Mit der Web 2.0 Expo wagte sich Verleger Tim O’Reilly erstmals mit einer Veranstaltung nach Europa. Anfang November debattierten an die 1500 Teilnehmer auf dem Berliner Messegelände über Zukunftsvisionen, Standards und die praktischen Tücken des sozialen Internet.
Vor drei Jahren hatte O’Reilly auf der ersten Web-2.0-Konferenz den neuen Trends im Internet einen Namen gegeben. Nach dem Erfolg dieses jährlichen Gipfels stellte die Web-Ikone eine weitere Veranstaltung auf die Beine: Die Web 2.0 Expo, eine Kombination aus Konferenz und Messe, die ihr Debüt im April in San Francisco gefeiert hatte.
Bei der Wiederholung in Berlin holte O’Reilly die zahlreichen Unternehmensgründer im Publikum mit einer kämpferischen Keynote unsanft auf den Boden der Tatsachen: „Web 2.0 ist keine Neuauflage des Sommers der Liebe. Web 2.0 ist ein Schlachtfeld, auf dem mit Zähnen und Klauen gekämpft wird.“
Nach Überzeugung des US-Verlegers folge nun eine Phase der Konsolidierung: Konzerne wie Google oder Yahoo hätten sich im Markt festgesetzt, für Neueinsteiger bleibe kaum noch Spielraum. Ihnen riet O’Reilly, sich nicht auf die Technik zu konzentrieren. Stattdessen gelte es, schnellstmöglich Daten zu sammeln, um sich im Markt behaupten zu können oder aufgekauft zu werden. Mit seiner Zukunftsvision des Web 2.0 stieß O’Reilly bei den europäischen Zuhörern auf wenig Begeisterung. So schlug er vor, Versicherungen und Telefongesellschaften sollten ihre Datenbanken für Geschäftsanwendungen öffnen - ein Alptraum für Datenschützer.
Auf der viertägigen Konferenz spannten die Veranstalter einen Bogen von allgemeinen Problemen im Geschäftsalltag bis hin zu aktuellen Neuentwicklungen. So präsentierte Google-Manager Patrick Chanezon das Projekt OpenSocial, einen gemeinsamen Standard für Anwendungen in sozialen Netzwerken. Chanezon stellte klar, dass Google nicht vorhabe, als Zugang zu verschiedenen sozialen Netzen zu fungieren. Die Nutzerdaten blieben immer auf der Plattform, auf der die Applikation ausgeführt werde: Wer beispielsweise eine Anwendung auf Xing ausführe, könne nicht gleichzeitig auf seine MySpace-Kontakte zugreifen.
Wie das in der Praxis aussieht, demonstrierten zwei der beteiligten Firmen: Die französische Kontaktplattform Viadeo hat das Google-API genutzt, um erstmals Fremdanwendungen in der eigenen Weboberfläche zu integrieren. Der Veranstaltungsservice Amiando dagegen kann sich jetzt darauf konzentrieren, sein Angebot auf anderen Plattformen verfügbar zu machen, statt ein eigenes soziales Netzwerk auszubauen.
Einen ungünstigen Zeitpunkt erwischte Nokia, der Hauptsponsor der Konferenz, für die Präsentation seines Smartphones N800: Wenige Tage vor der Veröffentlichung des iPhone in Deutschland und nach der Ankündigung der Google-Handy-Plattform Android drangen die Finnen kaum zu den Konferenzteilnehmern durch.
Mehr Erfolg hatte Microsoft mit der Präsentation des Projekts Photosynth [2]. Blaise Aguera y Arcas von den Microsoft Live Labs demonstrierte, wie man mit der Technik aus Touristenfotos das 3D-Modell einer Kathedrale zusammenstellen kann, und stieß damit auf einhellige Begeisterung. Eine Betaversion der Software will Microsoft im Frühjahr veröffentlichen.
Revolutionären Geist vermittelte am letzten Tag der US-Schriftsteller und Blogger Cory Doctorow. Der ehemalige Aktivist der Electronic Frontier Foundation (EFF) verglich die aktuelle Urheberrechtssituation drastisch mit den Gedankenverbrechen aus Orwells Roman „1984“: Die gleiche Technik könne legal oder illegal sein - je nachdem, ob dem Urheber eine potenziell rechtsverletzende Nutzung bewusst sei. Die Gängelung der Verbraucher habe ein lächerliches Ausmaß erreicht: „In den Zeiten von VHS brauchte man keine explizite Erlaubnis, um einen Paramount-Film auf einem Videorecorder von Toshiba abzuspielen.“
Doctorow forderte die britische Rundfunkanstalt BBC auf, ihren ganzen Einfluss geltend zu machen, um die Kriminalisierung alltäglichen Verhaltens zu stoppen. Wenn die BBC von Rechteinhabern unter Druck gesetzt werde, die Verfügbarkeit der TV-Inhalte im Web einzuschränken, solle die Rundfunkanstalt gemäß ihrem Auftrag die Belange der Öffentlichkeit vertreten. „Schaut den Rechteinhabern in die Augen - und hofft, dass sie zuerst blinzeln.“ Dass die Unterhaltungsindustrie zurückstecken wird, hält Doctorow für möglich. So sei es der BBC auch gelungen, die unverschlüsselte Verbreitung ihres Programms per Satellit gegen den Widerstand der Rechteinhaber durchzusetzen.
Die Expo ist auch als Treffpunkt zwischen Kapitalgebern und Unternehmensgründern konzipiert. In eigenen Workshops gaben Gründer und Investoren Tipps zur Entwicklung von Geschäftskonzepten. Dabei wünschen sich die Kapitalgeber aber „mehr Hacker und weniger MBAs“, wie Reshma Sohoni vom Gründer-Netzwerk Seedcamp erklärte.
Trotz spannender Vorträge begeisterte die Veranstaltung nicht jeden Besucher. So eignete sich die Messe Berlin als Treffpunkt der Web-2.0-Szene nur bedingt - außerhalb der Vortragssäle drückten kahle Gänge und dürftige Verpflegung auf die Stimmung. Am ersten Tag fehlte sogar Kaffee, eines der Grundnahrungsmittel der Branche. Peinlicherweise scheiterten die Veranstalter daran, einen aktuellen und übersichtlichen Zeitplan online zu stellen. Das eigens eingerichtete soziale Netzwerk fiel vor allem durch seine Nutzlosigkeit auf. Die Ausstellungshalle nahmen die meisten Besucher nur auf dem Weg zu den Vorträgen wahr.
Lichtblick der Veranstaltung waren die eigens eingeladenen Blogger, die der Konferenz ihre eigene Note verliehen. Sie stellten Zusammenfassungen der kostenpflichtigen Workshops online, führten Interviews mit Referenten und sparten auch nicht mit Kritik [3].
(heb)
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