Alles sah so schön aus. Die Internet-Gemeinschaft arbeitet einen Plan für neue Namen im Internet und ihre Registrierung aus - alle sind glücklich, jeder kann sich beteiligen. Angesichts gewichtiger politischer und ökonomischer Interessenkonflikte wundert es allerdings nicht, daß es so einfach nun doch nicht geht ...
Bis zum 23. März ist noch Zeit. Dann läuft die Frist ab, die die US-Regierung beziehungsweise die National Telecommunications and Information Administraton (NTIA) gesetzt hat, bis zu der Kommentare zu den eigenen Vorschlägen für eine Neuorganisation des Namenssystems im Internet vorliegen müssen. Dabei sollte Anfang März eigentlich alles vorbei sein. Seit Juli 1997 sichtete das interim Policy Oversight Committee (iPOC) Firmen, die Domain-Namen nach dem von ihm ausgearbeiteten neuen System vergeben sollten.
Sieben neue Domains waren und sind vom iPOC geplant: .firm für Firmen, .store für Verkaufsangebote, .web für alle Aktivitäten in direktem Zusammenhang mit dem Web, .arts für kulturelle Angebote, .rec für Freizeit- und Unterhaltungsunternehmungen, .info für reine Informationsserver und .nom für persönliche Web-Sites. Festgehalten sind diese sogenannten Generic Top Level Domains (gTLD) in einem Memorandum of Understanding , das auch einen veränderten Prozeß für die Registrierung der Namen festlegt.
Bislang vergibt die Firma Network Solutions im Auftrag des Network Information Center (InterNIC) die generischen Domain-Namen (etwa .org, .com oder .edu), und Unterorganisationen in einzelnen Ländern die länderspezifischen Domains (etwa .de für Deutschland). Im Unterschied dazu sollen nach dem Memorandum of Understanding mehrere kommerzielle Firmen dafür zuständig sein. Die Oberaufsicht erhält ein internationales Gremium, das bei der International Telecommunications Union (ITU), einer Unterorganisation der UNO, angesiedelt ist.
Soweit zumindest der Plan. Besonders an der Kontrolle des gesamten Verfahrens durch die UNO entzündete sich in den USA sofort Widerspruch. Die amerikanische Regierung sah sich daraufhin genötigt, selbst einzugreifen.
Die NTIA wurde mit einer Untersuchung beauftragt, was von dem iPOC-Plan zu halten sei und welche eigenen Vorschläge die US-Regierung denn zu machen habe. Nachdem erste Kommentare von Ira Magaziner, Berater des US-Präsidenten in Internet-Fragen, im Dezember 1997 noch danach klangen, als könne sich die US-Regierung zu einer Unterstützung des iPOC-Plans durchringen, sieht es jetzt, nach der Veröffentlichung der NTIA-Untersuchungsergebnisse, etwas anders aus.
Danach würde die US-Regierung dem iPOC-Plan nicht zustimmen. Die geplanten neuen gTLDs sollen nicht in Kraft treten, statt dessen soll es nur eine neue Top Level Domain (bislang noch nicht näher bezeichnet) geben. Auch der geplante Registrierungsprozeß fand keine Gnade. Nach dem NTIA-Papier soll Network Solutions die bisherigen Domain-Namen weiter verwalten. Zusätzlich soll eine von der US-Regierung gebildete, nicht-kommerzielle Organisation die Vergabe von Domain-Namen überwachen und zusätzlich ein alternatives System für Registraturen ausarbeiten. Diese Organisation soll aus Internet-Benutzern, nicht-kommerziellen Vereinigungen, Firmen und Internet-Service-Providern gebildet sein.
Dabei sollen allerdings nicht nur amerikanische Mitglieder in Frage kommen. Vorgeschlagen sind als Beteiligte unter anderem zwei Mitglieder aus dem Internet Architecture Board sowie ein Gremium, das die Internet-Gemeinschaft repräsentieren soll, zwei Mitglieder aus einem zu bildenden Gremium der Internet-Registraturen und sieben Mitglieder aus einer noch nicht existierenden Vereinigung der Internet-Benutzer.
Wenn diese Organisation neue Registraturen ermöglicht, sollen diese darüber hinaus in der Lage sein, auch Domain-Namen in den existierenden Top Level Domains (.com etwa) zu vergeben. Darüber hinaus könnte das Komitee auch Vorschläge für alternative Namensstrukturen ausarbeiten.
Der Green Paper genannte Dokumententwurf sorgte natürlich sofort für heftige Diskussion. Die Europäische Union meldete sich in Gestalt der EU-Kommission zu Wort und reklamierte ein entscheidendes Mitspracherecht bei der Neugestaltung des Internet-Namensraums. Regierungen aus der ganzen Welt beschwerten sich ebenfalls über die US-zentristischen Pläne.
Die französische Telefongesellschaft France Telecom wollte sich nicht auf die EU verlassen und schlug selbst zurück. Auf der Konferenz der Internet Service Provider Ende Februar in Amsterdam plädierte die Firma entschieden dafür, die Kontrolle über die Struktur entsprechend dem internationalen Charakter des Internet einer internationalen Organisation zu übergeben. Das Papier erklärt darüber hinaus explizit, die US-Regierung täte gut daran, den iPOC-Plan zu unterstützen.
Ob dieser Plan noch eine Chance hat, ist zweifelhaft. Zwar sind inzwischen 88 Registraturen (Stand März 1998) benannt. Die Internet Society (ISOC) hat außerdem ein Komitee gebildet, das sie zusammenfaßt (CORE, Council of Registrars, http://www.core. gtld-mou.org/). Erste Kommentare von ISOC-Mitgliedern gestanden aber ein, daß mit den Vorhaben der US-Regierung der bereits angelaufene neue Registrierungsprozeß unter Umständen zum Scheitern verurteilt sei.
Dies wiederum hat unter den Mitgliedern des CORE für Unmut gesorgt - denn die Kosten, um als Registratur und Mitglied des CORE akzeptiert zu werden, sind nicht zu verachten. Rund 10 000 US-Dollar waren jeweils beizubringen, um die Einrichtung und Verwaltung einer verteilten Datenbank der Namensregistrierungen zu finanzieren. Diese Beiträge wären nach Aussagen von ISOC-Mitgliedern verloren. Einige Firmen des CORE haben auch schon damit begonnen, Anmeldungen für die neuen TLDs entgegenzunehmen.
Nach dem Ablauf der Kommentarfrist am 23. März 1998 will die NTIA Anfang April die endgültige Fassung des Proposal to Improve Technical Management of Internet Names and Addresses vorstellen. In ersten Reaktionen auf Kommentare zu dem bislang veröffentlichten Entwurf sprach Ira Magaziner davon, das CORE könnte unter Umständen auch Registratur unter dem US-Plan und Mitglied der geplanten unabhängigen Organisation werden.
Vorhaben, die neue Struktur nach dem iPOC-Plan schon Anfang März zu aktivieren, wurden jedenfalls erst einmal verschoben. Wie es mit dem Namensraum im Internet und der Kontrolle über das Netz weitergeht, wird sich erst im Laufe des April nach der Veröffentlichung der endgültigen Fassung des NTIA-Papiers herausstellen. Bleibt zu hoffen, daß die unterschiedlichen Ansichten über die neue Struktur nicht zu einer Spaltung des Internet beziehungsweise der Bildung unterschiedlicher, konkurrierender Namensräume führen. (jk)
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