Marktmacht

@ctmagazin | Editorial

Ein kleines, armes Mädchen steht am Silvesterabend barfuß und nur mit einer alten Schürze angetan im Schnee und versucht seine Schwefelhölzer zu verkaufen; so beginnt ein anrührendes Märchen von Hans Christian Andersen.

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Marktmacht

Ein kleines, armes Mädchen steht am Silvesterabend barfuß und nur mit einer alten Schürze angetan im Schnee und versucht seine Schwefelhölzer zu verkaufen; so beginnt ein anrührendes Märchen von Hans Christian Andersen.

Die Hölzer hat wahrscheinlich der schwedische Industrielle Ivar Kreuger hergestellt. Seine Firma Svenska Tändsticks hielt in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts einen derart großen Marktanteil an Streichhölzern, dass sie der notorisch klammen Regierung des Deutschen Reiches 1930 gegen einen Kredit über 125 Millionen US-Dollar ein Zündwarenmonopol abschwatzen konnte, das für über 50 Jahre gültig blieb. Als es im Januar 1983 fiel, sanken die Preise für Streichhölzer um ein Drittel.

So große Macht über einen Markt hat derzeit kaum ein Hersteller; darüber wachen die Kartellbehörden. Allerdings kann auch ein Quasi-Monopol einen einzelnen Anbieter zu für den Kunden unangenehmen Entscheidungen verleiten. Adobe Photoshop kostet über 1000 Euro. Zum Vergleich: Microsoft verlangt für Word weniger als 200 Euro. Die übrigen Bildbearbeitungen liegen bei unter 100 Euro, können Photoshop aber nicht ansatzweise das Wasser reichen. Der Anwender scheint dem großen A hilflos ausgeliefert: Der Monopolist bestimmt, der Nutzer muss bezahlen.

Na ja, niemand wird zu etwas gezwungen. Adobe ist nicht der einzige Hersteller von Kreativsoftware, und professionelle Designer sind keine hilflosen Streichholzmädchen. Hier und da gibt es ein wenig noch nicht aufgekaufte Konkurrenz, beispielsweise QuarkXPress als Alternative zu InDesign oder Final Cut gegenüber Premiere Pro. Um die Interoperabilität allfälliger Alternativen ist es allerdings schlimm bestellt, denn üblicherweise setzen Kreative mehrere Werkzeuge in einem Workflow ein. Eine Alternative zu Adobes Paket ist nicht in Sicht.

Den Kampf um die Profis hat die Konkurrenz, so scheints, denn auch längst aufgegeben: Während Adobe die Creative Suite 5 vorstellt, zieht sich Corel mit dem Digital Studio 2010 weiter ins Arbeitszimmer der Heimanwender zurück. CorelDraw als mögliche Alternative zu Illustrator bedient mittlerweile - nach Angaben von Corel selbst - eher ein Nischenpublikum, in erster Linie Produzenten von Schnittvorlagen für Schilder, T-Shirts und Autoaufkleber.

Adobe ist in der Kreativbranche nahezu überall über alle Zweifel erhaben, omnipotent und omnipräsent. Lediglich das Ansehen von Flash ist angekratzt. Apple hat der Web-Technik für seine Mobilgeräte eine Absage erteilt; HTML5 stellt Flash inzwischen ganz in Frage.

So treibt professionelle Grafik-Anwender einzig die Frage um, ob die gegenwärtig bei ihnen im Einsatz befindliche Version der Creative Suite den Anforderungen noch genügt oder ob ein Upgrade her muss. Adobe kann demnach durchaus über 1000 Euro für Photoshop verlangen. Und der Nutzer zahlt den Preis. Jeden Preis. (akr)

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