Linux für Afrika

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Digitale Spaltung überwinden, neue Perspektiven eröffnen: Das Hilfsprojekt Linux4Afrika nutzt klassische Stärken freier Software, um die IT-Ausstattung afrikanischer Schulen voranzubringen. Ende März startet ein weiterer Transport mit 200 gespendeten Computern.

Aktive Entwicklungshilfe verlangt Toleranz für klimatische Extreme – vor Ort in Südafrika ebenso wie im ungewohnt winterlichen Deutschland. Anfang März herrscht südlich des Äquators Hochsommer, bei Temperaturen über 40 Grad und gleichzeitiger Rationierung des Trinkwassers gerät die Arbeit deutscher Helfer zur physischen Belastungsprobe. Zeitgleich, einige tausend Kilometer weiter nördlich, frieren Mitglieder von Linux4Afrika in einer ungenutzten Messehalle, wo sie gebrauchte Computer für den Containerversand vorbereiten.

Zuständig für die Überprüfung und teilweise Umrüstung der Computer sind erfahrene IT-Profis. Die meisten Mitglieder von Linux4Afrika arbeiten beruflich mit dem PC und bringen entsprechend umfangreiche Systemkenntnisse mit. Hans Peter Merkel, Initiator des Projekts, steht Ermittlungsbehörden unter anderem als Sachverständiger für Datenforensik zur Seite – eine Dienstleistung, die ihn dieses Jahr auch nach Südafrika führt, wo er Schulungen für Polizisten und Steuerfahnder abhalten soll. Dass er sich nach Abschluss der mehrwöchigen Schulungen sofort um die Inbetriebnahme der per Schiff gelieferten Spenden-PCs kümmern kann, zählt zu den Synergien, die sein umfangreiches Engagement für Linux4Afrika oft erst möglich machen.

Das 2006 gegründete Projekt hat bereits rund 700 Computer für verschiedene Schulen in Afrika gesammelt, aufbereitet und verschickt. Hauptziel der Lieferungen war bislang Tansania, kleinere Transporte gingen auch nach Kenia und Malawi. In Zukunft sollen weitere Ziele hinzukommen.

Die erste der für 2010 geplanten Lieferungen umfasst etwa 200 Computer, sie unterstützt Ausbildungsinitiativen eines neu gewonnenen Projektpartners Hilltop Centre in Südafrika. Von Leipzig aus soll dann im Mai erstmals ein Container nach Mosambik starten, ebenfalls mit voraussichtlich rund 200 Computern. Einer Fraueninitiative in Kenia sind 12 Desktop-Systeme und ein Server versprochen. 50 weitere Rechner aus einer unerwartet eingegangenen Spende werden, wie die Leipziger Lieferung, voraussichtlich nach Mozambik gelangen.

Die Unterstützung tut Not, wie ein Blick auf wichtige Kennziffern der Internationalen Fernmeldeunion (ITU) offenbart. Nach den für 2008 veröffentlichten Zahlen der ITU kommen in Deutschland auf 100 Einwohner 65 Computer, in Tansania nicht mal einer. Schlechte Voraussetzungen, um im einer von moderner Informationstechnik abhängigen Welt bestehen zu können.

Vor diesem Hintergrund und in absoluten Zahlen betrachtet, können die bisherigen Erfolge und aktuellen Fortschritte von Linux4Afrika nur geringe Linderung bringen. "Mikro-Arbeit zu leisten", wie er seine Bemühungen nennt, hält Hans-Peter Merkel dennoch für wertvoll. Zumal sein Projekt unmittelbar aus der Praxis entstanden ist.

Bereits die ersten Wurzeln des Projekts wachsen in beiden Kontinenten. Der 2004 in Freiburg gegründete Verein FreiOSS eint international tätige IT-Profis in der Absicht, freie Software international voranzubringen. Mitglieder von FreiOSS zählen auch zu den Referenten eines 2005 in Deutschland abgehaltenen, zwölfmonatigen IT-Trainingsprogramms für asiatische und afrikanische Teilnehmer. Im Anschluss an die Schulungen betreuen einige afrikanische Projektteilnehmer ein kleines, Terminalserver-basiertes Netzwerk an einem Freiburger Gymnasium. Die Kombination aus flinkem Server und leistungsschwächeren Arbeitsstationen weckt schnell besonderes Interesse der afrikanischen Projektteilnehmer: Der Wunsch, ähnliche Netzwerke in afrikanischen Schulen zu installieren, ist geboren.

Erstes Ziel des Projekts ist Tansania. Hier hat FreiOSS besonders aktive Unterstützer, auch die mit über 70 Prozent relativ hohe Alphabetisierungsrate und vergleichsweise stabile politische Verhältnisse liefern gute Argumente für den ostafrikanischen Staat. Konkrete Planungen beginnen Anfang 2006, im Sommer 2007 startet ein erster Container. Anfang 2008 folgt die feierliche Einweihung des ersten von Linux4Afrika ausgestatteten PC-Klassenzimmers.

Pro Container gehen rund 200 PCs auf den Weg nach Afrika.
Vergrößern Pro Container gehen rund 200 PCs auf den Weg nach Afrika.

Der lange Zeitraum von der Initialzündung des Projekts bis zur Inbetriebnahme des ersten Netzwerks vor Ort geben bereits einen Hinweis auf die zahlreichen Hürden, die unterwegs auftauchen. Zusagen der tansanischen Botschaft zur Finanzierung des Containertransports erweisen sich als brüchig; bundesdeutsche Stellen finden das Projekt zwar lobenswert, Mittel dafür sind dennoch nicht verfügbar. Eine Einladung zum Bundestagsausschuss für Technikfolgenabschätzung findet zwar einiges Medienecho, bleibt letztlich aber ohne messbare Folgen.

Wertvoller ist die zweimalige Auszeichnung durch die UN-Dekade Bildung für nachhaltige Entwicklung, ein auf zehn Jahre angelegtes, 2005 gestartetes Projekt für Bildungsmaßnahmen rund um Themen nachhaltiger Entwicklung. Ganz konkrete Resultate für die ersten Schritte von Linux4Afrika folgen aus der Teilnahme am LinuxTag 2007, einem Bericht in 3Sat und Artikeln in der Linux-Fachpresse. Zumindest an Spendencomputern herrscht anschließend kein Mangel mehr.

Linux4Afrika sucht nach Computern, die in deutschen Büros und Arbeitszimmern aussortiert werden. Schlüssel zum effizienten Einsatz alter Hardware ist die kluge Lastenteilung zwischen einem leistungsstarken Server und schlichter ausgestatteten Clients. Alle an den Arbeitsplätzen genutzten Anwendungen laufen auf dem Server, die Clients übernehmen lediglich die Darstellung der Bildschirminhalte und die Weitergabe der Maus- und Tastaturereignisse. Theoretisch könnten schon alte Pentium-Rechner mit 90 MHz eingesetzt werden, in der Praxis nutzt Linux4Afrika Maschinen ab etwa 500 MHz.

In den Servern kommt brandneue Hardware zum Einsatz. Jeder Server versorgt in der Standardkonfiguration bis zu 23 Clients, die nötige Rechenleistung liefert ein Athlon DualCore mit 2,5 GHz Taktfrequenz und 4 GByte RAM. Wo es die örtlichen Gegebenheiten erlauben und zwei benachbarte Räume für PC-Klassen bereitstehen, bedient ein auf 8 GB aufgerüsteter Server bis zu 46 Arbeitsstationen.

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