Mit einem umfangreichen Vortragsprogramm und den Schwerpunkten mobile Linux-Geräte und Multimedia lockte der LinuxTag über 11 000 Interessenten in die Messehallen.
Zum zweiten Mal öffnete der LinuxTag in der Hauptstadt seine Pforten und lockte vom 28. bis 31. Mai mit rund 250 Vorträgen und 140 Ausstellern 11 612 Besucher auf das Berliner Messegelände. Das entspricht einer Steigerung von über 20 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Gedränge stellte sich in den zwei Hallen, in denen die Stände aufgebaut waren, jedoch nicht ein. Von wenigen Ausnahmen wie etwa der Keynote von Kernel-Maintainer Dave Miller abgesehen boten auch die Vortragsräume eine eher entspannte Atmosphäre, wobei einige Besucher offenbar mehr an dem offenen WLAN in den Sälen als an dem jeweiligen Vortrag interessiert waren.
Ein Schwerpunkt des LinuxTags 2008 waren mobile Geräte. Viel Interesse zog das Openmoko-Projekt auf sich, das mit etlichen Exemplaren des Linux-Smartphones Neo 1973 von FIC angereist war. Von dem mit Spannung erwarteten Nachfolger, dem Freelancer, war jedoch noch nichts zu sehen. Angesichts der weiteren Lieferverzögerungen – eigentlich sollte der Freelancer bereits seit April in Stückzahlen in den Läden liegen – wagte man am Openmoko-Stand auch keine Vorhersagen, wann die ersten Geräte nun endlich ausgeliefert werden.
Der Mangel an geeigneten und tatsächlich auf dem freien Markt erhältlichen Mobilgeräten war auch kennzeichnend für die übrigen Mobile-Linux-Projekte. So zeigte Trolltech gleich neben dem Openmoko-Stand diverse Qtopia-Implementationen unter Linux und Windows Mobile, wobei die Linux-Variante auf dem seit Herbst letzten Jahres ausverkauften Greenphone und auf FICs Neo 1973 lief, das seit Februar ebenfalls nicht mehr erhältlich ist. Auch das OpenEmbedded-Projekt präsentierte überwiegend Prototypen und alte Hardware, die man höchstens noch bei Ebay oder Restpostenhändlern bekommt.
Ebenfalls noch nicht erhältlich ist der Open Bicycle Computer oBiCo, von dem das gleichnamige Projekt einen ersten Prototypen auf dem LinuxTag vorstellte. Der ARM-9-basierte Mini-Computer ist in einem stoßfesten Aluminiumgehäuse untergebracht, das, wenn es in die Fahrradhalterung gesteckt wird, später einmal wasserdicht sein soll. Die Stromversorgung übernimmt während der Fahrt ein Nabendynamo im Vorderrad, für die Pufferung ist ein Lithium-Polymer-Akku zuständig. Bei der Bedienung geht oBiCo einen ganz eigenen Weg, der Mini-Computer besitzt nämlich weder Tasten noch einen Touchscreen – dafür aber einen Neigungssensor. Zwischen den diversen Applikationen wie MP3-Player, Tacho-Anzeige oder GPS-Tracker schaltet man durch Neigen des Geräts in verschiedene Richtungen um. Wann die Serienproduktion startet, ist noch nicht klar, der Preis soll jedoch um 600 Euro betragen.
Das Thema Multimedia war fast allgegenwärtig, die verschiedenen Projekte und Firmen verteilten sich über beide Messehallen. Viel Aufmerksamkeit erregte das amerikanische LinuxMCE-Projekt, dessen auf Kubuntu 7.10 basierende und erst vor Kurzem fertig gestellte Linux-Distribution am Samstag in einem eigenen Vortrag vorgestellt wurde. Um herauszufinden, dass im Hintergrund die seit Langem bekannten Programme MythTV und VDR einen wesentlichen Teil der Arbeit erledigen und sich die Anpassungen des LinuxMCE-Projekts zumeist auf die Oberfläche beschränken, musste man jedoch ein wenig nachhaken. Diese Selbstdarstellung kritisierten diverse MythTV-Entwickler bereits, die ebenfalls mit einem eigenen Stand auf dem LinuxTag vertreten waren. Am VDR-Stand konnten Besucher die ebenfalls erst vor wenigen Wochen veröffentlichte Version 1.6 des digitalen Videorecorders begutachten.
Am Stand von IBM und der Linux Solution Group (LiSoG) wurde die Leistungsfähigkeit der Cell-Prozessoren eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Die Entwickler verwendeten eine Sony Playstation 3, um in Echtzeit ein Full-HD-Bild bestehend aus einem Hintergrund und fünf Live-TV-Streams in Standard-PAL-Auflösung durch verschiedene Effekte zu überlagern und über den HDMI-Ausgang der Playstation auszugeben. Die TV-Streams erhielt die Playstation per NMM (Network-integrated Multimedia Middleware) von einem Linux-basierten Streaming-Server.
Der Streaming-Server, von dem IBM gleich zwei der drei existierenden Prototypen mitbrachte, besitzt eine PowerPC-CPU sowie zwei DVB-S-Tuner für den TV-Empfang. Zwei weitere Tuner, etwa für DVB-T oder DVB-C, lassen sich nachrüsten, ebenso eine Festplatte über den USB-2.0-Anschluss. Die Streams verteilt der Server per Gigabit-Ethernet an die Clients. Ob der Streaming-Server jemals in den Handel gelangt, ist allerdings noch völlig offen – wir werden auf dem nächsten LinuxTag, der vom 24. bis 27. Juni 2009 stattfindet, nachfragen.
(mid)
Version zum Drucken | Per E-Mail versenden | Heft bestellen
Permalink: http://heise.de/-291600
Das aktuelle Heft ist jetzt im Handel erhältlich.
Ältere Artikel können Sie über unser Zeitschriften-Archiv bestellen.