Anlässlich der Kickoff-Veranstaltung der neuen Benutzervereinigung GroupWise&Friends stellte Nat Friedman, Mitbegründer von Ximian und heute bei Novell als Vice President für die Entwicklung aller Teamwork-Produkte zuständig, die neue GroupWise-Version 7 (Codename „Sequoia“) vor. c't sprach in Bad Homburg mit Nat Friedman über die Novell-Kollaborationsstrategie und den Einsatz von Linux als Desktopsystem.
c't: Novell hat eine Reihe von Kollaborationsprodukten: GroupWise, Suse Linux, Openexchange Server ...
Friedman: Das ist kein Novell Produkt, das ist ein Produkt eines Business Partners ...
c't: Das aber von Novell respektive Suse verkauft wurde. Dann gibt es noch NetMail, das in das Projekt Hula eingeflossen ist. Und sie haben eine Reihe von Client-Produkten wie den GroupWise Client und Evolution. Sorgt das nicht für einige Verwirrung?
| Nat Friedman, Novell Vice President |
Friedman: Ja, da gibt es außerhalb von Novell einige Verwirrung, denke ich. GroupWise ist unser Flaggschiff. Wenn Sie eine vollständige Kollaborationsumgebung unter Linux oder Windows haben wollen, dann nutzen Sie GroupWise. Wir investieren in eine Reihe von Technologien, von denen wir glauben, dass sie ein beträchtliches Potenzial haben. Hula ist dafür ein Beispiel. Mit Hula haben wir ein Open-Source-Projekt, das bestmögliche Unterstützung für Mail und Kalender bieten soll - sonst nichts. Es wird keinen Client haben, aber wir unterstützen Standards, etwa CalDAV, damit Clients wie Thunderbird von Mozilla, Sunbird, Outlook, wenn sie das unterstützen, oder Evolution darauf zugreifen können. Und wir bauen ein sehr mächtiges Web Interface für Hula, das weiter geht, als alles, was Sie bisher gesehen haben.
c't: Und wie wollen Sie mit Hula Geld verdienen?
Friedman: Wir haben das bisher nicht angekündigt, aber wir werden auf der Basis von Hula irgendwann ein kommerzielles Produkt anbieten. Hula ist ein Open-Source-Projekt und wird als solches weiter existieren. Wir ziehen Entwickler von Mozilla an, Red Hat hat zu Hula beigetragen, die Messaging Architects haben Vollzeitentwickler, die an Hula arbeiten. Wir haben in kürzester Zeit ein Ökosystem um Hula herum aufgebaut, es gibt 750 registrierte Mitwirkende, es gibt vielleicht zwanzig Leute, die jede Woche etwas beisteuern und dabei ist Hula gerade einmal drei Monate alt. Ich habe eine ganz Reihe von Open-Source-Projekten ins Leben gerufen und ich bin sehr beeindruckt von der Resonanz.
c't: Um noch einmal auf GroupWise zurückzukommen: Sie haben sowohl einen GroupWise Client als auch Evolution. Ist es denn sinnvoll, Evolution als Frontend für GroupWise einzusetzen?
Friedman: Das glaube ich nicht. Sie können zwar heute bereits mit Evolution auf GroupWise-Server zugreifen. Evolution 2.2 hat ein Backend, das auf das SOAP-Interface zugreift. Wir haben das vor allem geschrieben, um GroupWise zu testen.
Evolution ist mehr ein Bestandteil unserer Desktop-Strategie. Wir brauchen unter Linux einen mächtigen Collaboration Client, der auf alle möglichen Server zugreift. Evolution spricht mit Exchange, mit GroupWise, mit Suns iPlanet Server und es wird mit Hula sprechen.
Um aber zu einem richtig guten GroupWise-Client zu werden, müsste sich Evolution dramatisch ändern. Es ist eine Frage der Prioritäten. Möchten Sie, dass sich ein Windows-Benutzer sofort in Evolution zu Hause vorkommt, oder wollen Sie, dass jemand, der GroupWise kennt, unter Linux keine Änderungen bemerkt? Unsere Priorität liegt hier eindeutig auf dem Windows-Benutzer. Für GroupWise haben wir zu diesem Zweck einen Java Client, der auf allen Plattformen läuft.
c't: KDE oder Gnome, das wird wohl eine Frage für eine lange Zeit sein?
