Jöran Muuß-Merholz
Kontrollverlust in der Schule
Wie das Web 2.0 die Mauern der Schulen einreißt
Politik und Partnervermittlung, Journalismus und Musikindustrie – Social Media haben bereits viele Bereiche grundlegend verändert. Ausgerechnet die Schulen, die die Schüler ja eigentlich fit machen sollen für die Medienzukunft, bremsen beim digitalen Wandel, weil Kontrolle hier traditionell besonders ausgeprägt und einseitig ausgeübt wird.
Die Mauer muss weg!“, skandierten 500 Schüler der Husumer Theodor-Storm-Schule im Mai 2012, als sie per Flashmob gegen die Einschränkungen ihrer Kommunikation auf die Barrikaden gingen. Auf Plakaten war „Freiheit statt Angst“ oder „Uns fehlen die Worte“ zu lesen.
Der Protest richtete sich gegen ein sogenanntes Medienverbot, das die Nutzung von Smartphones & Co. außerhalb einer dafür eingerichteten Handyzone verbietet. Außerdem gilt an dieser Schule das Mitführen eines Handys zu einer Klassenarbeit bereits als Täuschungsversuch. Schüler müssen sie vor Beginn der Arbeiten bei der Aufsicht abgeben.
Schulleitung und Eltern wollen mit der Regelung Cybermobbing und Handy-Missbrauch aus der Schule aussperren. Der Husumer Protest dauert bis heute an [1] und zeigt exemplarisch, wie das allgegenwärtige Internet, soziale Medien und mobile Geräte das Zusammenspiel von Schülern, Lehrern und Eltern durcheinanderwirbeln.
Noch vor wenigen Jahren konnten Schulen klare Grenzen ziehen, was öffentlich passieren soll und was nicht. Auch heute gibt es diese Unterscheidung noch. Doch der große Zwischenraum des Halb-Öffentlichen ist rasant geschrumpft. Die Reichweite einer Äußerung im Lehrerzimmer oder beim Eltern-Stammtisch ist eher überschaubar. Die gleiche Äußerung im digitalen Raum kann jedoch ungeahnte Kreise ziehen, weil sie immer nur einen Klick von der (potenziellen) Weltöffentlichkeit entfernt ist und auch noch für Jahre konserviert bleibt.
Placebo-Mauer
Daher versuchen Schulen mit Medienverboten, eine Mauer zwischen dem „realen Leben“ und der „virtuellen Welt“ zu ziehen. Sie wird häufig von denjenigen gebaut, die sich selber in der Realität wähnen und Computerspiele, Internet-Freundschaften und Chat-Räume als „virtuell“ im Sinne von „nicht real“ definieren.
Sehr bissig protestierten die Schüler der Husumer Theodor-Storm-Schule gegen ein Medienverbot.
Bild: Brian Zube, SV der Theodor-Storm-Schule, Husum
Schaut man sich allerdings die Aktivitäten von Schülern auf Facebook an, so wird man Fotos vom Schulhofleben sicherlich nicht nur in der geschlossenen Gruppe, sondern auch in öffentlichen Beiträgen finden, möglicherweise versehen mit eindeutiger Identifizierung der abgebildeten Personen und mehr oder weniger qualifizierten Kommentaren.
Diese Inhalte sind verfügbar für die nächsten Jahre und für eine Milliarde Facebook-Nutzer, darunter die Eltern neuer Schüler oder den – inzwischen als Beispiel ausgiebig strapazierten – potenziellen Arbeitgeber.
Reales Mobbing im Cyberspace
Dass eine Mauer zwischen online und offline nicht aufrechtzuerhalten ist, zeigt sich besonders drastisch am Phänomen des Mobbings: Bei den allermeisten Fällen von Mobbing kennen sich Opfer und Täter aus der Offline-Welt und es hat für den Betroffenen ganz reale Folgen, wenn er online von anderen diffamiert und schikaniert wird.
Das Internet verschärft sogar die Probleme bei schulischem Mobbing. Denn während es früher nur auf dem Schulhof stattfand, wird es heute via Facebook und Co. rund um die Uhr fortgesetzt. Das Opfer muss also permanent damit rechnen, Anfeindungen ausgesetzt zu sein, das Zuhause bietet davor keine Rückzugsmöglichkeit mehr.
Solche Phänomene werfen auch für Lehrer neue Fragen auf. Wenn ein Lehrer seine Schülerin am Abend auf der Straße als Opfer einer Schikane durch andere erlebt, wird er in der Regel einschreiten. Was tut er aber, wenn er das auf Facebook beobachtet?
Was machen die Lehrer?
Einige Politiker beginnen die Kontakte zwischen Schülern und Lehrern differenziert zu sehen, etwa der niedersächsische Kultusminister Bernd Althusmann. Er verurteilt private Kontakte zwischen Lehrern und Schülern in sozialen Netzwerken wie Facebook nicht grundsätzlich. Die Landesregierung stellte in der Antwort einer Anfrage der FDP im Landtag dabei klar: „Den Lehrkräften muss aber grundsätzlich klar sein, dass sie ihrer Vorbildfunktion nur dann gerecht werden, wenn sie bei der Nutzung dieser Medien die entsprechende Seriosität walten lassen und keine Distanzverletzungen erfolgen.“
Ob es den Lehrern gefällt
oder nicht: Schüler reden über sie und bewerten sie im Netz.
Lehrer müssen also genau abwägen, wie sie online Arbeit und Privatleben trennen. Die Grenzen zwischen Profession und Freizeit, zwischen Funktion und Privatmensch zu ziehen, fällt aber nicht immer leicht. Die Lehrer können zwar eigene Kanäle für die verschiedenen Bereiche schaffen – etwa Twitter-Accounts für Job und Privatperson. Aber diese konsequent zu trennen erfordert schon ein hohes Maß an Selbstdisziplin.
Mehrere Accounts bei Facebook, wie es für Lehrer mitunter empfohlen wird, verstoßen gegen die allgemeinen Geschäftsbedingungen des sozialen Netzwerks. Sinnvoller ist es, Privat- und schulisches Leben durch Listen zu trennen, wie es Jan-Martin Klinge in seinem Blog beschreibt (siehe c’t-Link).
Lehrer, die online so viel von sich zeigen wie Klinge, findet man noch eher selten. Der Lehrer für Mathematik, Physik und Technik an der Gesamtschule Eiserfeld ist auf Facebook und Google+ aktiv; auf einem eigenen Blog gibt er Einblick in die Berufswelt eines Lehrers, zum Beispiel wie er zum Thema Strafarbeiten steht.








