Löschzug

Notebooks und Scheckkarten in Gefahr

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Wer auf einer Bahnreise mit seinem Notebook arbeitet, kann eine böse Überraschung erleben. In den Klapptischen der InterRegio- Züge der Deutschen Bahn lauern starke Magnete, die unter bestimmten Umständen die Festplatte beschädigen können. Auch Disketten und die Magnetstreifen von Bank- und Kreditkarten sind in Gefahr.

Ausgerechnet als Detlef D.* im Zug noch dringende Arbeiten mit seinem Notebook zu erledigen hatte, gab dessen Festplatte ihren Geist auf. Doch damit nicht genug: einige Wochen später passierte ihm dasselbe noch einmal. Auch die neue Festplatte ging während einer Bahnfahrt kaputt. Jetzt glaubte D. nicht mehr an einen Zufall. Als Mitarbeiter im technischen Support der IBM Storage Systems Division in Mainz hatte er die Möglichkeit, die Festplatten im Labor analysieren zu lassen, um der Sache auf den Grund zu gehen. Ergebnis: Bei beiden Platten stellten die Techniker 'DC erasure' fest, also Löschung der Daten durch ein konstantes Magnetfeld.

Nach dieser Diagnose war der Übeltäter schnell gefunden. In beiden Fällen geschah das Unglück im InterRegio, und zwar im Großraumbereich in der zweiten Klasse. Dort gibt es an einigen Plätzen Klapptische, die in der Lehne des Vordersitzes eingelassen sind und durch kräftige Magnete gehalten werden. Diese Magnete befinden sich in der Tischplatte. Wer den Tisch herunterklappt, hat also in der linken und rechten Ecke jeweils einen starken Magneten vor sich.

Wenn nun die Festplatte eines Notebooks in einer der beiden vorderen Ecken eingebaut ist, kommt sie unmittelbar über dem Magneten zu liegen, wenn man das Notebook auf den Klapptisch stellt. So auch bei dem betroffenen IBM ThinkPad 755C von Detlef D.: Die Festplatte sitzt ganz unten rechts im Gehäuse und somit auf dem Klapptisch nur wenige Millimeter vom Magneten entfernt. In diesem Abstand reicht die magnetische Feldstärke anscheinend aus, um die auf der Festplatte aufgezeichneten Informationen zu beeinträchtigen.

Bei einer modernen Platte gehen dabei nicht nur die Daten verloren, sondern auch die zwischen den Nutzdaten aufgezeichneten Servoinformationen. Diese bringt der Hersteller nach der Montage des Laufwerks auf die Medien auf, und sie bleiben das ganze Leben einer Platte lang unverändert. Wenn die Servoinformationen beschädigt werden, ist das Laufwerk defekt und für den Anwender nicht mehr reparabel; auch eine Low-Level-Formatierung funktioniert nicht mehr. Lediglich der Hersteller könnte es wieder zum Leben erwecken, indem er es wieder in den Fertigungsprozeß einschleust und die Servoinformationen neu aufbringt.

Wir baten die Deutsche Bahn AG um eine Stellungnahme. Antwort: 'Die Magnete in den Tischen des InterRegio sind nicht in der Lage, ein Feld aufzubauen, das Datenverluste auf einer Festplatte hervorrufen kann, da Notebooks und speziell Festplatten in der Regel eine sehr gute Abschirmung gegenüber elektrostatischen oder magnetischen Feldern besitzen. In anderen Wagen des Fernverkehrs der Deutschen Bahn AG, zum Beispiel in ICE-Zügen, sind keine Magnete in den Klapptischen vorhanden. Beschädigungen von Computern oder Festplatten durch magnetische Einflüsse in InterRegio-Zügen sind uns nicht bekannt.'

Festplattenhersteller geben in den Datenblättern als Höchstwert für den störungsfreien Betrieb eine magnetische Feldstärke zwischen 0,5 und 1 mT (Milli-Tesla) an, gemessen am Gehäuse der Festplatte. Das ist nur das Zehn- bis Zwanzigfache des Erdmagnetfeldes (Stärke circa 50 μT). Von einer sehr guten Abschirmung gegen Magnetfelder kann also kaum die Rede sein.

