Microsofts Kampagne, dem Default-Dateiformat seines Office 2007 die höheren Weihen eines ISO-Standards zu vermitteln, hat in den vergangenen Monaten hohe Wellen geschlagen. Jetzt hat sich die International Standardization Organization zu einer endgültigen Entscheidung zugunsten der Redmonder Format-Spezifikationen durchgerungen.
Ende März kam das reguläre Abstimmungsverfahren der ISO zum Abschluss, in dem die Vertreter von 87 nationalen Normierungsgremien über die Anerkennung der Dokumenten-Beschreibungssprache Office Open XML als ISO-Standard zu entscheiden hatten. Nach Informationen des zuständigen Komitees JTC1 aus ISO und IEC (International Electrotechnical Commission) [1] haben sich 71 Organisationen an der Abstimmung beteiligt. Die erste Bedingung zur Annahme des Standard-Entwurfs lag nach den Statuten der ISO darin, dass maximal ein Viertel der Teilnehmer gegen die Anerkennung votieren darf, und wurde mit 10 ablehnenden von insgesamt 71 abgegebenen Stimmen, also einem Nein-Anteil von nur 14 Prozent, deutlich erfüllt. Ähnlich verhielt es sich mit den sogenannten P-Mitgliedern. Das sind Ländervertreter, die regelmäßig im ISO-Komitee SC34 mitarbeiten und denen deshalb ein gesondertes Quorum zusteht. Auch dieses wurde klar erfüllt, weil sich 24 von 32 Teilnehmern, also 75 Prozent, für den neuen Standard aussprachen. In dieser Abstimmung hätten bereits zwei Drittel ausgereicht. Auch wenn sich die ISO vermutlich noch etwas Zeit mit der Veröffentlichung des Standards lassen wird, sind die Würfel hiermit gefallen.
Der Ausgang des Verfahrens dürfte im Microsoft-Hauptquartier für einige Erleichterung gesorgt haben, war doch der vorausgegangene Eilantrag, den Standard mit kürzeren Verhandlungen abzusegnen, im September 2007 trotz massiver Anstrengungen haarscharf in die Hose gegangen. Damals hatten sich nur 74,5 der erforderlichen 75 Prozent Ja-Stimmen zusammengefunden, einige der Gegenstimmen waren aber ausdrücklich als vorläufig gekennzeichnet: Deren Urheber hatten konkrete Monita am mehr als 6000 Seiten umfassenden Stapel der OOXML-Spezifikationen geäußert und sich die Option offen gehalten, dem Opus durchaus noch zuzustimmen, wenn diese Kritikpunkte bis zur Hauptabstimmung ausgeräumt würden.
Was Microsoft seinerzeit als unglücklichen Beinahe-Erfolg pries, hinterließ jedoch vielerorts einen fischigen Nachgeschmack. Es wurden nämlich gleich in mehreren Abstimmungsgremien Proteste darüber laut, der Windows-Monopolist habe illegitimen Einfluss auf das Verfahren genommen. Zum einen habe es aus Redmond einen wahren Geldsegen von Gremien-Mitgliedsbeiträgen für bislang nicht vertretene Dritte-Welt-Länder gegeben, die sich just in ihrer ersten Beteiligung sicher nicht gegen ihren noblen Geldgeber einsetzen würden. Zum anderen gab es dann noch einige Unregelmäßigkeiten in etablierten Mitgliedsländern: So hatte Microsoft nach diesbezüglichen Vorwürfen einräumen müssen, mit unaufgeforderten Mails schwedische Entscheidungsträger beeinflusst zu haben [2]. Auch in Ungarn, Polen, der Schweiz und in Deutschland [3] gab es heftige Kontroversen über die Entscheidungsfindung im zuständigen Ausschuss. Die Lage, dass sich sowohl die Schweiz als auch Deutschland im September für OOXML ausgesprochen haben, rief Rechtsanwälte und auch Nachprüfungen auf den Plan, die aber nichts an den abgegebenen Voten änderten.
