Interne Mails bekräftigen Abzock-Verdacht gegen Dating-Plattform Lovoo

Trends & News | c't deckt auf

Die eingehende Analyse von c't zugespielten Dokumenten nährt den Verdacht, dass die Dating-Plattform Lovoo ihren männlichen Nutzern systematisch mit erfundenen Profilen das Geld aus der Tasche gezogen hat.

In c’t 21/15 berichteten wir über den Verdacht mutmaßlicher Abzocke auf der Dating-Plattform Lovoo. Uns zugespielte E-Mails deuten darauf hin, dass die hierzulande erfolgreichste Online-Flirtbörse virtuelle Nutzerinnen angelegt hat, die männliche Kunden zu teils kostenpflichtigen Interaktionen veranlasst haben. Bei einer erneuten und vertiefenden Sichtung des sehr umfangreichen Materials stießen wir auf weitere Mails, die anscheinend aus der Lovoo-Führungsriege stammen und den Abzock-Verdacht bestätigen.

Nach wie vor hat Lovoo die Authentizität des belastenden Materials nicht bestätigt. In der Tat können Manipulationen bei derart übermittelten Dateien nie ganz ausgeschlossen werden. Wir haben jedoch keine Hinweise auf Manipulationen oder eine mangelnde Echtheit bei der Analyse des Materials entdecken können.

Das Projekt, virtuelle Nutzerinnen zur Umsatzsteigerung zu generieren, trägt diesen Mails zufolge intern den Namen “Tu Gutes” und startete im Sommer 2013. Die angelegten Fake-Profile (“Promoter”) wurden demnach vom System angewiesen, Profile männlicher Nutzer zu besuchen und positiv zu bewerten. Will der Nutzer erfahren, wer sich für ihn interessiert, muss er die Information mit der virtuellen Währung “Credits” freischalten oder ein Abo abschließen.

In einer dieser Mails meldete ein leitender Mitarbeiter von Lovoo kurz nach dem Start von “Tu Gutes”, am 17. Juni 2013, unter anderem an den Firmenchef Benjamin Bak, wie erfolgreich das Experiment mit zunächst zehn Fake-Profilen anlief:

"Ich würde sagen, dass von Credits in Euro umgerechnet im Schnitt so ein tu gutes Profil 75 Euro machen kann auf 1000 Votes. Wenn man noch Rentention & Sponsorpay etc. drauf rechnet, kommt es sicher an die 100 ran. Ich seh natürlich nicht, ob das jetzt VIP's oder so waren mit topchat und listen. Würden bedeuten, dass wir mit den 10 Profilen ca. 1000 Euro mehr gemacht haben. Das kann ich mir durchaus vorstellen. @ DAVE: bitte aktivere diese Woche die restlichen 90 profile."

Lovoo-Chef Benjamin Bak antwortete wenige Stunden später:

“Wir haben letzte Woche wieder die Top Woche Umsatz erreicht. Der Top Tag war Pfingst Sonntag. Also weiter so.
Android holt immer weiter auf.”

Ein leitender Mitarbeiter schickte Tags darauf eine Umsatzaufstellung für die zehn Promoter-Konten in die Runde:

"Hier noch mal n kleine Übersicht über die angeschaffte Credits die User für die Promote-Bitches ausgegeben haben (unlock,topchat,kisses,gifts,readconfirm)"

email amount
promoter_2026881f3280@lovoo.com 7.409
promoter_4ba9da8c4928@lovoo.com 6.648
promoter_301904cc42ed@lovoo.com 6.577
promoter_d569d68ddfdf@lovoo.com 6.307
promoter_316e38578a6e@lovoo.com 6.271
promoter_61053f08f70a@lovoo.com 6.118
promoter_d4f15a0b1243@lovoo.com 6.112
promoter_6594fe0565bf@lovoo.com 6.081
promoter_a81dcc39c2c6@lovoo.com 5.914
promoter_616287d7262f@lovoo.com 5.631
promoter_7f0158972de3@lovoo.com 5.580
68.648


Ein “Credit” kostet die Nutzer aktuell bis zu 1,33 Cent. Die Gesamtsumme von 68.648 Credits, welche die zehn Profile in vier Tagen mutmaßlich eingefahren haben, entspricht nach heutigem Kurs bis zu 913 Euro.

Am 20. Juni 2013 schrieb ein anderer leitender Mitarbeiter:

"Nun, wir wollen diesen Monaten mit allen Mitteln noch mehr Umsatz haben, aber jetzt alles auf die Promoter zu schieben kann auch nicht die Lösung sein!
Wie sieht's mal wieder mit ner spezial Credit / VIP Aktion aus?"

Die Antwort aus dem Management:

"Wir müssen es erstmal mit den Promotern probieren, 100 Votes pro Stunde ist recht wenig. Mach mal 500 pro stunde/promoter!!! = 12.000 pro promoter am tag = 600.000 Votes pro Tag / Allover."

