Intels Atom-Unfall

Erste Messungen am Intel Atom D2700

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Für die nächste Atom-Version versprach Intel außer mehr Rechenleistung auch DirectX-10-Grafik und HD-Video-Tauglichkeit. Doch das hat nicht ganz geklappt.

Die Cedarview-Atoms alias N2600 und N2800 für Netbooks sowie D2500 und D2700 für Nettops hätten eigentlich wohl schon im September erscheinen sollen. Nun hat sie Intel geradezu heimlich am 28. Dezember vergangenen Jahres vorgestellt, mittlerweile tröpfeln die ersten damit bestückten Produkte auf den Markt. Wir haben ein Mini-ITX-Board der Firma Jetway ins c’t-Labor geholt. Das lüfterlose JNC9KDL-2700-NF (circa 110 Euro bei www.mini-itx.de ) ist mit dem schnellsten 32-Nanometer-Atom D2700 bestückt, der weiterhin mit dem spartanisch ausgestatteten Chipsatz NM10 kooperiert: Er bietet bloß zwei SATA-II-Ports. Die Chipkombination aus Cedarview-Atom und NM10 nennt Intel Cedar Trail: Cedar Trail-M ist die Netbook-Plattform, ein „D“ steht für Desktops, also im Intel-Jargon Nettops.

Die beiden Kerne des Atom D2700 erreichen 2,13 GHz, der eingebaute Speicher-Controller steuert DDR3-SDRAM mit bis zu 533 MHz an (DDR3-1066). Die bisherigen Atoms konnten höchstens DDR3-800 ausreizen (400 MHz). Außerdem hat Intel die Atomkerne überarbeitet: Statt der Bonnell-Mikroarchitektur der 45-nm-Chips kommt nun Saltwell zum Einsatz. Allerdings verrät Intel darüber bislang keine Details. Doch alleine durch die höhere Frequenz der CPU-Kerne – im Vergleich zum 1,8-GHz-Typ D525 um 18 Prozent – sowie durch das schnellere RAM war höhere Performance zu erwarten. Im Cinebench R11.5 kletterte die Bewertung dann auch von 0,6 auf 0,69 Punkte, also immerhin um 13 Prozent. Den BAPCo SYSmark 2007 absolviert der Neuling um 16 Prozent schneller. Das wird man in der Praxis kaum spüren – der Atom bleibt schnarchlahm. Auch der Chipsatz NM10 blockiert Innovationen, weil er lediglich PCI Express 1.0 unterstützt: Er bindet USB-3.0-Adapterchips nicht mit voller PCIe-2.0-Datentransferrate an.

Höhere Erwartungen hatte Intel in Bezug auf den integrierten Grafikkern geweckt. Das steinalte DirectX-9-Eigengewächs GMA 3150 von Intel löst der Neuling GMA 3600/3650 ab. Dahinter verbirgt sich ein PowerVR-SGX-Kern von Imagination Technologies. Der steckt auch schon in den Embedded- und Tablet-Atom-Baureihen Z500 (Silverthorne), Z600 (Moorestown/Oak Trail) und E600 (Tunnel Creek). Darin laufen PowerVR-SGX535-Kerne mit 200 oder 400 MHz Taktfrequenz. Man munkelt, im Cedarview stecke ein PowerVR SGX545 – Intel verrät das nicht genau. Er bindet jedenfalls endlich Full-HD-Displays per HDMI an. Der HD-Video-Decoder der Version GMA 3650 in Atom N2800 und D2700 soll Blu-ray-tauglich sein, die Variante GMA 3600 aber nicht.

Vergrößern Die Windows-Registry enttarnt den GMA 3650 als PowerVR Eurasia.

Als Mitglied der 2005 unter dem Codenamen Eurasia vorgestellten GPU-Familie SGX5 hatte Imagination Technologies schon vor zwei Jahren den PowerVR SGX545 angekündigt. Damals hieß es, er unterstütze DirectX 10.1 – und das versprach auch Intel noch im April 2011 für die Cedarview-Atoms. Doch bisher gibt es ausschließlich DirectX-9-Treiber und selbst diese bloß für 32-Bit-Windows. Das BIOS unseres Test-Mainboards blockierte sogar die x64-Funktion des Atom D2700, weshalb sich kein 64-Bit-Windows installieren ließ. Weil wir sonst nur noch unter 64-Bit-Windows messen, sind die Benchmark-Ergebnisse nicht präzise vergleichbar. Doch um Nachkommastellen muss man sich speziell bei den Grafik-Benchmarks sowieso nicht streiten, weil die PowerVR-GPU ständig ruckelt und lahmt – beispielsweise schon beim Verschieben von Fenstern auf dem Windows-Desktop. HD-Videos von YouTube spielte unser Testsystem immerhin ab und anders als der alte Atom auch in 1080p-Auflösung – allerdings ruckelte die Wiedergabe sichtbar. Besser funktionierten HD-Video-Trailer im Quicktime-Format von der Festplatte. Mit Blu-ray Discs konnten wir nicht experimentieren, weil PowerDVD 11 Ultra den Kopierschutz des HDMI-Ausgangs nicht erkannte.

