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Das Gnome Outreach Program for Women (OPW) ist ein Instrument der Frauenförderung aus der Open-Source-Community. Zweimal jährlich bringt das Programm interessierte Frauen und Open-Source-Projekte in einem dreimonatigen Stipendium zusammen.

Wie eine dreifädrige Kordel verzwirbelt das OPW-Programm Sponsoren, Mentoren und Teilnehmerinnen zu einem dreimonatigen Praktikum. Im besten Fall entstehen dabei nicht nur neue Beiträge zu Open-Source-Projekten, sondern die teilnehmenden Frauen bleiben der Open-Source-Community als aktive Mitglieder erhalten. Open-Source-Organisationen können hier sowohl als Sponsor als auch als Mentor in konkreten Projekten auftreten. Dabei werden nicht nur Programmiererinnen gesucht, die Projektbeiträge reichen von Code-Commits über Webdesign, Dokumentation und User-Support bis hin zur Mitarbeit im Marketing.

Die Gnome Foundation legte das Frauen-Förderprogramm erstmals im Jahr 2006 auf, damals noch unter dem Titel "Gnome Women's Summer Outreach Program". Seit 2009 findet es zweimal jährlich statt und wächst: An der letzten Runde im Sommer 2013 beteiligten sich bereits 15 Geldgeber und 19 Mentoren-Organisationen. Die Zahl der Teilnehmerinnen ist von anfangs sechs auf mittlerweile 37 angewachsen.

Karen Sandler
Vergrößern Karen Sandler auf der FSCONS 2013 in Göteborg (Schweden) Bild: Albin Olsson

Gründe für ein Frauenförderprogramm wie das OPW gibt es genügend: Frauen sind in der Open-Source-Szene noch immer eine Minderheit, offener Sexismus und strukturelle Benachteiligungen noch längst nicht aus der Welt geschafft. "Ich persönlich mochte lange nicht über Frauen in der Technik reden", berichtet Karen Sandler, die seit 2011 als Geschäftsführerin der Gnome Foundation im Amt ist, von ihren eigenen Erfahrungen. "Ich war sogar fast beleidigt, als man mich mal über Frauen in der Freien Software interviewen wollte. Ich hielt es für die beste Strategie, einfach so super wie möglich zu sein, damit offensichtlich ist, dass Frauen in die Technik gehören und dass auch andere Frauen das sehen."

Doch das allein reicht nicht, wie Sandler feststellen musste: "Im Laufe der Zeit ist mir immer wieder aufgefallen, wie schlimm die Situation ist. Es gibt so wenige Frauen in der Community und sowohl offener als auch subtiler Sexismus sind weit verbreitet."

Dass das Frauenförderprogramm nach seinem Start 2006 erst mal wieder einschlief, scheint primär organisatorische Gründe zu haben. Der Relaunch im Jahr 2009 sorgte jedenfalls für einen "Aha-Effekt": Plötzlich machten sich viele Leute Gedanken um Frauen in der Open-Source-Welt, wie die Red-Hat- und Gnome-Mitarbeiterin Marina Zhurakhinskaya feststellte, die das Programm bis heute im Auftrag von Red Hat betreut. Sie fand heraus, dass sich 2005 und 2006 nicht eine einzige Frau an den Gnome-Projekten im Google Summer of Code beteiligt hatte. Daran änderte auch das 2006 durchgeführte "Gnome Women's Summer Outreach Program" nur wenig: Während in den Folgejahren insgesamt mehr Menschen an GSoC-Projekten teilnahmen, fanden sich in den Reihen der Gnome-Projekte nur zwei Frauen unter insgesamt rund 80 Teilnehmenden.

Im Jahr 2010 koordinierte die MIT-Absolventin die Neuauflage des Gnome-Frauenförderprogramms, jetzt unter dem Namen "Outreach Program for Women". Gesponsert von Google, der Gnome Foundation und dem Gnome-nahen Unternehmen Collabora, kümmerten sich im Sommer 2010 dann acht Programm-Teilnehmerinnen um Gnome-Projekte wie die Gnome Shell, die Kamera-Software Cheese oder den Ausbau der Dokumentation. Mit einem Dutzend Frauen unter 56 Beteiligten, die an Gnome-Projekten arbeiteten, blieben die Männer in den Jahren 2011 und 2012 im Google Summer of Code (GSoC) nicht länger unter sich.

Im Jahr 2012 öffneten die Initiatoren das Programm für weitere Projekte, woraufhin in der Winterrunde erstmals die Wikimedia Foundation teilnahm. In den GSoC-Projekten stieg der Frauenanteil daraufhin von einer auf sieben Teilnehmerinnen. In der aktuellen Runde, die noch bis März 2014 läuft, haben bereits neun Open-Source-Organisationen Projekte angeboten, darunter Debian, Fedora, das Xen-Projekt und Mozilla.