Friedman: Für den Benutzer ist das doch wirklich kein großes Problem. Die Unterschiede zwischen KDE und Gnome sind doch so winzig, dass das wirklich keine Rolle spielt. Sie haben ein Panel, sie haben einen Button, um das Menü zu öffnen. Sie haben ein Rechteck da unten, das als Taskleiste dient, mit Icons starten Sie Dinge. Dank freedesktop.org können Sie eine Gnome-Anwendung unter KDE starten oder umgekehrt und der Verlust an Funktionalität ist winzig. Bei Novell unterstützen wir beide und wir lassen den Markt entscheiden.
c't: Macht es für Novell Sinn, Entwickler aus beiden Bereichen für immer zu beschäftigen?
Friedman: Irgendwann wird es sicher eine Form von Annäherung geben, auf der Seite der Hersteller oder der Seite der Kunden. Die einzigen Leute, die die Unterschiede betonen, sind die Entwickler, und damit meine ich nicht die ISVs (Independent Software Vendors), sondern die Leute, die nicht duschen. [Lacht]
c't: Werden die beiden Desktops irgendwann fusionieren?
Friedman: Ich glaube nicht, dass es irgendwann eine Konvergenz im Sinne von KNME oder so was geben wird. Sie haben zwei unterschiedliche Implementierungen einer Desktop-Umgebung. Sie haben sogar viele, viele mehr. KDE und Gnome werden nur als die besten angesehen. Das Entscheidende ist, dass sich die ISVs da keine Sorgen machen und das stellt freedesktop.org sicher.
c't: Wenn Sie den großen Erfolg von Firefox betrachten, dann sehen Sie, dass Firefox nun ganz ähnliche Sicherheitsprobleme wie Internet Explorer hat ...
Friedman: Ich glaube nicht, dass das auch nur annähernd stimmt. Firefox hat ein paar Sicherheitsprobleme, aber Internet Explorer hat Dutzende und Aberdutzende von ernsthaften Kompromittierungen. Internet Explorer hatte jahrelang nicht mal einen Update-Mechanismus, Firefox hatte den von Anfang an. Phishing mit Umlaut-Domains war eines der größten Probleme. Das ist in Firefox behoben, im Internet Explorer immer noch nicht. Windows hat auch eine kulturelle Schwachstelle. Unter Windows starten Sie Dinge, Sie installieren ActiveX-Programme.
c't: Microsoft argumentiert, dass Linux einfach weniger angegriffen wird als Windows und damit nur sicherer erscheint. Was meinen Sie? Warum sollte Linux sicherer sein?
Friedman: Da kann ich Ihnen eine ganze Liste machen. Ich fange mit den einfachen an. Erstens wurde Linux im Internet durch Internet-Benutzer geschaffen. Windows wurde von Leuten gebaut, die in einem freundlichen, sicheren Unternehmensnetzwerk arbeiten. Unter Linux sieht man Netzwerkdaten als feindlich an. Deshalb machen sie unterschiedliche Annahmen. In Outlook können Sie einen Anhang öffnen und dann ist das ein Skript. In Evolution geht das nicht. Sie haben einen Extraschritt. Sie müssen den Anhang erst auf die Platte schreiben, dann ausführbar machen und dann erst können Sie ihn starten. Ein Dokument dagegen können Sie direkt starten. Die meisten Leute kennen den Unterschied zwischen einem Dokument und einem ausführbaren Programm nicht, und deshalb verteilt sich ein Virus so schnell über Outlook.
Selbst wenn Sie ein Skript ausführbar machen, dann haben Sie in Linux die Unterscheidung zwischen root und normalen Benutzern. Dann haben wir im Linuxkernel neulich die Exec-Bit-Protection eingeführt. Die unterscheidet zwischen Speicherseiten mit Daten und Programmen und eliminiert damit die Pufferüberlauf-Exploits. Dann gibt es SE/Linux, wo Sie unterschiedliche Vertrauensniveaus für Prozesse festlegen können. Es ist sowohl in Red Hat als auch in Suse enthalten und da können Sie zum Beispiel über Richtlinien festlegen, dass Sie dem Mailprogramm nicht vertrauen. Und dann haben Sie schließlich noch eine sehr kurze Zeit zwischen der Entdeckung eines Fehlers und der Fehlerbehebung.
c't: Der Erfolg von Linux auf dem Server wird nicht mehr bestritten. Auf dem Desktop sieht das noch anders aus. Was muss geschehen, um den Linux Desktop erfolgreich zu machen?
