Leseprobe aus c't 26/07
Anfang November stellte Red Hat die neue Version 5.1 seines Enterprise Linux vor. Wir haben sie mit dem direkten Konkurrenten, Novells Suse Linux Enterprise Server 10 mit Service Pack 1, verglichen und dabei besonders Hochverfügbarkeits-Cluster und Virtualisierung unter die Lupe genommen.
Beim professionellen Einsatz von Linux auf Servern greifen viele Unternehmen auf zertifizierte Server-Distributionen wie Red Hat Enterprise Linux (RHEL) oder Suse Linux Enterprise Server (SLES) zurück, um bei Problemen auf den Support von Hardware- und Software-Herstellern zurückgreifen zu können. Nicht zertifizierte Linux-Distributionen wie Debian Linux oder CentOS, dem kostenlosen RHEL-Klon, sind technisch gesehen ebenso gut für Datenbank- oder Application-Server geeignet, werden von den Hardware- und Software-Herstellern jedoch nur selten unterstützt.
Die Server-Distributionen von Novell und Red Hat unterscheiden sich in diesem Punkt nur unwesentlich, alle wichtigen Hersteller wie HP, IBM, Oracle und SAP haben beide Linux-Systeme nicht nur für verschiedene Software wie Datenbanken oder Application Server zertifiziert, sondern auch Server-Komplettsysteme und einzelne Komponenten wie zum Beispiel RAID-Controller. So listet Red Hat für sein Enterprise Linux gut 2000 unterstützte x86- und x64-Rechner auf, davon rund 600 Workstations und Laptops. Novell kommt für SLES 10 auf über 2500 zertifizierte Systeme inklusive knapp 600 Workstations und Laptops, zählt dabei aber auch PowerPC-, Itanium- und zSeries-Maschinen mit. Für RHEL 5 sind rund 500 Anwendungen von Softwareherstellern zertifiziert, für SLES 10 gut 800, wobei Novell unterschiedliche Versionen etwas feiner zählt: So liefert IBMs Softwareangebot rund um die Datenbank DB2 etwa 75 Einträge für SLES , während sie in der RHEL-Liste lediglich viermal auftaucht.
Beide Distributionen liefern in etwa die gleiche Software aus. Zwar verwendet Novell den nominell älteren Kernel 2.6.16, während Red Hat Kernel 2.6.18 einsetzt, da aber beide Distributoren Patches aus neueren Kerneln in die Kernel der Enterprise-Distributionen einbauen, ist die Hardwareunterstützung bei RHEL 5.1 und SLES 10 insgesamt gleich gut. Bei SLES ist die Virtualisierungslösung Xen der Versionsnummer nach mit 3.0.4 etwas neuer als Xen 3.0.3 aus RHEL 5.1, jedoch haben beide Distributoren bereits Funktionen aus dem derzeit aktuellen Xen 3.1 eingefügt. Insgesamt sind die Xen-Implementierungen der Distributionen als gleichwertig zu betrachten. Auch bei den übrigen wichtigen Diensten wie Bind, Apache, Procmail, Samba, MySQL und Tomcat unterscheidet sich der Software-Stand nur geringfügig. Mit den Viren-Scannern Amavis und ClamAV, Java von Sun und IBM sowie IBMs Application Server Websphere in der Community Edition ist das Software-Angebot von SLES 10 allerdings umfangreicher als das von RHEL, das lediglich Eclipse in die Waagschale werfen kann.
Bei der Abschottung des Systems gegen aufgrund von Sicherheitslücken kompromittierter Programme gehen Novell und Red Hat unterschiedliche Wege. SLES 10 verwendet AppArmor, um den Zugriff von Applikationen auf die von ihnen tatsächlich benötigte Systemressourcen zu beschränken, während RHEL das umfassendere, aber auch komplexere SELinux einsetzt. Auch bei den Standard-Dateisystemen gibt es Unterschiede: RHEL 5.1 verwendet das bewährte Ext3-Dateisystem für alle Datenpartitionen und unterstützt kein ReiserFS mehr, während bei SLES 10 noch ReiserFS das Standarddateisystem ist - mit SLES 11 wird aber auch Novell auf Ext3 umsteigen
Beim Preis liegt Novell vorn: Die Standardvariante von SLES 10 mit einem Jahr Telefon-Support bei vier Stunden Reaktionszeit kostet zum Beispiel knapp 575 Euro und erlaubt bis zu 32 physische CPUs, Red Hat verlangt für RHEL 5.1 mit vergleichbarem Support rund 760 Euro, beschränkt die physischen CPUs aber auf nur zwei. Zudem sind in SLES 10 die Cluster-Funktionen standardmäßig enthalten, während man dafür bei RHEL 5.1 die knapp 1500 Euro teure Advanced Platform kaufen muss. Diese läuft dann aber auf beliebig vielen Prozessoren.