Sandler hofft, dass sich künftig weitere Open-Source-Organisationen beteiligen. "Wir waren ziemlich überwältigt von positivem Feedback", berichtet sie. "Zwar mögen es einige nicht, wenn sich ein Programm nur an eine bestimmte Gruppe richtet, aber gegen die Ergebnisse lässt sich nichts einwenden." Außerdem, fährt sie fort, habe sich generell die Situation für Einsteiger verbessert: Es gebe eine Reihe erprobter Mentoren, verbesserte Beginner-Tutorials, und die Community sei sensibler für ein Verhalten geworden, das vom Mitmachen abschreckt.

Dank der zunehmenden Bekanntheit des OPW-Programms steigen auch die Teilnehmerinnenzahlen. In der aktuellen Runde, so Sandler, seien es an die 100 Bewerberinnen gewesen. Von 48 Frauen, die an Gnome-Projekten im Rahmen des Programms gearbeitet haben, ist etwa die Hälfte heute noch in der Gnome-Community aktiv.

Anders als bei der Teilnahme am Google Summer of Code läuft jedes OPW-Stipendium über einen festen Zeitraum von drei Monaten. Die Teilnehmerinnen erhalten 5000 US-Dollar sowie weitere 500 US-Dollar für Reisekosten. Waren es im Winter 2012/2013 nur vier, beteiligten sich im Sommer 2013 bereits 14 Sponsoren, darunter Google, die Wikimedia Foundation, die Open Source Robotics Foundation, Hewlett-Packard, Mozilla und das Medienunternehmen Bloomberg.

Anders als beim GSoC müssen die Teilnehmerinnen keine Studentinnen sein. Auch sind die Projekte nicht auf Programmieraufgaben beschränkt, sondern können beispielsweise auch aus den Bereichen Grafikdesign und Dokumentation stammen. Die Mentoren tragen vorab eine Liste möglicher Aufgaben zusammen, aus denen jede Teilnehmerin dann etwas auswählt, das sie interessiert. Die auf den Projektseiten angegebenen Mentoren stehen schon bei der Bewerbung und natürlich später bei der Projektarbeit als Ansprechpartner zur Verfügung. Hier sind auch die Männer gefordert: Beim "Outreach Program for Women" sind sie als Mentoren unabdingbar, denn in der Freien Software gibt es nur wenige Frauen, wie Sandler betont.

Wirkt eine Organisation oder ein Unternehmen dagegen nur als Sponsor am Programm mit, stellt sie nicht zwingend auch Mentoren bereit. Der Sponsor sucht sich entweder aus, welches Mentoren-Projekt er fördern möchte, oder er überlässt die Verteilung der Finanzmittel einfach der Gnome Foundation.

Die Projekte können sich stark unterscheiden, je nach Arbeitsschwerpunkt der beteiligten Frauen. Saumya Dwivedi hat beispielsweise im Rahmen des Gnome Outreach Program for Women 2013 für die Gnome-Website ein responsives Webdesign erarbeitet und den Prozess in einem Blog dokumentiert. Lidza Louina hingegen hat an der Verbesserung von Treibern im Linux-Kernel gearbeitet. Tiffany Yau wiederum verbrachte ihre Projektzeit im Gnome-Marketing-Team.

Outreach Program for Women
Vergrößern Bild: Liansu Yu

Aktive Teilnahme ist bereits im Vorfeld der Bewerbung wichtig: Um sich bewerben zu können, muss eine Interessentin sich bereits vorher mit den ausgeschriebenen Projekten befassen, Mentoren kontaktieren und einen Commit liefern. Oder wie die OPW-Infoseite es formuliert: "Es wird erwartet, dass Du während des Bewerbungsprozesses mit dem Mentor zusammenarbeitest und viel fragst." Ist der erste Beitrag geleistet, folgt die schriftlichen Bewerbung via E-Mail. Daneben wird über IRC, E-Mail, Bugtracker-Kommentare und Blogposts kommuniziert. Ist die Bewerbungshürde erfolgreich genommen, gibt es portionsweise Geld: ein wenig am Anfang, die Hälfte in der Mitte und den Rest am Ende des Praktikums.

Seit Dezember 2013 arbeiten die 31 Teilnehmerinnen der aktuellen Runde, die noch bis März 2014 läuft, mit Hilfe ihrer Mentoren in der Entwicklung von Debian, Fedora, Gnome oder dem Linux-Kernel, bei Mozilla, Wikimedia, der Open Source Robotics Foundation oder OpenStack mit. Über ihre Erfahrungen berichten sie – mal mehr, mal weniger detailliert – wie die vorhergehenden Teilnehmerinnen in ihren Blogs.

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