Selbst eine jahrzehntelange Benutzung von Mobiltelefonen erhöht wahrscheinlich das Krebsrisiko nicht, folgern Wissenschaftler aus einer groß angelegten epidemiologischen Studie [1]. Grundlage waren die Daten derjenigen Dänen über 18 Jahre, die zwischen 1982 und 1995 einen Mobiltelefonvertrag abgeschlossen hatten, soweit diese mit dem zentralen Bevölkerungsregister und dem dänischen Krebsregister abgleichbar waren. Nach dieser Bereinigung ermittelten die Wissenschaftler 1996 und ein zweites Mal 2002 die Häufigkeit, mit der eine Krebserkrankung unter den verbleibenden 420 095 Dänen auftrat, und verglichen dies statistisch mit den zu erwartenden Daten für den Teil der Gesamtbevölkerung, der mutmaßlich nicht mobil telefoniert hat [2].
Bei der zweiten nun fertig ausgewerteten Untersuchung lag die mittlere Nutzungszeit mit 8,5 Jahren deutlich höher als bei der ersten Studie, bei der Aussagen zur Langzeitwirkung noch gar nicht möglich waren. Die knapp 57 000 Dänen, die ihren ersten Mobiltelefonvertrag mindestens zehn Jahre vor der zweiten statistischen Untersuchung abgeschlossen hatten, definierten die Wissenschaftler als Langzeitnutzer. Unter ihnen gab es 28 gegenüber 43 zu erwartenden Erkrankungen an einem Gehirntumor. Auch von anderen, nicht mit Mobiltelefonie in Verbindung gebrachten Krebsarten waren die Mobiltelefonierer tendenziell seltener betroffen. Dies erklären die Forscher damit, dass zu dieser Gruppe insbesondere in der Anfangszeit des Mobilfunks vor allem Besserverdienende mit einer vermutlich gesünderen Lebensweise gehörten.
Trotz der ungewöhnlich großen Datenbasis beantwortet aber auch diese unter der Leitung von Joachim Schüz vom Institut für Krebsepidemiologie der dänischen Krebsgesellschaft in Kopenhagen durchgeführte Untersuchung die generelle Frage nach einer möglichen Gesundheitsgefährdung durch Mobiltelefone nicht abschließend: Schüz fasst in einer von der Schweizer Forschungsstiftung Mobilkommunikation veröffentlichten „provisorischen Risikoabschätzung“ [3] die bisherigen Befunde aus gut 30 unterschiedlichen Untersuchungen zum Zusammenhang zwischen Krebserkrankungen im Kopfbereich und einer Mobiltelefonnutzung zusammen. „Eine Erhöhung des Risikos kann bisher wissenschaftlich weder belegt noch ausgeschlossen werden“, lautet sein Fazit insgesamt. Die bisher veröffentlichten Fallzahlen zu Langzeitnutzern - seine eigene Untersuchung eingeschlossen - seien klein und die Ergebnisse mit großer statistischer Unsicherheit verbunden. Aus experimentellen Studien gebe es wenig Hinweise auf biologische Effekte unterhalb der bestehenden Grenzwerte, ohne dass man diese damit ausschließen könnte. Und völlig unzureichend seien bisher die Aussagen zur Gefährdung von Kindern sowie generell zu anderen Krankheiten als Krebs.
Um zumindest dem Problem der für eine Bewertung zu kleinen Fallzahlen bei Krebserkrankungen zu begegnen, läuft auf Initiative der Weltgesundheitsorganisation (WHO) seit 2000 in 13 Ländern die Interphone-Studie [4]. Bei dieser Fallkontrollstudie befragen trainierte Interviewer mehrere tausend an bestimmten Krebsarten Erkrankte detailliert zur Nutzung mobiler Telefone. Zusätzlich erfasst man Faktoren wie eine berufliche Belastung durch hochfrequente elektromagnetische Felder und ionisierende Strahlen, die medizinische Vorgeschichte und Rauchgewohnheiten. Die Durchführenden hoffen, so konkreter sagen zu können, ob es ein erhöhtes Krebsrisiko gibt und falls ja, ob dieses von der Häufigkeit und Art des Mobiltelefongebrauchs abhängt. Abschließende Ergebnisse werden demnächst erwartet.
Die Interphone-Studie wird gemeinsam von Wirtschaft und öffentlichen Institutionen finanziert. Folgt man einer in der online frei publizierten Fachzeitschrift Environmental Health Perspectives veröffentlichten Studie, die den Einfluss der Finanzierung auf die Ergebnisse bei Untersuchungen zur Gesundheitsgefährdung durch Mobilfunk untersucht hat, könnte dies am ehesten verlässliche Ergebnisse bringen: Danach wiesen gemischt finanzierte Untersuchungen die höchste Qualität auf. Darüber hinaus fanden sie vergleichbar oft Hinweise auf Auswirkungen, während allein durch Auftraggeber aus der Wirtschaft finanzierte Studien im Schnitt häufiger zu entwarnenden Aussagen kamen.
(anm)
[1] Joachim Schüz et al, Cellular Telephone Use and Cancer Risk: Update of a Nationwide Danish Cohort, Journal of the National Cancer Institute, Vol. 98, No. 23, 1707-1713, December 6, 2006
[2] Studie findet keinen Zusammenhang zwischen Mobiltelefonie und Krebs
[3] Joachim Schüz: Provisorische Risikoabschätzung
[5] Anke Huss et al, Source of Funding and Results of Studies of Health Effects of Mobile Phone Use: Systematic Review of Experimental Studies
Version zum Drucken | Per E-Mail versenden | Heft bestellen
Permalink: http://heise.de/-290808
Das aktuelle Heft ist jetzt im Handel erhältlich.
Ältere Artikel können Sie über unser Zeitschriften-Archiv bestellen.