Mit dem Zauberwort ‘Rich Internet Applications’ will Macromedia skeptische Web-Entwickler auf Flash-Anwendungen einschwören. Die interaktiven Animationen sollen schneller laden und mehr können als ihre HTML-Pendants. Jetzt stellte Macromedia seine eigene Website auf Rich Internet Applications um - und rudert seitdem wie wild zurück.
Glaubt man Macromedia, gehört die Zukunft den ‘Rich Internet Applications’. Seit einem Jahr verkündet der Hersteller, dass künftig erfolgreiche Websites aus Flash-Anwendungen bestehen sollen - mit kürzeren Ladezeiten, neuen Interaktionsmöglichkeiten und besserer Bedienbarkeit als ihre HTML-Vorgänger. Dazu werden in der Authoring-Software Flash MX entstandenen Anwendungen von einem Application Server dynamisch mit Inhalten gefüttert, während der Anwender schon klickt.
Butter bei die Fische: Anfang März stellte Macromedia seine eigene Homepage www.macromedia.com auf Rich Internet Applications um. Zunächst bekam der Surfer eine weitgehend leeres Seite zu sehen, in dem quälend langsame Fortschrittsbalken vor sich hin wanderten. Irgendwann flogen dann schwuppende Werbebotschaften vorbei. Oben links öffnete ein kleines Dreieck ein ‘Tray Menu’, über das man sich tief in die Macromedia-Website hineinklicken konnte - sofern man die Wartezeiten zwischen den Menüinstanzen hinnahm: ‘Bitte warten.’
Web-Designer und Internet-Journalisten reagierten mit Hohn, Spott und Empörung auf die neue Site. Lahm, verspielt, überflüssig - so soll die Zukunft aussehen? Immerhin: Macromedia reagierte schnell. Eine Woche später bestand nur noch das Banner aus Flash, der Rest war gutes altes HTML und lud entsprechend fix. Besucher der deutschen Macromedia-Seiten wurden zum Redaktionsschluss hingegen immer noch mit der vollen multimedialen Dröhnung begrüßt.
Innerhalb der Site sieht es weiterhin finster aus. Wehe dem, der tatsächlich etwas von Macromedia will. Produkt-Updates erhält nur, wer den aktuellen Flash-Player 6 installiert - und einen passenden Browser einsetzt. Surfer mit Opera oder gar Safari werden mit einer lakonischen Meldung ausgesperrt - ebenso wie Benutzer von Netscape 6 und Internet Explorer 4.
Wer sich breitschlagen lässt und mit Cookies, Flash 6, JavaScript und einem Macromedia genehmen Browser in die Site abtaucht, erlebt die nächste Überraschung: Sämtliche Formulare sind jetzt Flash-Filme. So hält die Site ihre Besucher jetzt nicht mehr mit neugierigen HTML-Formularen vom Download fern, sondern mit aufdringlichen Flash-Fragebögen (‘Wann planen Sie, das Produkt [...] zu kaufen?’). Die ‘Eingabehilfen’ versprechen zwar eine HTML-Alternative; die meisten Bereiche der Site laden dennoch weiterhin Flash-Animationen.
Derweil versuchen die Flash-Macher, das Unglück herunterzuspielen. In einem Lagebericht stuft Al Ramadan von Macromedia die erste Version der Site nachträglich auf Betastatus zurück. Er gibt sich abwechselnd selbstkritisch und zufrieden: Das aufwendige Tray Menu habe sich leider nicht bewährt. Aber immerhin hätten 3 Prozent der Besucher auf die Werbeaktion geklickt, ein toller Wert. Kunststück bei einem Banner, das ein Drittel der Seite füllt. Angeblich wurde die Site vor dem Launch ausgiebig von Usability-Experten wie Jakob Nielsen auf Tauglichkeit getestet - was eine solche Offenbarung über Usability sagt, sei dem Leser anheim gestellt. Man arbeite jedenfalls an weiteren Verbesserungen.
Dumm gelaufen. Da hat man sich endlich von einer kleinen Multimedia-Firma zum angesehenen Marktführer im Bereich Web-Development gemausert, und dann präsentiert man plötzlich das beste Beispiel für alles, was an Flash so oft kritisiert wird. Macromedia selbst bleibt jedenfalls den Beweis schuldig, dass die hauseigene Technologie mittlerweile zu mehr taugt als Werbung, Präsentationen und Menüs. Schade eigentlich - Rich Internet Applications, das klang schon irgendwie cool. (ghi)
Version zum Drucken | Per E-Mail versenden | Heft bestellen
Permalink: http://heise.de/-288758
Kommentare lesen (14 Beiträge)
Das aktuelle Heft ist jetzt im Handel erhältlich.
Ältere Artikel können Sie über unser Zeitschriften-Archiv bestellen.