Münchens IT-Beauftragter: "Es wird immer 'Gebrummel' über die IT existieren"

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In München hält die Debatte um das großangelegte Linux-Projekt LiMux weiter an, seit von oberster Stelle neue Kritik laut wurde. In einem Interview mit heise online nimmt der IT-Chef der bayerischen Landeshauptstadt Stellung zu den Debatten.

Angesichts der anhaltenden Kritik aus den Münchner Bürgermeisterstuben am bisherigen Prestigeobjekt LiMux hat c't beim IT-Chef der Landeshauptstadt, Robert Kotulek, Ursachenforschung betrieben. Der Leiter des Rathausdirektoriums versucht seit 2012, drei städtische IT-Häuser unter ein gemeinsames Dach zu bringen.

heise online: Um die IT in der Münchner Verwaltung gibt es mal wieder Wirbel. Es hat den Anschein, als ob der neue Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) und sein Vize Josef Schmid (CSU) die Linux-Migration lieber heute als morgen rückgängig machen würden. Können Sie sich erklären, woher die Unzufriedenheit rührt? Wo hakt es wirklich?

Robert Kotulek: Oberbürgermeister Reiter und Josef Schmid haben aus verschiedensten Bereichen Rückmeldungen zur städtischen IT erreicht, die sich im Kern mit der Frage beschäftigten, ob die IT der Landeshauptstadt insgesamt so aufgestellt ist, dass sie die Bedürfnisse der Nutzer jederzeit zufriedenstellend abdecken kann und auch leistungsfähig genug für eine moderne Großstadtverwaltung ist. Deshalb ist der Oberbürgermeister der Meinung, dass die Stadt München sich mit diesen Fragen offen auseinandersetzen muss. Es geht hier weder um persönliche Vorlieben noch individuelle Erfahrungen des OB mit Open Source.

heise online: Dem Vernehmen nach klagen Verwaltungsmitarbeiter vor allem über den Einsatz völlig veralteter Versionen etwa von Firefox, Thunderbird und OpenOffice, außerdem die Nutzung eines überholten Gruppenkalenders.

Robert Kotulek: Die Landeshauptstadt setzt derzeit noch Thunderbird und eine veraltete Kalenderversion ein. Seitens des Stadtrates wurde entschieden, ein neues Mail- und Kalendersystem einzuführen. Die bestehenden Mail- und Kalenderversionen werden im Jahr 2015 durch ein neues Mail- und Kalendersystem auf Basis von Kolab abgelöst.

heise online: Auch äußerst umständliche Anmeldeprozeduren auf Tablets und sehr restriktiv freigeschaltete Handys stoßen den Anwendern angeblich übel auf. Was ist da dran?

Robert Kotulek: Der Einsatz mobiler Endgeräte gestaltet sich in einer komplexen IT-Umgebung naturgemäß nicht so einfach wie im privaten Bereich. Insbesondere die höheren Sicherheitsanforderungen empfinden die Nutzer häufig als "umständlich". Eine höhere Flexibilität und Nutzerfreundlichkeit erwarten wir uns von der Neugestaltung unserer Netz- und Sicherheitsinfrastruktur. Auch hier wurde bereits ein entsprechendes Projekt aufgesetzt.

heise online: Was an der Kritik bezieht sich Ihrer Ansicht nach tatsächlich auf LiMux und zugehörige Open-Source-Software?

Robert Kotulek: Beide Themenbereiche haben ursächlich nichts mit der Frage LiMux oder Microsoft zu tun.

heise online: Ist die geplante Umstellung der LiMux-Rechner auf LibreOffice und eine andere Desktop-Oberfläche noch im September durchführbar? Welche Änderungen und Erleichterungen stehen damit für die Nutzer an?

Robert Kotulek: Noch 2014 stellen wir für LiMux ein neues Major Release zur Verfügung. Das Major Release 5.0 enthält neben einer neuen Benutzeroberfläche auch eine neue LibreOffice-Version, die aktuelle Weiterentwicklungen beinhaltet. Unter anderem ist die Möglichkeit des Dokumentenaustauschs mit anderen Betriebssystem deutlich verbessert.

heise online: Die Rede ist auch vom Einsatz oftmals veralteter Hardware in Münchner Amtsstuben, bürokratischen Verfahren und mangelnder Kommunikationsbereitschaft zwischen einzelnen Verwaltungsabteilungen. Funktioniert die Strategie der drei Häuser mit IT@M, Dika & Strac und der Parole der darauf basierenden "einen IT"?

