Leseprobe aus c't 13/04
Spätestens seit Google die Börsenzulassung beantragt hat, haben viele Gegenspieler den Suchmaschinenprimus im Fadenkreuz: Suchmaschinen-Spammer, Konkurrenten mit neuen Anwendungen sowie die immer kritischere Öffentlichkeit.
Mit exzellenten Suchergebnissen und seinem schlanken Erscheinungsbild hat Google viele Fans gewonnen. Innerhalb von fünf Jahren mauserte sich die Suchmaschine vom Nobody zum meistbenutzten Webfahnder schlechthin. Laut einer Untersuchung des Marktforschungsunternehmens comScore entfällt ziemlich genau die Hälfte allen suchspezifischen Datenverkehrs im Internet auf Google. Yahoo und MSN liegen mit 28 und 15 Prozent deutlich abgeschlagen auf den Plätzen. Für seine Bekanntheit hat Google fast keinen Cent in Eigenwerbung investiert - zufriedene Nutzer sorgten per Mund-zu-Mund-Propaganda für das Marketing.
Lange Zeit haben Konkurrenten nur tatenlos versucht, den Erfolg von Google kleinzureden. Doch mittlerweile bauen potente Gegenspieler ihre Dienste aus, was die Position von Google ernsthaft gefährden könnte. Als aussichtsreichste Kandidaten gelten Microsoft und Yahoo. Beide verfügen über viel Geld, Marktmacht und Suchtechnik-Know-how. So führt Google im Teil seines Börsenprospekt, der potenzielle Anleger auf mögliche Risiken des Börsenaspiranten hinweist, die Konkurrenten an erster Stelle auf.
Yahoo hat offenbar als erster Gegenspieler einen Schlachtplan aufgestellt, um die Dominanz von Google zu brechen. Der Portalbetreiber unterhielt ursprünglich selbst nur einen redaktionell gepflegten Katalog; um eine Volltextrecherche anzubieten, musste Yahoo mit einem Partner zusammenarbeiten. Seit Mitte 2000 lieferte Google die Ergebnisse.
Yahoo kaufte zunächst Ende 2002 den Volltextsuchmaschinen-Betreiber Inktomi und Mitte 2003 den Suchdienstleister Overture mit dessen Tochterunternehmen AltaVista und Fast Search. Mit dem gesammelten Know-how hat Yahoo eine eigene Volltextsuchmaschine aufgebaut, die seit Anfang 2004 Google auf den eigenen Seiten ersetzt.
Unter http://search.yahoo.com/ stellt Yahoo eine schlanke Oberfläche für seine Suchdienste bereit, die offensichtlich für Fans des spartanischen Google-Interface entwickelt wurde. Das Suchangebot deckt schon viele Bereiche ab, die auch Google bedient: Außer im Web und im Yahoo-Verzeichnis können Surfer dort unter anderem auch nach Bildern, News und Produkten fahnden.
Das Entwickerteam von Yahoo erweitert die Palette an Suchdiensten laufend. Wie die Forschungsabteilung von Google präsentieren sich auch die Yahoo Research Labs auf einer eigenen Homepage (http://labs.yahoo.com), wo sie aktuelle Forschungsprojekte und -arbeiten vorstellen. So experimentiert Yahoo mit einer - derzeit allerdings noch nicht in allen Belangen konkurrenzfähigen - Implementierung der Open-Source-Suchmaschine Nutch (http://labs.yahoo.com/demo/nutch/).
Einen kleinen Achtungserfolg hat Yahoo mit seinen Bemühungen, Google den Rang abzulaufen, schon errungen. So konnte Yahoo als erster der drei Großen seinen Dienst für ortsabhängige Recherchen vorstellen. Experten halten diese „lokale Suche“ für ein wichtiges Thema im Suchmaschinenmarkt. Bei Yahoo Maps gibt der Benutzer seinen Standort in Form einer Adresse oder eines Zip-Codes ein. Der Dienst zeigt Restaurants, Hotels, Kinos, Bankautomaten et cetera in der Umgebung auf einer Karte an (http://maps.yahoo.com).
Google hat allerdings kurz nach dem Release von Yahoo Maps nachgezogen. Statt nur Unternehmen und Einrichtungen einer Reihe fest vorgegebener Kategorien anzuzeigen, filtert Google den Volltextindex nach Adressinformationen und versucht so, beliebige Seiten mit Bezug zu einem bestimmten Ort zu präsentieren (http://local.google.com).