Friedman: Ich denke, wir sind schon angekommen, wenn Sie nach Spanien gehen, dann finden Sie hunderttausende von Desktops im Ausbildungsbereich, in Sao Paulo in Brasilien gibt es hunderte von Linux-Clustern, in China wechseln große Bereiche auf Linux. Selbst im öffentlichen Sektor in den USA, wo die Anpassung am langsamsten läuft, prüft man Umstellungen auf Linux im großen Stil. Wir haben unseren Unternehmens-Desktop erst im Oktober letzten Jahres herausgebracht, und viele befinden sich noch in der Pilotphase, aber wir verkaufen das Produkt tausendfach. Wir sind noch am Anfang dieses Marktes und bewegen uns noch sehr vorsichtig. Wir versuchen nicht, das jedermann zu verkaufen.
c't: Welchen Barrieren gibt es noch?
Friedman: Ich denke, es gibt im Wesentlichen noch zwei Barrieren: Erstens gibt es Bedenken bezüglich der Benutzerfreundlichkeit, etwa bei Plug&Play-Geräten. Aber es ist ja nicht so, als ob die Leute völlig problemlos mit Windows arbeiten. Ich kenne keinen Windows-Benutzer, der sagen würde, dass alles perfekt funktioniert.
Die zweite Barriere sind Anwendungen, und das ist das größte Problem. Wenn Ihre Anwendung auf Windows läuft und nicht auf Linux, dann können Sie Linux nicht benutzen. In 2005 werden wir stark in die Entwicklung von ISVs investieren. Überall in Europa gibt es Labore. IBM hat welche, Novell hat welche. Als ISV können Sie dort hingehen und sich bei der Portierung Ihrer Anwendung helfen lassen.
Zwei Dinge helfen uns. Erstens, dass die ISVs frühzeitig in einen noch jungen Markt wollen. Adobe hat zum Beispiel neulich ein völlig neu geschriebenes Acrobat herausgebracht. Es gibt also ganz frische Investitionen.
c't: Das sieht nach einem Henne-Ei-Problem aus.
Friedman: Das ist es auch. Sie brauchen einen Markt, in dem Sie verkaufen können. Die zweite Sache, die wir machen, ist die Investition in die Entwicklungsumgebung Mono. Sie können damit das .Net-Know-how wiederverwenden und die gleichen Anwendungen eben auch in Linux laufen lassen. Eine Crossplattform-Entwicklung hilft uns ungemein.
c't: Neben ihrem Novell Linux Desktop haben Sie auch noch Suse Linux Professional. Wie funktioniert das?
Friedman: Wenn Sie sich die Entwicklung als einen Zeitstrahl vorstellen, dann zweigen wir alle sechs Monate einen Ast ab, der zu Suse Linux Professional (SLP) 9.1, 9.2, 9.3 und so weiter wird. Nach etwa jedem dritten Release zweigen wir von dort wieder einen Ast ab, aus dem ein Enterprise Release wird. Daraus entstehen dann verschiedene Produkte, etwa SLES 9 (Suse Linux Enterprise Server), OES (Open Enterprise Server mit Netware Services) und eben NLD (Novell Linux Desktop). Der Code von SLP ist vielleicht mal nur fünf Stunden alt, und es funktioniert auch nicht immer alles perfekt. So ist das aber auch gedacht, weil wir unseren Partnern, den Entwicklern und den Hobbyisten immer das Neueste bieten wollen. Während Sie in SLP 3000 Pakete haben, sind es in NLD gerade einmal 800. Zwischen der Abzweigung zu SLP und der Abzweigung zum Enterprise-Produkt liegen fünf bis sechs Monate Test, Integration, Abstimmung mit den ISVs etc.
c't: Wie lange wird das Enterprise-Produkt unterstützt?
Friedman: Fünf Jahre.
c't: Das ist doch für Sie sicher eine völlig neue Erfahrung.
Friedman: Ja, das ist für mich eine völlig neue Erfahrung, ein Produkt fünf Jahre zu unterstützen. [Lacht]
c't: Mr. Friedman, wir danken für das Gespräch. (ju)
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