Mit freundlicher Unterstützung des Instituts für Grundlagen der Elektrotechnik und Meßtechnik der Universität Hannover haben wir an den Klapptischen im InterRegio nachgemessen. Unmittelbar an der Oberfläche der Magnete stellten wir eine Feldstärke von 58 mT fest. In einem Abstand von 5 mm waren es noch 42 mT, bei 8 mm Abstand 25 mT. Noch in 10 mm Entfernung vom Magneten kamen wir auf eine Feldstärke von 17 mT, also das Siebzehnfache des für die Festplatte zugelassenen Werts. Je nach Einbaulage der Festplatte im Notebook kann sie durchaus näher als auf 10 mm an den Magneten herankommen und entsprechend stärkeren Feldern ausgesetzt sein.

Die Festplattenhersteller geben die Grenzwerte für das Magnetfeld sicherlich sehr vorsichtig an, zumal sie sich nicht nur auf Gleichfelder, sondern auch auf die wesentlich störträchtigeren Wechselfelder beziehen. Dennoch ist zumindest mit Betriebsstörungen zu rechnen, wenn man eine Festplatte in der Nähe eines so kräftigen Magneten betreibt.

Wenn das Laufwerk abgeschaltet ist, würde ein Feld dieser Stärke normalerweise nicht genügen, um die Beschichtung eines modernen Festplattenmediums zu magnetisieren. IBM-Techniker vermuten jedoch, daß mehrere Umstände in Kombination zu dem Desaster führen. Wenn die Festplatte in Betrieb ist, rotierten die Medien, so daß in ihnen Ströme und damit weitere Magnetfelder induziert werden. Die Köpfe befinden sich über dem Datenbereich und tragen selbst dazu bei, das Magnetfeld zu fokussieren. Die Laborbilder der defekten Festplatten zeigten dann auch, daß die Löschung in konzentrischen Kreisen von genau der Breite der Magnetspur erfolgt war.

Bevor Sie jedenfalls ein Notebook auf einem solchen Klapptisch betreiben, sollten Sie unbedingt überprüfen, an welcher Stelle im Gehäuse die Festplatte eingebaut ist. Am sichersten ist es natürlich, die Klapptische ganz zu meiden und sich zum Arbeiten an einen der feststehenden Tische zu setzen.

Doch nicht nur der Festplatte droht Gefahr: Auch Disketten reagieren empfindlich auf die starken Tischmagnete. Zum einen ist das Diskettenlaufwerk des Notebooks im Betrieb empfindlich gegen Magnetfelder, zum anderen kann eine nachlässig auf dem Tisch abgelegte Diskette dem Magneten zu nahe kommen. Wir haben mit mehreren Disketten im InterRegio experimentiert. Während man noch Glück haben kann, wenn man eine Diskette nur einmal auf den Magneten legt und wieder wegnimmt, ließen sich die Daten durch mehrmaliges Hin- und Herschieben zuverlässig beschädigen.

Das legt natürlich den Verdacht nahe, daß auch ein weiterer sehr verbreiteter magnetischer Datenträger in Gefahr ist: Die Magnetstreifen von EC- und Kreditkarten. Eine Versuchsreihe mit drei Kreditkarten ergab, daß der Magnetstreifen in einem Abstand von 10 beziehungsweise 8 mm keinen Schaden nahm, während eine Annäherung auf 5 mm ausreichte, um die Daten zu löschen.

Wer sein Portemonnaie auf dem Klapptisch ablegt, kann also Pech haben und an seinem Reiseziel feststellen, daß er am Geldautomaten nicht mehr kreditwürdig ist. Neben dem Ärger und der Wartezeit auf eine neue Karte entstehen dabei oft noch Kosten für die Ersatzkarte. Daß dies keine graue Theorie ist, zeigte ein Praxistest: Nachdem ich mein Portemonnaie mit einer Test-Kreditkarte darin auf dem Tischmagneten abgelegt hatte, waren die Daten auf dem Magnetstreifen beschädigt.

Angesichts der Verbreitung von Bank- und Kreditkarten mit Magnetstreifen kann man die Haltemagnete in den Tischen des InterRegio nur als Fehlkonstruktion bezeichnen. Die Bahn täte gut daran, wenigstens durch einen Aufkleber auf den Tischen darauf hinzuweisen, daß man dort keine Gegenstände ablegen darf, die empfindlich gegen Magnetfelder sind. (bo)

* Name von der Redaktion geändert

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