Die heimische Kommunikationszentrale beamt beim Verlassen der Wohnung letzte E-Mails auf den Organizer, Autoradio und Sitze stellen sich beim Öffnen der Fahrzeugtür auf die Vorlieben des Fahrers ein, und der Cola-Automat an der Raststätte rechnet die Erfrischung direkt mit dem Handy ab. All das und noch mehr soll die Kurzstreckenfunktechnik Bluetooth ermöglichen.
Das Besondere an Bluetooth ist wohl nicht die Technik, denn es gibt eine Reihe älterer Funkverfahren, die schneller sind oder größere Strecken überbrücken. Das Besondere sind seine Auslegung und die variantenreichen Anwendungsgebiete, die der Computerwelt und dem digitalen Nomaden einen bisher nicht gekannten Komfort bescheren sollen.
Bluetooth wurde zunächst ersonnen, um mit dem Wirrwarr der verschiedenen Peripherie-schnittstellen am PC aufzuräumen und den Kabelsalat zwischen den Geräten zu beseitigen. Dereinst sollen nur noch Geschichtsbücher an all die verschiedenen Stecker und Stöpsel für Tastaturen, Mäuse, Drucker, MP3-Player, Organizer, Laptops, Scanner oder auch Digitalkameras erinnern.
Doch der Kurzstreckenfunk, der in seiner besonders stromsparenden Variante bis zu 10 m überbrückt, soll auch Organizern und Handys zugute kommen, damit sie untereinander Telefonbücher und Kalender abgleichen können oder PCs Surfverbindungen verschaffen. Auch Ad-hoc-Vernetzung und Dateiübertragung zwischen Laptops sind vorgesehen.
Daneben erwartet man Lösungen für die herkömmliche Schnurlostelefonie, bei der eine Basisstation den Kontakt zum Festnetz liefert, obwohl es mit DECT (Digital Enhanced Cordless Telecommunications) ein bereits verbreitetes Verfahren gibt. Von DECT hat Bluetooth aber noch mehr abgeguckt: In beiden Spezifikationen ist vorgesehen, dass öffentliche Plätze wie Flughäfen oder Einkaufszentren mit zahlreichen Basisstationen versehen werden, die den Zugang zum öffentlichen Telefonnetz liefern - nutzen soll man sie natürlich erst, nachdem man sich bei der Telefongesellschaft angemeldet hat. Während es jedoch DECT-seitig noch keine solche Anwendung gibt, soll es schon bald nicht nur entsprechende Bluetooth-Netztechnik geben, sondern auch erste Vorverträge von jungen US-Telefongesellschaften - Telefonzellen könnten also bald ausgedient haben.
Bluetooth soll aber zusätzlich auch als Vermittler zwischen Handy und Freisprecheinrichtung fungieren - eingehende Anrufe landen dann zum Beispiel zunächst auf dem Mobiltelefon, doch statt den eigenen Hörer und das Mikrofon zu nutzen, leitet das Handy die Verbindung via Bluetooth an ein Headset oder ein Bluetooth-Autoradio weiter.
Darüber hinaus gibt es eine Reihe weiterer, teilweise innovativer Anwendungen: So will man auf Bluetooth-Grundlage Gepäckverfolgungssysteme aufbauen, für die sich zum Beispiel Flughäfen interessieren dürften. Bluetooth-Handys könnten den PC drahtlos und vollautomatisch abschließen, sobald man damit dessen Funkzelle verlässt. WAP- und Bluetooth-bewährte Handys könnten andererseits die aktuellen Schnäppchenangebote im Display zeigen, sobald man einen Supermarkt betritt. Außerdem sind Produkte aus dem Bereich Datenerfassung zu erwarten, von denen wohl die Reifendruckmessung während der Fahrt zu den spektakulärsten gehört.
Grundlage aller Anwendungen sind so genannte Profile, die über Herstellergrenzen hinweg festlegen, wie die Geräte untereinander erkennen, welche Möglichkeiten sie bieten und wie diese genutzt werden. Ein Handy teilt so beispielsweise einem Notebook mit, dass es DFÜ-Netzwerkverbindungen zum Internet aufbauen kann. Doch kein Licht ohne Schatten: Neben all den Vorteilen muss man sich auch an neue Eigenheiten gewöhnen. Etwa bei Headsets, Mäusen oder Tastaturen, die dank Bluetooth kein lästiges Kabel mehr besitzen, wollen regelmäßig Batterien ausgetauscht oder Akkus aufgeladen werden, denn die altbewährten Kabel können neben Daten eben auch Energie transportieren. Überdies gibt es nun keinen exklusiven Übertragungsweg - eben das Datenkabel - mehr: Alle benachbarten Bluetooth-Geräte müssen sich die Kapazität des Funkkanals, brutto 1 MBit pro Sekunde, teilen.