Die größten Unterschiede zwischen den Distributionen sind bei den bereitgestellten Werkzeugen zur Administration der verschiedenen Dienste und Programme zu finden. Hier hat Novell die Nase vorn mit verschiedenen Yast-Modulen für die Einrichtung von Netzwerkdiensten wie Webserver, Kerberos, NIS, NFS, Samba, DNS-Server und NTP-Server. Selbst iSCSI-Laufwerke lassen sich mit wenigen Mausklicks im Netz anbieten. Red Hat bietet hier deutlich weniger Administrations-Frontends an, so fehlt etwa ein Gegenstück zu Novells iSCSI- oder DNS-Verwaltung.
Wir haben uns in diesem Test besonders die Bereiche Hochverfügbarkeit und Virtualisierung angesehen, die heute im professionellen Umfeld eine große Rolle spielen. Ein Blick über den Tellerrand zum VMware-ESX-Server soll zudem zeigen, wo die Virtualisierungswerkzeuge der beiden Linux-Distributionen im Vergleich zum Platzhirsch bei der Virtualisierung stehen. Dabei kooperierten wir mit dem Flughafen München, die dortigen Administratoren und das IT-Quality-Management stellten ihre Hardware zur Verfügung und unterstützten uns beim Test.
Für den Test der 32-Bit-Versionen und die Cluster-Tests verwendeten wir zwei HP Proliant DL360, die mit zwei älteren Xeon-Prozessoren mit 2,8 GHz und 2 GByte RAM ausgestattet waren. Zur weiteren Ausstattung gehörten ein „Emulex Thor-X LightPulse Fiber Channel Host Bus”-Adapter, über den per SAN eine EMC Symmetrix mit insgesamt 21 Laufwerken als Cluster-Datenspeicher angebunden wurde, sowie zwei „Broadcom NetXtreme BCM5703X Gigabit Ethernet”-Adapter. Auch der Chipsatz CSB5 der HP-Server kam von Broadcom. Die 64-Bit-Versionen der beiden Enterprise-Distributionen installierten wir auf zwei Fujitsu-Siemens RX300 mit zwei Quad-Core-Xeons mit 2 GHz, Intel-Chipsatz und 2 GByte RAM. Hier wurde auch die Vollvirtualisierung getestet, da die HP-Server keine entsprechende Hardware-Virtualisierungsfunktionen besaßen. Allerdings standen auf den Fujitsu-Siemens-Maschinen nur jeweils zwei 146 GByte große SAS-Festplatten (Seagate ST3146855SS Cheetah, 15000 U/min) zur Verfügung. Für die Netzwerkanbindung sorgten zwei „Broadcom NetXtreme BCM5715 Gigabit Ethernet”-Adapter.
Bei der Installation und anschließenden Konfiguration der Distributionen gab es wenig Überraschungen, die „Compaq Smart Array 5i/532 SCSI RAID”-Controller der HP-Server, den LSI SAS1068 SAS-Controller der RX300 und die in den HP-Servern eingebauten Fiber-Channel-Controller mit allen 21 Laufwerken erkannten beide Distributionen problemlos.
Die per SLES 10 exportierten iSCSI-Laufwerke ließen sich ebenfalls weitgehend problemlos einbinden, wobei es bei SLES 10 aufgrund eines fehlerhaften und inzwischen aktualisierten Open-iSCSI-Pakets in der grafischen iSCSI-Konfiguration zu Abstürzen auf den HP-Servern kam. RHEL 5.1 hatte auf den Fujitsu-Siemens-Servern mit integriertem Matrox-G200-Grafik-Chip Probleme mit der Darstellung des Einrichtungsassistenten: Die Buttons zur Bedienung am unteren Bildschirmrand verschwanden in Grafikstörungen - so war der Abschluss der Installation ein wenig schwierig. Wenn man statt der grafischen Installation den Textmodus wählt, gibt es auf keiner der beiden Distributionen Probleme.
(mid)
Den vollständigen Artikel finden Sie in c't 26/2007.
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