Nicht nur bei der Suche, sondern auch bei der Online-Werbung liefern sich Google und Yahoo einen harten Wettstreit. So hat Google im Januar ein Abkommen mit der europäischen Shopping-Suchmaschine Kelkoo geschlossen, nach dem diese Google AdWords-Anzeigen auf ihren Seiten anzeigt. Im Januar hat Yahoo Kelkoo gekauft. Derzeit findet sich auf den Kelkoo-Seiten zwar noch Google-Werbung, aber man kann davon ausgehen, dass diese in absehbarer Zeit durch das Äquivalent der Yahoo-Tochter Overture ersetzt wird.
Auf Bill Gates’ Radarschirm dürfte Google spätestens im Dezember 2000 aufgetaucht sein, als der Suchdienst seine Toolbar für den Internet Explorer herausbrachte. Damit können Surfer auf kürzestem Weg Suchanfragen an Google stellen - vorbei an der im Browser fest verdrahteten Microsoft-Suchmaschine des MSN-Portals.
In der Folgezeit drang Google immer wieder in Microsoft-Domänen ein. Die Google Deskbar zum Beispiel verankert ein Suchfenster für den Dienst auf dem Windows-Desktop. Auch die Ankündigung des Freemail-Dienstes Gmail muss der Hotmail-Betreiber und Outlook-Hersteller als Angriff auf seine Produkte ansehen.
Im Jahre 2003 hat sich bei Microsoft offenbar zudem die Erkenntnis durchgesetzt, dass man mit Suche und kontextbezogener Werbung viel Geld verdienen kann. Nachdem Google für eine Übernahme nicht zu haben war, wollte sich Microsoft anscheinend auch von Inktomi und Overture unabhängig machen, die bis heute die Suchergebnisse für MSN Search liefern. Microsoft stockte seine Forschungsabteilung personell auf und will nun bis Ende des Jahres eine eigene Suchmaschine am Netz haben. Ein eigener Spider, der Webdokumente einsammelt, ist bereits seit Mitte 2003 unterwegs. Unter http://uk.newsbot.msn.com/About.aspx lässt sich bereits die Betaversion einer News-Suchmaschine ausprobieren, die Google News ähnelt (in zehn Länderversionen, aber nicht für deutsche Nachrichten).
Auf den Seiten von Microsoft Research kann man sich bereits ein Bild davon machen, wie sich Microsoft die Zukunft der Suche vorstellt. Das Projekt „Stuff I’ve Seen“ zum Beispiel vereint die Suche auf dem Desktop mit der Recherche im Netz. Es zeigt Informationen aus verschiedenen Dateiformaten und Quellen - PDF-Dateien, E-Mails Word-Dokumenten und Webseiten - in einem Index.
„Implicit Query“ soll die Suchmaschine zum interaktiven Helfer befördern. Das System unterstützt den Anwender, indem es ihm zum Dokument, das er momentan bearbeitet, thematisch passende Dateien liefert. Formuliert der Benutzer zum Beispiel eine E-Mail über die Geschäftszahlen, kramt Implicit Query alle einschlägigen Excel-Tabellen hervor, die der Benutzer als Attachment anhängen kann.
Stuff I’ve Seen und Implicit Query passen sehr gut zu den Plänen Microsofts, die kommende Version von Windows (Longhorn) mit einem Datenbank-basierten Dateisystem namens WinFS auszustatten. Microsoft hat allerdings bereits angekündigt, ein neues Datentyp-übergreifendes Suchsystem vor dem Release von Longhorn auszuliefern.
Vergleichsweise spät in den Markt für Suchmaschinen einzusteigen, muss für Microsoft kein Nachteil sein, im Gegenteil entspricht diese Vorgehensweise eher der normalen Produktstrategie des Softwareriesen: Er wartet ab, ob sich ein Markt entwickelt, um ihn dann aufzurollen.
Manche Beobachter sagen Google daher bereits ein ähnliches Schicksal wie Netscape voraus. Der Browser-Hersteller dominierte Mitte der neunziger Jahre den Browser-Markt - bis Microsoft ihm das Geschäft streitig machte. Der Windows-Hersteller baute den Internet Explorer fest in sein Betriebssystem ein, womit sich die Marktverhältnisse innerhalb nur weniger Jahre komplett umkehrten. Heute dominiert der Internet Explorer mit über 90 Prozent Marktanteil den Browser-Markt.
Google hat offenbar bereits auf die Bedrohung durch Microsoft reagiert. Der Suchmaschinenprimus will demnächst auch ein Werkzeug herausbringen, mit dem der Benutzer lokal gespeicherte Dateien durchsuchen kann. (jo)
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| Weitere Artikel zum Thema "Das Google-Risiko"" finden Sie in der c't 13/2004: | |
| Börsengang mit Risiken | S. 164 |
| Google-Anzeigen manipulieren | S. 170 |
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