Als den Standard prägende Kraft fungiert die Bluetooth Special Interest Group (SIG, www.bluetooth.com), ein derzeit knapp 1900 Mitglieder umfassender Verbund. Er legt fest, wie Bluetooth funktioniert, welche Nutzungsmodelle es gibt und wie die Interaktion von Geräten verschiedener Hersteller sicherzustellen ist: Nur mit bestandener Konformitätsprüfung, der ‘Qualification’, dürfen Produkte das Bluetooth-Logo tragen. Schließlich soll sich kein Käufer ärgern müssen, weil der neue Bluetooth-Drucker nichts von PDA oder PC entgegennehmen will. Neben der Qualification, die beispielsweise bei Dienstleistern wie der deutschen Firma 7layers (www.7layers.de) erfolgen kann, sollen regelmäßig stattfindende Entwicklertreffen - das fünfte UnPlugFest hat Anfang April in Los Angeles stattgefunden - noch vor dem Marktgang die Verträglichkeit von Produkten fördern.
Als Mutter der Bluetooth-Spezifikation hat die SIG sich vorgestellt, wozu die Anwender Bluetooth überhaupt nutzen wollen. Heraus kam eine Hand voll typischer Modelle: Eine der Hauptanwendungen für Bluetooth dürfte der Datenaustausch (File Transfer) zwischen zwei Geräten sein, beispielsweise, wenn man unterwegs auf dem PDA eine Notiz verfasst hat und sie schnell auf den heimischen PC ‘rüberbeamen’ möchte, um sie dort weiterzubearbeiten. Darüber hinaus definiert Bluetooth ein Object Push Profile, das unter anderem vCards als virtuelle Visitenkarten vorsieht - ein Schelm, wer nun an Spamming denkt und etwa auf Messen eine Flut ungewollt empfangener Visitenkarten befürchtet.
Eine spezialisierte Form des Datenaustauschs stellt die Synchronization dar. Sie ermöglicht PDAs und PCs das Abgleichen von PIM-Daten (Personal Information Manager), also Terminen, Telefonbüchern, Adresslisten, kurzen Notizen, Aufgabenlisten und Ähnlichem. Damit könnten zwei Bluetooth-PDA-Besitzer quasi im Vorübergehen einen Termin für ein neues Treffen abmachen. Um bestehender PC-Software, die bereits die Synchronisation per Infrarotschnittstelle (IrDA) beherrscht, den Übergang zu Bluetooth zu erleichtern, hat die SIG eine Protokollschicht namens IrMC zum Bestandteil der Spec gemacht. Damit dürften sehr schnell nach Erscheinen der ersten Bluetooth-PDAs auch die Softwaregegenstücke auf Windows-PCs Bluetooth-fähig werden.
Den Zugriff aufs Firmennetzwerk unterstützt Bluetooth mit dem LAN Access Profile. Über einen als Bridge fungierenden Rechner, der einen Netzwerkanschluss besitzt (LAP, LAN Access Point), können andere Bluetooth-Geräte transparent auf das Netz zugreifen. Doch sollte man sich von dieser Option nicht allzu viel versprechen: ‘Richtige’ Funk-LANs schaffen mit ihrer bis zu elfmal so hohen Datenrate einen deutlich flinkeren Zugriff. Über Bluetooth beispielsweise Megabyte-schwere Powerpoint-Präsentationen auf das Notebook zu kopieren, garantiert für Kaffeepausen.
Ähnlich dem LAN-Access kann ein mit Bluetooth ausgestattetes Modem oder Mobiltelefon als Internet-Bridge dienen: Es stellt einen Anwahlzugang zum Provider bereit. Damit kann man beispielsweise bequem zurückgelehnt auf dem Sofa mit einem Bluetooth-Webpad oder dem Notebook auf Internet-Streifzüge gehen. Als Dreingabe vermag ein solches Modem oder Handy auch Faxe zu senden und empfangen.