Robert Kotulek: Innerhalb der Verwaltung sprechen die IT-Verantwortlichen davon, dass ein Großteil der letztjährigen Veränderungen erfolgreich waren, aber auch davon, dass es noch Nachjustierungsbedarf gibt. Zum Beispiel geht es darum, die neuen Prozesse noch besser auf die Bedürfnisse zuzuschneiden und näher an die Nutzer zu kommen. Es ist sicher richtig, dass sich der Gedanke der "einen IT" erst noch entwickeln muss und es auch Kommunikations- beziehungsweise Verständigungsschwierigkeiten gibt, gerade durch die Vielzahl der Veränderungen.

heise online: Die Rathausspitze hat das Direktorium damit beauftragt, die gesamte IT auf den Prüfstand zu stellen. Welche Schwerpunkte sollen dabei gelegt werden, welche konkreten Vorgaben gibt es für die Studie und ist eine solche Aufgabe überhaupt mit eigenen Mitteln in absehbarer Zeit zu meistern? Wann rechnen Sie mit Ergebnissen?

Wie sehr gehört LiMux zu München?
Vergrößern Wie sehr gehört LiMux zu München? Bild: Michael Nagy, Presse- und Informationsamt München/LiMux

Robert Kotulek: Oberbürgermeister Reiter hat aktuell die Verwaltung damit beauftragt, die Grundlagen für die Beauftragung eines externen Beratungsunternehmens zu erarbeiten. Folgende Fragen sollen dabei geklärt werden: Ist die städtische IT leistungsfähig genug, um den Ansprüchen an eine moderne Großstadtverwaltung gerecht zu werden? Kann sie die Bedürfnisse ihrer Nutzer jederzeit zufriedenstellend abdecken? Wie effizient ist unsere IT-Organisation? Wie wirtschaftlich ist sie? In diesem Zusammenhang ist natürlich auch die entsprechende Zeit- und Kostenfrage zu klären. Sobald die Ergebnisse vorliegen, wird der OB über das weitere Vorgehen entscheiden.

heise online: Was spricht derzeit allgemein für eine Rückkehr zu Microsoft, was für ein Bleiben bei Linux? Was würden Sie warum persönlich bevorzugen?

Robert Kotulek: Eine solche Frage lässt sich pauschal gar nicht beantworten und es darf auch nicht um den persönlichen Geschmack gehen. Es muss vielmehr darum gehen, die Aufgabenerfüllung der Fachbereiche bestmöglich zu unterstützen.

heise online: IT-Experten des Münchner Stadtrats stehen derzeit größtenteils hinter LiMux, wollen dem nicht näher definierten "Gebrummel" in der Verwaltung auf die Spur kommen und die Abläufe im IT-Bereich straffen. Sind die Parlamentarier gut beraten?

Robert Kotulek: Das "allgemeine Gebrummel" muss und wird dahingehend ernst genommen werden, dass die konkreten Ursachen analysiert werden. Dazu gehört auch, bestehende Schwachstellen zu verbessern, unabhängig davon, ob es sich um Hardware, Office-Produkte oder Fachanwendungen handelt und welche Abläufe zu lange dauern. Dabei nicht zuletzt auf einen repräsentativen Querschnitt der Anwender zu hören, ist sicher unabdingbar, denn diese kennen ihre Probleme am besten.

In einer Studie von Computacenter und PAC konnte man kürzlich lesen, dass 60 Prozent der befragten Mitarbeiter mittlerer und großer Unternehmen ihre heutige IT-Arbeitsumgebung für "nicht zeitgemäß" halten. Deshalb muss man sich bei allen notwendigen Anpassungen bewusst sein, dass gerade in großen Organisationen wie der Stadtverwaltung München immer ein gewisses "Gebrummel" über die IT existieren wird.

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