High Noon
Mittags um 12:00 Uhr geht das Geheule los. Die Sirenen von Jericho, oder so ähnlich. Ist an Samstagen jedoch halb so schlimm - wenn man nicht gerade neben einer wohnt. Dann sind sie das "Kneif-mich-mal", das mich daran erinnert, dass ich nicht in einem Traum während des Büroschlafs gefangen bin, sondern an einem freien Samstag über den Wochenmarkt schlendere.
Diese samstäglichen Sirenentests, die mich mein Leben lang begleitet haben, will der Bundesinnenminister nun beenden. "Wo früher die Sirenen heulten, soll künftig das Handy alarmieren, die Funkuhren schrillen und bei jedem, der gerade im Internet surft, sich ein Warnfenster öffnen. Dies ist moderne Kommunikation", sagte der Bundesinnenminister in einer Pressemitteilung.
Vom Standpunkt der Regierungsgewalt aus gesehen ist eine Sirene in ihren Wirkungsmöglichkeiten in der Tat sehr beschränkt. Sie kann praktisch nur eines: heulen. Da kann ich die Staatsgewalt schon verstehen. Die alte Sirene wäre zum Beispiel völlig ungeeignet, auf dem Wochenmarkt den Apfeldieb zu überwachen und zu überführen, oder zu protokollieren, wann beispielsweise ich auf dem Marktplatz erschienen bin (Ankunft 11:45 Uhr = notorischer Langschläfer), wie lange ich flaniere (Verweildauer 1:50 Std. = unentschlossener Mensch) oder was ich eingekauft habe (volle Einkaufstasche = Besserverdiener). Mit moderner Kommunikationstechnik wäre dies alles kein Problem.
Vielleicht könnte der freundliche Softwareriese seine .NET-Strategie ein wenig konkretisieren und zu einer globalen Messaging-Struktur aufbohren. Im Katastrophenfall würde die Unterrichtung der Bevölkerung zum Kinderspiel: Ein Anruf nach Redmond genügt, schon erscheint die Warnung Stunden später auf Bildschirmen und Handy-Displays der betreffenden User-Gruppe - jedenfalls bei den Usern, die registriert sind und das Handy eingeschaltet haben oder online sind.
Nicht nur die Beamten hätten ihre Freude an einem modernen Alarmsystem. Ein globales Messaging-System böte ein ideales Forum für sendungsbewusste Hacker: "4ll y0ur d1sast3rs are b3long t0 us!"
Nicht zu vergessen die in der Werbebranche arbeitenden Menschen, die sich für "Geschlechtsnocken" und ähnliche Produkte abschinden. Die "schaafe heisse Numer" weltweit im Alarmfenster - welch eine Aufmerksamkeit! Und das, ohne eine einzige E-Mail-Adresse kaufen zu müssen, ein einfacher Hack genügt. Free Spam!
"Dies ist moderne Kommunikation", hat der Minister gesagt. Und wenn es wirklich ernst wird, ist jeder sofort im Bilde: "Warning! Ein Großfeuer hat einen zentralen Internet-Knoten zerstört. Der Datenverkehr ist zusammengebrochen. Diese Meldung kann Sie daher eventuell nicht erreichen."
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