Stargast des zweiten Bremer Linuxtages Ende November war Alan Cox, einer der zentralen Kernel-Entwickler. Am Rand der Veranstaltung konnte c't mit ihm sprechen.
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c't: Wie bist du zu Linux gekommen?
Cox: Ganz ohne Absicht. Ich entwickelte damals ein Multi-User-Spiel namens AberMUD auf einem Unix-Rechner. Dann wurde 386BSD angekündigt, und ich entschied, dass ich jetzt auch auf einem PC arbeiten könnte. Zu der Zeit erschien auch die erste Linux-Release. Linux benötigte keinen Gleitkomma-Coprozessor, aber BSD brauchte einen.
c't: Wo steht Linux im Moment?
Cox: Ich bin mir nicht ganz sicher, es ändert sich so viel. Mittlerweile stecken große Firmen Geld in Linux. Das Debian-Projekt wird größer und größer, das Internet wächst, und immer mehr Leute arbeiten mit. Es tut sich viel mehr bei den Anwendungen als beim Kernel, was ich gut finde. Eine Menge Linux-Anwender kommen von Windows oder Mac OS und sagen: Ich benutze ein großartiges Windows-Programm, das es ärgerlicherweise nicht für Linux gibt - und dann schreiben sie es einfach. Sie beginnen, die Lücken auf dem Linux-Desktop zu schließen.
c't: Hat sich der Prozess der Linux-Entwicklung mit dem Linux-Hype der letzten Zeit verändert?
Cox: Es gibt einige Veränderungen. Viel mehr Leute werden jetzt für die Linux-Entwicklung bezahlt, und ich kriege eine Menge Patches von Firmen. Große Chip-Hersteller sind jetzt mit dabei und reden mit uns über Linux-Treiber; und Firmen wie 3Com haben schon eigene Linux-Treiber entwickelt.
Linux-Programmierer werden regelmäßig gefragt, ob sie in einer Firma arbeiten wollen, und sagen dann: ‘Nein, ich will das weiterhin als Hobby betreiben.’ Aber wenn beispielsweise der Hersteller eines SCSI-Controllers erfährt, dass ein bestimmtes CD-ROM-Laufwerk nicht läuft, kann er dem für den Treiber zuständigen Entwickler Geld anbieten, um den Fehler zu beheben; oder er kann ihm zum Beispiel das CD-ROM-Laufwerk für die Arbeit geben.
Es gibt eine Menge Leute, die unabhängig bleiben wollen, aber mit Linux Geld verdienen möchten. Und es gibt Hersteller, die ein Problem mit ihrer Hardware haben, aber nicht die Möglichkeit, es innerhalb ihrer Firma zu lösen. Solche Auftragsarbeiten werden weltweit vergeben - eine gute Sache für Leute, die nicht im Silicon Valley leben, sondern sonstwo in der Welt.
c't: Wie stellt ihr dabei die Qualität des Codes sicher?
Cox: Das ist nicht so schwierig, da der Kernel sehr modular ist. Größtenteils schreiben die Leute Gerätetreiber, die die anderen Teile des Codes nicht stören. Die meisten existierenden Treiber sind sehr gut, und die Leute nutzen deren Quellen, wenn sie neue Treiber schreiben - die Treiber stehen ja unter der GPL. Wenn wir dann in einem Treiber einen Bug entdecken, kann man ihn sehr leicht auch in den ganzen davon abgeleiteten Treibern reparieren. Wir haben zum Beispiel einen Fehler in dem Basis-Treiber für die serielle Schnittstelle gefunden, und derselbe Fehler war dann auch in acht oder neun anderen Treibern.
c't: Wie ist die Entwicklung des Linux-Kernel organisiert?
Cox: Eine Reihe Leute sammeln die verschiedenen Patches, testen sie, und geben sie dann vorgefiltert an Linus Torvalds weiter. Er trifft dann zwar die letzte Entscheidung, aber einige Leute, denen Linus vertraut, treffen Vorentscheidungen.
So etwas wie ein offizielles Entwicklerteam existiert nicht, aber es gibt fünf oder sechs zentrale Leute. Dave Miller etwa kümmert sich um den gesamten SPARC-Port. Alles, was das Dateisystem betrifft, geht an Stephen Tweedie, und ich kümmere mich um die ganzen allgemeinen Dinge, speziell im Hinblick auf den Kernel 2.2. Es gibt auch Leute, die nicht in dieses Modell passen, aber sehr wichtig sind, und mir beispielsweise einen Bugfix nach dem anderen schicken. Immer, wenn ich von diesen Leuten einen Bugfix bekomme, weiß ich, dass da auch ein Bug ist.
c't: Wie sieht deine persönliche Beziehung zu Linus Torvalds aus?
Cox: Ich schicke ihm Patches, und wir mailen miteinander. Ich glaube nicht, dass ich ihn wirklich kenne. Er erzählt nicht viel von sich. Wir haben uns mehrmals getroffen, aber auch dann ist er sehr still.
c't: Siehst du eine Perspektive für Linux auf dem Unternehmens-Desktop?
Cox: Das ist ein Markt, den man sich nach den Servern und den ‘embedded systems’ ansehen muss. Das Problem ist, Linux einfach genug zu machen. Corel wird hier sicher helfen, genau wie StarOffice oder Applix. Man kann unter Linux inzwischen mit Windows-Rechnern kommunizieren und Word-Dokumente lesen.
Entscheidend ist die Kommunikation. Ich denke, in Zukunft werden immer mehr Firmen auf offene Standards setzen. Im Moment sind viele wichtige Firmendaten in proprietären Formaten gespeichert; und allmählich stellt sich die Frage: Wie lesen wir diese Daten in 20 Jahren - oder auch schon in sieben? Wenn sie beispielsweise mit einer Software erstellt wurden, die nicht Jahr-2000-fest ist oder die es gar nicht mehr gibt? Proprietäre Dokument-Formate sind ein viel höheres Risiko als proprietäre Software.
c't: Was fehlt Linux am dringendsten?
Cox: Zurzeit ist das wahrscheinlich ein ‘journaling file system’. Mittlerweile sind Festplatten mit 20 oder 30 GByte Standard auf dem PC; das war vor wenigen Jahren die Kapazität eines größeren Datencenters. Daher ist SGIs XFS so wichtig, das ja ursprünglich ein Mainframe-Dateisystem war. Auch bei der 3D-Grafik tut sich jetzt viel, weil das die Anwender wollen; ebenso bei der Unterstützung von DVD-Playern und TV-Karten - der ganze Bereich des ‘home entertainment’.
c't: Wovon lebst du selbst?
Cox: Ich erledige seit fast zwei Jahren Auftragsarbeiten für Red Hat. Jetzt, nach der Gründung der europäischen Niederlassung, werde ich direkt für Red Hat arbeiten - wahrscheinlich ab dem 1. Dezember. Bislang habe ich nur Auftragsarbeiten übernommen, weil Red Hat eine amerikanische Firma ist und ich in England bleiben wollte. (odi)
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