät zu laut, schon bei der Bildschirmauflösung von 1024 x 768 Punkten wirkt das Bild unscharf und kontrastarm, höhere Auflösungsmodi sind nicht sinnvoll nutzbar.
Für einige Benchmarks ist der Rechner schlichtweg zu langsam (BAPCo SYSmark) oder er unterstützt die nötigen Funktionen nicht (3DMark 2004, SPEC CPU2000). Vom BAPCo SYSmark 2002, der typische Büro-, Multimedia- und Internet-Software abarbeitet, schafft der Brandy-PX nur einen Teil und erreicht dabei hochgerechnet schlappe 33 Punkte - der Dimension XPS dürfte ungefähr 380 Punkte erreichen. Der synthetische SPEC-CPU2000-Benchmark läuft mit optimierenden Compilern erst auf dem verbesserten C3-Kern namens Nehemiah, dessen 1-GHz-Ausführung bei Ganzzahl-Berechnungen 237 Punkte erreicht und bei Gleitkommawerten 148. Ein Pentium 4 mit 3,4 GHz bringt im Gleitkommabereich etwa die zehnfache Leistung und bei Integer-Daten immer noch das Sechsfache. Grob geschätzt liefert der C3 800 MHz zwischen einem Drittel und der Hälfte der Leistung eines vier Jahre alten Pentium III mit 1 GHz.
Mit dem Performance-Angebot des Brandy-PX VIA C3 „1500+“ dürften also nur langmütige Zeitgenossen zufrieden sein, und selbst diese wären wohl mit einem gebraucht gekauften 1-GHz-Rechner besser bedient. Sinnvolle Aufrüstmöglichkeiten sind durch den aufgelöteten Prozessor und wegen des fehlenden AGP-Slots blockiert. Einen Vorteil im Vergleich zu aktuellen Rechnern der 3-GHz-Klasse hat der Brandy-PX aber doch: Er schluckt ziemlich wenig Strom.
Das Leistungsvermögen des Dell Dimension XPS ist erwartungsgemäß über alle Zweifel erhaben und ließe sich nur noch durch den Einsatz eines Pentium 4 Extreme Edition (800 Euro Aufpreis) steigern. Dennoch ist der Dell-Rechner nicht uneingeschränkt empfehlenswert, selbst wenn es beim Kauf auf ein paar hundert Euro mehr oder weniger nicht ankommt: Er ist ziemlich laut, frisst viel Energie und bietet nicht für alle Einsatzgebiete die nötige Ausstattung. So fehlt beispielsweise ein zweiter DVI-Anschluss für einen zweiten Digitalmonitor, auch SPDIF-Eingänge (Audiobearbeitung) stehen nicht in Dells Konfigurationsliste. Ein Speicherkarten-Lesegerät müsste man bei Bedarf extern per USB anbinden. (ciw)
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[1] Georg Schnurer, Manfred Rindl, Sparbüchsen, 19 günstige Komplettsysteme im Online-Kauftest
| "Der optimale PC" | |
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