Um den richtigen Weg in die digitale Zukunft sollte es gehen. Stattdessen demonstrierten die internationalen Verwertungsgesellschaften auf dem ersten Copyright-Gipfel in Brüssel beharrliche Uneinigkeit darüber, wie das Ungetüm Internet am besten zu zähmen ist.
Teilweise hitzige Debatten um die wachsende Bedeutung digitaler Medien kennzeichneten das Treffen der über 630 Vertreter von Musikern und Filmschaffenden, die sich Ende Mai auf Einladung der CISAC (Confédération Internationale des Sociétés d’Auteurs et Compositeurs) in Brüssel zusammenfanden. Gleichzeitig zeigten die Podiumsdiskussionen, welch tiefe Gräben die Verwertungsgesellschaften von der Industrie trennen. Der CISAC gehören 217 Verwertungsgesellschaften von Komponisten und Autoren in 114 Ländern an; insgesamt vertritt CISAC nach eigenen Angaben 2,5 Millionen Kreative in aller Welt.
Seit dem 12. Oktober 2005 steht für die europäischen Rechteverwertungsgesellschaften eine Empfehlung der EU-Kommission zur Verwaltung von Online-Rechten an musikalischen Werken im Raum [1]. Derzeit müssen Internet-Musikdienste die Lizenzen zum Vertrieb von Musikstücken für jedes europäische Land einzeln erwerben, was das Entwickeln neuer Online-Angebote zu einer langwierigen und kostspieligen Angelegenheit macht.
Zur Beseitigung dieses Missstands hat die europäische Kommission drei Möglichkeiten vorgeschlagen: Option 1 hieße, die aktuelle Situation beizubehalten. Option 2 bestünde darin, die Beziehung zwischen den Verwertungsgesellschaften so anzupassen, dass jede von ihnen eine EU-weite Lizenz vergeben kann, die auch für die Werke aller anderen Gesellschaften gilt. Option 3 sähe so aus, dass die Rechteinhaber eine gemeinsame Rechteverwaltung auf die Beine stellen, die von einer zentralen Position aus EU-weite Lizenzen vergibt. Auf Basis dieser Empfehlung setzte die EU-Kommission für alle Beteiligte zur Abgabe von Stellungnahmen eine Frist bis zum 1. Juli 2007. Das Copyright Summit sollte den Rechteverwertern einen Monat vorher noch eine Chance bieten, die jeweiligen Positionen kennenzulernen und aufeinander zuzugehen. Es kam anders.
Das Motto des Gipfeltreffens lautete „Creators First“. Der GEMA-Vorsitzende Christian Bruhn betonte in seiner Ansprache die zentrale Bedeutung der Künstler in der digitalen Wertschöpfungskette und warb für einen Dialog zwischen allen an dieser Kette beteiligten Parteien. „Im Anfang war der Urheber“, dies solle man nie vergessen.
Dann betrat Ben Verwaayen die Bühne, Chief Executive der British Telecom. Nicht ohne hämischen Unterton bedauerte er die Anwesenden dafür, dass ihre bisherigen Geschäftsmodelle vor dem Ende stehen. Doch noch sei Zeit zur Umorientierung. Man solle keine Gedanken mehr darauf verschwenden, warum Kunden einerseits bereit sind, Geld für Klingeltöne auszugeben, andererseits aber illegal Musik herunterladen. Stattdessen solle man mit der Zeit gehen und neue Geschäftsmodelle für die sich wandelnde Medienlandschaft erarbeiten. Schnell kam aus dem Publikum die Frage, ob Telekommunikationsunternehmen die Verwertungsgesellschaften nicht dafür entschädigen sollten, dass ihre Kunden die Breitbandanschlüsse vor allem dazu nutzen, Inhalte ohne Bezahlung herunterzuladen. Verwaayens Antwort fiel schnell und hart aus: Derartige Zahlungen kämen nicht in Frage.
Über den CEO der British Telecom hinaus hatte die CISAC weitere hochkarätige Gäste aus der Internet-Branche eingeladen. Die Reaktionen der Anwesenden folgten einem durchgehenden Muster: Je deutlicher sich ein Referent für umgreifende Reformen aussprach, desto lauter murrte das Publikum.
Nikesh Arora von Google gelang eine feine Gratwanderung, indem er einerseits auf hohem technischem Niveau, andererseits ohne konkrete Details über die Evolution der Informationsgesellschaft dozierte. Hörbare Unruhe verursachte seine Prognose, dass portable Musik-Player in acht Jahren dazu im Stande sein werden, alle Musikstücke dieser Welt zu speichern und in 16 Jahren alle Filme noch dazu. Auf die Frage, ob Google plane, Inhalteanbieter einzukaufen, antwortete Arora hingegen beruhigend: Google sei ein auf Informationserschließung ausgerichtetes Unternehmen und plane daher nicht, selbst Inhalte zu produzieren.
