Wem die händische Erstellung seiner wachsenden Webpräsenz über den Kopf wächst, sucht früher oder später nach einer automatisierten Lösung seiner Probleme. Unter MacOS und Windows findet die objektorientierte Datenbank Frontier daher immer mehr Freunde. In der Version 6 lässt sich das skriptgesteuerte Programm sogar durch Browser-Aufrufe steuern.
Frontier ist eine objektorientierte Datenbank, die ihre Inhalte in Form von Webseiten ausgibt. Dazu enthält die Software die eigene Skriptsprache UserTalk. Durch die Kombination ihrer ‘Verbs’ genannten Grundbefehle entstehen neue Kommandos, die man gleichberechtigt mit den eingebauten Funktionen benutzen kann. Zahlreiche in Frontier implementierte Features sind ihrerseits als Skripte implementiert.
Die Version 5 erzeugte in erster Linie statische HTML-Seiten und schrieb die dabei entstehenden Dokumente wahlweise auf die lokale Festplatte oder direkt auf einen Webserver. Unter dem Codenamen ‘Betty’ führte der Hersteller UserLand den so genannten Responder ein: ein Skript, das auf http-Anfragen reagiert und dem Benutzer dynamisch generierte Seiten zurücksendet - sowohl an Besucher als auch an den Betreiber der Site. Seinerzeit mutete dieses Konzept noch etwas exotisch an, doch bei Version 6 entwickelt sich der Browser zu einem wesentlichen Interface für Frontier.
Die vereinheitlichte und weiterentwickelte Version von Betty heißt jetzt ‘Main Responder’. Dieser macht Frontier zu einem Webserver der besonderen Art; er liefert dem Besucher flexibel Informationen aus der Datenbank zurück, je nach Konfiguration und aufgerufener URL. Dabei kann es sich um Dateien vom Server handeln, HTML-Dokumente, ganze Websites aus der Frontier-Objektdatenbank, Listings, Ergebnisse von Skriptaufrufen oder auch HTML-Formulare zur Serverkonfiguration.
Im Laufe der Entwicklung des Main Responder erweiterten die UserLand-Programmierer ihre Website kontinuierlich um neue ‘Web-Anwendungen’. Diese dienen einerseits dem Debugging, andererseits demonstrieren sie, wie schnell und einfach man mit Frontier 6 neue Online-Interaktionsmöglichkeiten umsetzen kann.
Zu den Beispielanwendungen gehören unter anderem ein Web-basiertes Diskussionsforum (http://discuss.userland.com) sowie eine eigene Channel-Architektur für beliebte News-Websites (http://my.userland.com). Ein Höhepunkt ist das charmante http://www.mailtothefuture.com: Der Dienst ermöglicht es, sich selbst oder anderen Leuten zu einem festlegbaren Zeitpunkt E-Mails zu senden, beispielsweise einen Geburtstagsglückwunsch oder eine Terminerinnerung.
Registrierte Anwender finden die Anwendungsskripts auf dem ftp-Server des Herstellers. Die meisten liegen in separaten Objektdatenbanken, so genannten Guest Databases, zur Einbindung in das Hauptprogramm vor.
Angehende UserTalk-Programmierer können viel beim Studium und Nachbau dieser Skripte lernen, doch auch fortgeschrittene Anwender profitieren von den Beispielen: Mit der Einführung des Main Responder ändert sich der Stil der Sprache ein wenig; sie wurde abstrakter und gleichzeitig Internet-spezifischer. Damit eignet sich Frontier auch zur schnellen Konzeption von Web-Applikationen, die man später auf einer anderen Plattform oder auf einem leistungsfähigeren Webserver in einer Hochsprache implementieren will.
Frontier setzt auf dem Datenaustauschprotokoll XML-RPC auf (in XML kodierte Remote Procedure Calls), das UserLand in Zusammenarbeit mit Microsoft entwickelt hat. Mittlerweile liegen Schnittstellen für ASP, Java, Perl, PHP, Python und tcl/tk vor. Da die Software auch SQL unterstützt, kann Frontier auf die meisten im Web gebräuchlichen Datenquellen zurückgreifen.
Doch auch auf dem lokalen Rechner selbst wurde Frontier gesprächiger. Die neue Windows-Version holt hier Funktionen auf, die der MacOS-Variante schon länger zur Verfügung standen. Wo auf dem Apple-Betriebssystem ein AppleEvent-Aufruf steht, findet sich unter Windows das Frontier-Verb com.callScript. Dessen Parameter legen den Skriptcode, die zu verwendende Sprache (typischerweise VBScript, JScript oder PerlScript), die aufzurufende Subroutine und weiterzureichende Parameter fest.
Damit alles funktioniert, muss das Microsoft Script Control auf dem Server installiert sein. Auf Rechnern mit Windows Scripting Host kann Frontier per com.callScript auch die Windows-Shell fernsteuern. Umgekehrt ist Frontier selbst ein COM-Server, den man beispielsweise per VBScript steuern kann.
Neue Funktionen wie die http-Serverkomponente und Guest Databases erweitern Frontier zum idealen Werkzeug für webbasierten Workflow. Einsteiger werden etwas verwundert nach einer gedruckten Dokumentation suchen; diesen Mangel kompensiert die Online-Dokumentation nur bedingt. Durchbeißen lohnt sich aber: Die UserLand-Website, die exzellenten Frontier-Mailinglisten sowie das Online-Diskussionsforum beantworten alle offenen Fragen. (ghi)
[1] Christoph Pingel, Metamorphose, Frontier 5.1 - Website-Management für MacOS und Windows 95/NT, c't 19/98, S. 90
[2] Christoph Pingel, Grenzgänger, Apple-Scripting mit Userland Frontier, c't 7/97, S. 73
[#anfang Seitenanfang]
| Frontier 6 | |
| Hersteller | UserLand Software, http://frontier.userland.com/ |
| Systemanforderungen | Windows 95/NT, MacOS |
| Preise | zwischen 100 US-$ (Studentenversion) und 6000 US-$ (Partnerlizenz) im Jahr |
Version zum Drucken | Per E-Mail versenden | Heft bestellen
Permalink: http://heise.de/-287218
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