Für Audioverbindungen ist das Anwendungsprofil Ultimate Headset vorgesehen. Zwar soll es hauptsächlich der Bequemlichkeit dienen, indem beim Einsatz eines Headsets mit einem Handy das lästige Kabel wegfällt, doch kann ein Bluetooth-Headset mit diesem Profil noch weitere Aufgaben übernehmen: Etwa die Zusammenarbeit mit einem stationären Telefon oder einem PC zwecks Diktat per Spracherkennung ist denkbar. Selbst die direkte Verbindung zweier Headsets als Walkie-Talkie-Ersatz scheint möglich. Das Profil Three-in-One Phone baut diese Funktionalität noch aus: Geräte mit Tastatur und Anzeige, die es einsetzen, können erstens als schlichte Schnurlostelefone ähnlich DECT agieren, zweitens als erweitertes Walkie-Talkie mit anderen gleichartigen Devices arbeiten und drittens als reguläres GSM- oder später UMTS-Handy dienen.
Mit diesen Beispielen deckt die SIG zwar schon viele bestehende Anwendungen ab, doch werden in Zukunft sicher auch neue hinzu kommen. All jene, die jetzt schon über eine reguläre serielle Schnittstelle funktionieren, können die Entwickler dank des Serial Port Profile fast unverändert auf Bluetooth umpflanzen.
Zwar hat Microsoft als bedeutendster Hersteller von Desktop-Betriebssystemen sich schon vor zwei Jahren anlässlich der Telecom 99 in Genf von Bluetooth begeistert gezeigt, doch fährt man bislang einen Schlingerkurs: Anfang April hieß es, dass selbst das jüngste Kind Windows XP, der Nachfolger von Windows 9x und 2000, noch keine integrierte Bluetooth-Unterstützung erhalten wird. Doch nur eine Woche später erschien die erste Beta-Version der neuen Windows-CE-Version, Codename Talisker, die Bluetooth beherrschen soll. Bei XP gibt man stattdessen Funknetzen nach dem IEEE-Standard 802.11b (WLAN) den Vorzug, die sich derzeit großer Beliebtheit im eher professionellen Umfeld erfreuen. Microsoft begründet seine Zurückhaltung damit, dass Bluetooth noch nicht den gleichen Reifegrad wie WLAN erreicht habe.
So müssen sich die Hersteller selbst um die Integration von Bluetooth ins Betriebssystem von Desktop-Rechnern und Notebooks kümmern, was aber die Gefahr von Inkompatibilitäten heraufbeschwört. Für die Anwender wäre es jedenfalls mehr als ärgerlich, wenn sich zwar das Bluetooth-Headset für ein Diktat nutzen ließe, aber eine Synchronisation des Bluetooth-PDA scheitert, weil Kinken im Treiber der PC-Bluetooth-Karte stecken.
Die Adepten des Linux-Lagers können sich dagegen freuen, dass der Hardwareanbieter Axis Communications seinen Bluetooth-Stack OpenBT der Allgemeinheit zur Verfügung stellt (http://developer.axis.com/).
Zwar enthält der Stack noch nicht alle definierten Bluetooth-Profile, doch dürfte dieser Zug dafür sorgen, dass mit zunehmender Verbreitung von Bluetooth-Geräten auch passende Anwendungen für Linux erscheinen. Zunächst werden Linux-Rechner mit OpenBT wohl als Internet- und LAN-Bridges fungieren, später vielleicht auch als intelligentes Telefon oder Bluetooth-Printserver.
Bis Bluetooth so allgegenwärtig wie etwa das Handy sein wird, dürfte noch einige Zeit ins Land gehen, denn zuerst wird vor allem die kaufkräftige Klientel von seinen Vorteilen profitieren: Für das Notebook und den Büro-PC ist schnell eine Einsteckkarte oder ein USB-Adapter nachgerüstet, den schon angestaubten Palm-PDA aus der ersten Serie könnte man zugunsten eines Neuen mit Farbdisplay an die Kids weitergeben, ein drahtloses Headset samt Bluetooth-Akku für das Mobiltelefon schmerzt dann auch nicht mehr. Und schon ist man rundum kabelfrei vernetzt, denn die passende Software liegt ja bei. Was es in diesem Jahr auf der CeBIT an Bluetooth-Geräten zu sehen gab, folgt auf den nächsten Seiten. Manege frei für die Kettensprenger. (ea)
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