Das endgültige ISO-Verdikt erwartete Microsoft daraufhin quasi mit angehaltenem Atem: Firmensprecher äußerten sich nach dem September 2007 mit Hinweis auf laufende Verfahren nur noch unter der Hand zum erwünschten Office-Standard; auf der TechEd EMEA reduzierte sich die Diskussion über Standardisierungs-Anforderungen von OOXML auf eine lupenreine Meinungserhebung im Publikum.
Trotz alledem sind auch nach der jüngsten Stimmabgabe Verdachtsmomente aufgetaucht, der Windows-Monopolist könnte hinter den Kulissen tätig geworden sein: Laut Web-Magazin Groklaw haben etwa in Norwegen nur Microsoft und ein Geschäftspartner für, alle 21 anderen Gremienmitglieder aber gegen den Annahmeantrag gestimmt. Nichtsdestoweniger lautete das norwegische Ländervotum an die ISO „Ja“ [4].
Microsoft hat über geraume Zeit daran gearbeitet, seine Office-Dokumentenformate auf die Basis von XML zu stellen [5]. Herausgekommen sind transparente Dateiformate, die sich vielfältig mit diversen Server-Funktionen ergänzen und das Risiko versehentlicher Indiskretionen vermindern. Doch die erste Alternative zu den undurchsichtigen DOC- und XLS-Dateien kam in Gestalt des späteren OpenDocument-Formats (ODF) von den Entwicklern der StarOffice-Bürosuite. Nachdem diese im Besitz von Sun gelandet war, initiierte der Microsoft-Konkurrent die Anerkennung des Formats bei der dafür prädestinierten Organization for the Advancement of Structured Information Standards (OASIS) und dann mit deren Segen bei der ISO.
Seit Mai 2006 ist ODF daraufhin Inhalt der Norm ISO 26300, und zahlreiche Länderregierungen und öffentliche Institutionen haben ihre Software-Beschaffungen an die Bedingung geknüpft, dass ein offener Standard für Dokumente eingehalten wird. Bislang kamen dafür ausschließlich ODF und dazu verträgliche Anwendungen wie StarOffice/OpenOffice, KDE Office, Softmaker Office und Abiword in Frage. Die Anhänger des heute maßgeblich von OpenOffice.org gepflegten Formats bringen vehement vor, ein zweiter Standard sei überflüssig. Demgegenüber stellt allein der Anspruch, dass die erwähnten Anwendungen ODF-Dokumente verarbeiten können, nach c't-Beobachtungen keinesfalls sicher, dass damit erstellte Dokumente problemlos auszutauschen seien [6].
Im Unterschied dazu hat Microsoft jedes noch so kleine Detail seiner Büroanwendungen seit Office 95 Punkt für Punkt in OOXML abgebildet und Spezifikationen im Umfang von über 6000 Seiten für seine hauseigenen Formate erarbeitet. Ein wichtiges Argument der OOXML-Gegner lautet denn auch, dieser Standard sei in dieser Detailfülle ausschließlich durch Microsoft selbst umzusetzen. Dennoch konnten die MS-Entwickler die European Computer Manufacturers Association (ECMA) zur Verabschiedung der Formatbeschreibung als Standard bewegen. Dieses Gremium liegt zwar mit seiner Mitgliederzusammensetzung (darunter Firmen wie Canon, Ericsson, Fuji, Konica Minolta, Philips und Toshiba) für eine solche Standardisierung wesentlich weniger nahe als die mit ODF befasste OASIS (Gründungsmitglieder: bea, IBM, Primeton und Sun). OOXML erfüllt aber dank ECMA trotzdem dieselben formalen Voraussetzungen wie ODF für eine Standard-Anerkennung durch die ISO.