Am 17. Juli schickte eine Analystin des Unternehmens eine Mail mit dem Betreff "Umsatz-Forecast Juli" ans gesamte Management:

"Hallo an alle,

der Forecast in Bezug auf die user-generierten Revenues sieht sehr gut aus. (Siehe Anhang) Ich bin von einem MAU-Wachstum von 10% ausgegangen, was wir letzten Monat hatten. Ich denke aber, dass das MAU-Wachstum durch die hohen Registrierungszahlen tendenziell höher ist und wir unsere KPIs halten, aber nicht übertreffen, werden."

MAU steht unseren Informationen zufolge für “Monthly Active User”, also die Anzahl der aktiven Nutzer in diesem Monat. Chef Benjamin Bak antwortete:

"Mindestens 10% muss es schon sein. Also GO Direktvertrieb!"

Daraufhin ergänzte ein führender Mitarbeiter aus dem Marketing nun lediglich an einen kleineren Kreis:

"+ Tu Gutes noch leicht auf 15% anheben für die letzten 10 tage Juli!"

Wir fanden E-Mails, in denen von einem erfolgreichen Rollout von "Promoter"-Accounts in Großbritannien und in der Schweiz berichtet wurde ("Alter schwede, wenn du das auf dem level weiter machst, können wir viel viel schneller wachsen als gedacht. ungefähres spending zu den 5 Tagen - ios & android: 14 k Euro"). Außerdem enthielten einige Spreadsheet-Anhänge konkrete Zahlen, aus denen hervorgeht, wie viel Zusatzumsatz jeder der mittlerweile Hunderte Fake-Accounts mit künstlich erzeugten Nutzer-Interaktionen generieren soll.

Dem uns zugespielten Material zufolge hatte Lovoo am 24. Juli 2014 um 18:15 eine Besprechung geplant, in der es unter anderem um die Zukunft von “Tu Gutes” gehen sollte. Einer der Punkte auf der Tagesordnung:

“Promoter lesen oder löschen eingehende Nachrichten (wäre cool wenn kurz vor dem Lesen noch ein Profilbesuch ausgelöst wird)”

Anhand der uns zugespielten Mail-Archive konnten wir nachvollziehen, dass “Tu Gutes” anscheinend auch noch im Jahr 2015 aktiv gewesen ist und sogar ausgebaut werden sollte: So schrieb unseren Informationen zufolge Benjamin Bak am 6. Januar dieses Jahres:

“Aber die Usage in US ist echt ekelhaft. Wir können TU gutes + das neue Chatbanana dann auch in US starten wenn wir in UK voll loslegen.”

Am 23. Januar 2015 schickte die oben erwähnte Analystin den Tagesbericht für den Vortag an Lovoo-Chef Bejamin Bak:

“Tu Gutes läuft seit dem 20.01. wieder auf hohem Niveau. Die Freischaltungen sind damit wieder gestiegen, aber sie schwächeln dennoch noch etwas.“

Kurz darauf vermeldete der "Lead System Architect" von Lovoo:

“Nur noch mal als Status Info. Promoters laufen seit dem 21. wieder zu 100%."

Vor Veröffentlichung des Artikels "Herzensbrecher" bat c't das Unternehmen mehrfach um eine Stellungnahme. Doch erst nach der Veröffentlichung bestritt Lovoo gegenüber anderen Medien sowie in einem Blog-Beitrag auf der eigenen Website die Vorwürfe. Die "Promoter" habe es tatsächlich gegeben, allerdings in einem anderen Zusammenhang, wie das Unternehmen nun behauptet.

Mehrere Lovoo-Nutzer leiteten uns eine Antwort des Lovoo-Supports weiter. Sie hatten dort nachgefragt, was es mit der Darstellung von c't auf sich habe. In der Antwort heißt es wörtlich:

"Vor einigen Jahren gab es bei LOVOO zwei interne, getrennt arbeitende Teams von denen eins Spam-Aktionen simulierte, das zweite diese erkennen und bekämpfen sollte. Diese sogenannten 'Promoter'-Teams gibt es nicht mehr, da wir auf Basis der damals gewonnen Erkenntnisse unsere Anti-Spam-Software entwickelt haben (u.a. ein selbst lernender Algorithmus)."

Wir suchten in den uns vorliegenden E-Mail-Archiven daraufhin nach Hinweisen, die diese Erklärung für die Existenz von "Promoter"-Profilen stützen – wir fanden keine. Zur Erinnerung: Bei den uns zugespielten Archiv-Dateien handelt sich um mehrere Kopien von Exchange-Postfächern der Führungsebene Lovoos im PST-Format. c't hat bislang keinerlei Hinweise auf eine Manipulation dieser Archive in der Gesamtgröße von mehr als 50 GByte entdeckt.

Auch die Behauptung Lovoos, es habe lediglich "vor einigen Jahren" sogenannte "Promoter"-Teams gegeben, konnten wir anhand der uns zugespielten Mail-Archive nicht nachvollziehen – insbesondere nicht den Zeitbezug. Das "Tu-Gutes"-Projekt lief augenscheinlich auch 2014 und 2015 weiter und wurde sogar beständig optimiert. Wir baten Lovoo am Dienstag, den 22. September 2015, erneut um Erläuterungen. Doch das Unternehmen lehnt eine schriftliche Stellungnahme gegenüber c't weiterhin ab. (rei)

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