Eigentlich kommt es bei Netbooks und kompakten Billigcomputern nicht sonderlich auf Rechen- und Grafikleistung an. Doch seit AMD C-50/60 und E-350/450 verkauft, sieht Intels Atom alt aus. Zwar ist der sparsame C-60 noch lahmer als viele Atoms und der schnellere E-450 schluckt unter Volllast deutlich mehr Strom. Doch die Performance der Radeon-GPUs liegt meilenweit vorne, die Treiber sind reifer und HD-Videos laufen flüssig. Für Desktop-Rechner eignen sich dermaßen langsame Prozessoren trotzdem kaum, weil sogar das Umschalten zwischen verschiedenen Programmen nervig lange dauern kann. Schon ein billiger Celeron G530 rechnet um das Zwei- bis Vierfache schneller. Auf einem sehr sparsamen Micro-ATX-Board schluckt er im Leerlauf – dem für den jährlichen Energieverbrauch entscheidenden Betriebsmodus – nicht einmal mehr als manches Mini-ITX-Board mit Atom.

Vergrößern Cedarview: 32-nm-Atoms für Netbooks und Nettops

Die speziellen Vorzüge der Netbook-Chips entfalten sich vor allem in ihrem Biotop, also in billigen, ultramobilen Notebooks. Hier kann der neue Atom tatsächlich punkten: Etwas mehr Performance bei etwas geringerer Leistungsaufnahme, also höhere Effizienz – das verspricht längere Akkulaufzeiten. Der N2600 soll zudem ohne Lüfter auskommen. Die GPU enttäuscht dagegen auf fast ganzer Linie. Immerhin bringt sie zwar HDMI und OpenGL 3.0 – der GMA 3150 konnte nicht einmal OpenGL 2.0 –, aber HD-Videos ruckeln und die 3D-Performance ist geradezu lächerlich gering. Zu allem Überfluss können die Netbook-Atoms interne Displays höchstens mit HD-Ready-Auflösung ansteuern.

Vergrößern Atom D2700: Performance unter Windows

Ob Intel die Atoms zwecks Stromsparen kastriert hat oder um den Markt der teureren Prozessoren zu schützen oder ob es der Halbleiter-Marktführer trotz jahrelanger Entwicklungsarbeit einfach nicht besser kann, ist für Käufer nebensächlich. Sie lassen Netbooks links liegen: Im Jahr 2011 ist der Atom-Absatz drastisch eingebrochen. Es sieht nicht so aus, als könne der neue Cedarview-Atom daran viel ändern, denn die Performance seines Grafikkerns ist inakzeptabel schlecht. Eigentlich ist das unerklärlich, weil eng verwandte PowerVR-Kerne etwa in Apples iPad ordentliche Leistungen liefern. Möglicherweise kommt die PowerVR-CPU einfach nicht richtig mit dem DirectX-Konzept zurecht und harmoniert besser mit OpenGL. Aber weshalb setzt Intel weiterhin auf Imagination Technologies, obwohl die Mängel unter Windows beim PowerVR SGX535 der Z-Atoms seit mittlerweile vier Jahren bekannt sind? Die Gerüchte, wonach Intel erhebliche Probleme mit den PowerVR-Treibern für Windows hatte, scheinen sich jedenfalls zu bestätigen. Auch Texas Instruments (TI) muss diese Fragen klären, schließlich soll die PowerVR-GPU des ARM-SoC OMAP4 unter dem kommenden Windows 8 Dienst tun.

Intel vertröstet wieder einmal auf die nächste Atom-Generation: Die Clover-Trail-Plattform – ein Dual-Core-Atom-SoC, wohl ähnlich dem N2600 – ist für Windows-8-Tablets gedacht. Und mit dem 22-nm-Silvermont soll 2013 ein Quad-Core-Atom kommen. Es wird spannend, ob diese Anstrengungen genügen, um die mit Windows 8 startende ARM-Konkurrenz in Schach zu halten. (ciw)

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