Nach dem wie gesagt strittigen, erfolglosen „Fast Track“ zum ISO-Entscheid im September hatte die ECMA seitdem ein halbes Jahr Zeit, die Monita der damals beteiligten Kritiker auszuräumen. Wie sich das ausgewirkt hat, beschrieb Michael Grözinger, als National Technology Officer für Microsoft Deutschland aktiv in Sachen OOXML, gegenüber c't:
„Die Bereiche, in denen Verbesserungen angestrengt worden sind, liegen zum einen im editorischen Bereich, wie zum Beispiel eindeutigeren Formulierungen, und natürlich auch im technischen, wie der klareren Definition von Conformance Classes, der Überarbeitung von Felddefinitionen oder auch der Behandlung der Datumsproblematik. Alle diese Bereiche finden Sie in der ISO/IEC DIS 29500 behandelt und entsprechend beschrieben. […] Die neuen Conformance Classes, also die Festlegung, wann Ihre von Ihnen entwickelte Anwendung standardkonform ist, gibt wichtige Freiheitsgrade. Wenn Sie sich nur mit dem Bereich Textverarbeitung auseinandersetzen wollen, weil Sie diese zum Beispiel nachfolgenden Prozessen zur Verfügung stellen sollen, dann können Sie dies tun, ohne dass Sie die gesamte Spezifikation berücksichtigen müssen.“
Microsoft selbst hat von dieser Differenzierungsmöglichkeit allerdings bislang keinen Gebrauch gemacht. c't-Erkenntnisse [7], dass das just erschienene Office:mac 2008 selbst mit dem Service Pack 1 nur lückenhaft mit OOXML-Dateien klarkommt, kommentierte Grözinger lapidar: „Es ist grundsätzlich unsere Intention, die verfügbaren Standards soweit erforderlich in unseren Produkten umzusetzen. Nach der erfolgreichen Standardisierung von Office Open XML haben wir eine Grundlage, auf der alle weiteren Entwicklungen aufsetzen können.“
Wie weit die ISO-Entscheidung Microsoft bei der Office-Vermarktung an institutionelle Anwender hilft, wird sich allenfalls in den kommenden Monaten beurteilen lassen. Dass nicht-behördliche Nutzer einen Vorteil aus dem neuen Standard ziehen können, erscheint indes zweifelhaft, zumal die im Verlauf der Normierung veränderten Spezifikationen noch nicht Bestandteil von Microsoft Office 2007 sind, also wohl durch geeignete Patches implementiert werden müssen. Ob sich daraus womöglich neue Unverträglichkeiten zwischen aktuellen und künftigen Word-, Excel oder PowerPoint-Dokumenten ergeben könnten, beantwortete Grözinger nur vage: „Wir werden sicherlich den Weg gehen und die Lücken schließen, welche sich zu ECMA 376 [der OOXML-Norm der ECMA, d. Red.] auftun. Sonst könnten wir keine standardkonformen Dokumente erstellen.“
Nach wie vor hat man bei Bürosuiten die Wahl zwischen Anwendungen, die auf das unvollständig spezifizierte ODF setzen, und auf der anderen Seite Microsoft Office für Windows, das momentan und wohl auf absehbare Zeit als einziges Produkt OOXML und per Add-ins auch ODF unterstützt. Für die Interoperabilität zwischen den Suiten verschiedener Anbieter dürfte die angesehene ISO-Anerkennung von OOXML also ohne Auswirkungen bleiben, abgesehen von absehbaren Patches für Microsoft Office 2007 sowie die Compatibility Packs zu dessen Vorgängerversionen. Außer Spesen nichts gewesen.
(hps)
[1] ISO-Abstimmungsergebnisse März 2008
[4] Groklaw über Unregelmäßigkeiten der März-Abstimmung
[5] Peter Schüler, „Software-Magie erleben“, c't 16/06, S. 102
[6] Bernd Butscheidt, René Peinl, Standard mit Freiheiten, c't 17/06, S. 180
[7] Dieter Brors, Drei Schritte vor, zwei zurück, c't 5/08, S. 142
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