Wer konkretere Vorstellungen von der unmittelbaren Zukunft zum Ausdruck brachte, hatte dagegen einen schweren Stand - so etwa in der Debatte über künftige Entwicklungen der Nutzung digitaler Inhalte. Dort erklärte die Rechtsberaterin von MTV Networks, Susannah Cope, ihr Unternehmen lege Wert darauf, dass es im Wettbewerb stehende Verwertungsgesellschaften gebe - ein klares Bekenntnis zu Option 2 der EU-Empfehlung. Damit gaben sich die Anwesenden jedoch nicht zufrieden. Mit lauten Zwischenrufen und viel Gejohle zwang das Publikum aus ihr den Grund heraus: „It’s important because of the rates“ - der Wettbewerb soll dazu dienen, die Gebühren zu drücken.
Derartige Aussagen zementierten den Eindruck zahlreicher Vertreter der Verwertungsgesellschaften, die Forderungen zu einer globalen oder zumindest EU-weiten Rechteverwertung zielten nur darauf ab, die Autorenvereinigungen zu schwächen.
Einige der Anwesenden vertraten gar die Position, es solle sich überhaupt nichts ändern. Eduardo Bautista, Vorsitzender der spanischen Verwertungsgesellschaft SGAE (Sociedad General de Autores y Editores), sah im Internet keinen Paradigmenwechsel, sondern nur eine Erweiterung der Medienlandschaft. Jetzt gebe es halt drei Arten von Bildschirmen, für die man Lizenzen vergeben könne: Fernseher, Computerbildschirme und portable Bildschirme auf iPods und Telefonen. Um für diese neuen Ausgabekanäle Lizenzen zu vergeben, bedürfe es keiner Reformen.
Andere Teilnehmer waren sich darüber im Klaren, dass Option 1 nicht mehr zur Debatte steht. Steve Porter von der britischen Autorenvereinigung MCPS-PRS Alliance bekannte sich klar zu einem Zusammenschluss der Verwertungsgesellschaften in einer paneuropäischen, wenn nicht gar weltweiten Rechteverwaltungsagentur. Die von ihm geführte CELAS, eine EU-weite Lizenzagentur für den EMI-Katalog, sei ein Zwischenschritt zu diesem Ziel.
Zumindest hier waren also klare Trends auszumachen: Den Status Quo wollen nur wenige Verwertungsgesellschaften beibehalten. Kleine Rechteverwerter sehen in Option 2 die Möglichkeit zur Ausweitung ihres Einflussbereichs. Den großen Autorenvereinigungen gefällt diese Vorstellung deutlich weniger - sie ziehen einen großen Dachverband vor, der die Interessen der einzelnen Gesellschaften bündelt, aber ihre Mitglieder nicht gleichschaltet.
Uneinigkeit herrschte auch bei der Frage, wie digitale Lizenzmodelle aussehen könnten. Die meisten Teilnehmer waren sich darüber einig, dass DRM (Digital Rights Management) keine Lösung mehr darstellt. Aber auch hier gab es Ausreißer: So schwärmte Sylvie Forbin des französischen Unterhaltungskonzerns Vivendi ausschweifend von einem neuen Multimediaportal ihres Unternehmens mit exklusiven Inhalten, das wie ein Klub funktionieren soll - nach außen durch DRM abgeriegelt.
Für den Erfolg dieses Geschäftsmodells setzte sie jedoch etliche Bedingungen voraus: Unerlaubte Vervielfältigungen müssen unterbunden werden, man benötige zusätzliche Rechtsmittel bis hin zu Webfiltern, die den Zugang zu illegalen Websites sperren. Erst wenn alle illegalen Nutzungswege unterbunden seien, könne die Unterhaltungsindustrie einen „virtuous circle“ erreichen, einen Tugendkreis.
Vivendi schien aber das einzige Unternehmen im Raum zu sein, das sein Glück noch in digitaler Rechtekontrolle sah. Mark Selby von Nokia erklärte zwar seine Firma dazu bereit, weiterhin DRM-Systeme umzusetzen, sah in der Nutzungskontrolle aber keine Zukunft. Auch Richard Lappenbusch von Microsoft erklärte, sein Unternehmen habe zwar viel in DRM investiert, sei aber auch gegenüber anderen Geschäftsmodellen aufgeschlossen.
Auch darüber, wie zeitgemäße Online-Lizenzierung auszusehen habe, gab es divergierende Meinungen. Einige Diskussionsteilnehmer favorisierten eine Pauschallizenz (blanket license), die ähnlich wie die hierzulande diskutierte Kultur-Flatrate funktionieren sollte. Das Konzept wirft jedoch die Frage auf, wie ein solcher Topf gerecht unter den Rechteinhabern verteilt werden soll. Alison Wenham vom Indie-Zusammenschluss WIN (Worldwide Independent Network) hielt daher auch gar nichts von diesem Konzept und verstieg sich gar zu der Aussage, dass Kreative bei einer solchen Lizenzierung auf „kommunistischer Ebene“ keinen Ansporn mehr dazu hätten, einander zu übertrumpfen.
Die hitzigste halbe Stunde der Veranstaltung war ein Streitgespräch zwischen dem US-Professor Lawrence Lessig, dem Gründer der „Creative Commons“, und Brett Cottle, dem Vorsitzenden des CISAC-Aufsichtsrats. Wiederholt versuchte Cottle, den gut vorbereiteten Lessig in die Enge zu treiben und als Gegner des geistigen Eigentums darzustellen.
Offenbar erscheint Lessig den Autorenvereinigungen als die Verkörperung alles Bösen - ein freundlicher Rattenfänger, der Autoren und Musiker von den Verwertungsgesellschaften wegleitet und in ein anderes Rechtemodell entführt.
Mehrfach erklärte Lessig, dass er nichts gegen Copyright habe und dass er Downloads urheberrechtlich geschützter Werke ablehne: „Ich kenne Ihren Feind und versichere Ihnen, dass ich es nicht bin.“ Creative Commons sei als Alternative gedacht, nicht als Ersatz für Copyright. Er sei nur der Meinung, dass ein Kreativer die volle Kontrolle über die Nutzung seiner Rechte behalten müsse - und dies umfasse eben auch die Möglichkeit, ohne Gegenwert auf alle Rechte zu verzichten.
Immer wieder versuchte Lessig, Cottle entgegenzukommen, doch davon wollte dieser nichts wissen. Der CISAC-Vorsitzende warf Lessig Verblendung vor: Er sei sich ja gar nicht im Klaren darüber, wie Creative Commons von Dritten benutzt werde. Creative Commons durchlöchere den Schutz, den die Verwertungsgesellschaften ihren Mitgliedern bieten; zudem verleihe Lessig der „Anti-Copyright-Bewegung“ einen Mantel der Glaubwürdigkeit. Lessig hielt dagegen, die Anti-Copyright-Bewegung beziehe ihren Antrieb nicht aus Creative Commons, sondern aus den extremen Reaktionen mancher Copyright-Inhaber.
Die Bemerkung blieb nicht folgenlos. Am nächsten Tag versuchte David M. Israelite, Vorsitzender der US-amerikanischen National Music Publishers’ Association (NMPA), Lessig aus seinen Formulierung einen Strick zu drehen: Er habe die Verteidiger der Urheberrechte als Extremisten bezeichnet - die wirklichen Extremisten seien jedoch diejenigen, die eine Lizenzierung von Inhalten ablehnen. Seiner Beteuerungen zum Trotze sei Lessig eben doch der Feind der Rechteinhaber. CISAC-Vizevorsitzender Victor Hugo Rascón Banda setzte zum Abschluss der Veranstaltung noch einen drauf: Die Worte von Lawrence Lessig hätten doch sicherlich bei allen Anwesenden Quaddeln (ronchas) ausgelöst.
Und was hatten die mit „Creators First!“ beschworenen Künstler so zu bieten? Um dem Slogan des Gipfels gerecht zu werden, hatte die CISAC sowohl Musiker als auch Schauspieler als Redner und zur Teilnahme an den Diskussionen eingeladen. Diese zeigten sich ähnlich uneins wie die auf ihnen aufbauende Industrie.
Einige Künstler zeigten sich vorwärts gewandt, andere von den neuen Möglichkeiten abgeschreckt. Nach vorn blickten etwa der britische Songwriter Billy Bragg und Nits-Sänger Henk Hofstede: Beide plädierten dafür, furchtlos die digitale Welt zu erschließen und ihre Möglichkeiten zu nutzen. Regisseur Alfonso Cuarón erklärte gar, die Bekämpfung illegaler Kopien sei wie der Krieg gegen Terrorismus: „Es ist ein dummer Kampf.“ Man müsse pragmatischer mit dem Problem umgehen und den Dialog mit denjenigen suchen, die heute als Schwarzkopierer geächtet werden. Tags darauf wurde Cuarón zum Vizepräsidenten der CISAC gewählt.
(ghi)
[1] Die Wahrnehmung von Urheberrechten und verwandten Schutzrechten
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