Drohungen, die vermeintlich rechtsfreien Maschen des Internet zu be- und zerschneiden, gab es in letzter Zeit vermehrt. Allerdings blieb es der Scientology-Sekte vorbehalten, den latenten Druck in eine wirksame Strategie umzusetzen.
Die Newsgroups des Internet geben ein beliebtes Forum ab, um weltweit zu diskutieren oder bestimmte Informationen zu verbreiten. Wer seine Identität in diesen Foren nicht offenbaren möchte, kann seine EMail-Adresse mit Hilfe spezieller Mailserver [#anonym anonymisieren]. Für den Wunsch nach Anonymität lassen sich leicht Gründe finden, etwa weil man die Menschenführung seines des Arbeitgebers öffentlich brandmarken oder sich als homosexueller Priester bekennen will. Bislang genoß die Sicherheit des Anonymisierverfahrens hohe Wertschätzung, denn die Betreiber der Server hatten sich samt und sonders zur strikten Geheimhaltung der Klarnamen verpflichtet.
Seit Anfang Februar kann diese Einschränkung jedoch nicht mehr gelten. Zu dieser Zeit erhielt Jan Helsingius, Betreiber eines bekannten finnischen Anonymisierers, nacheinander Anrufe von Scientology und der finnischen Polizei. Beide verlangten die Herausgabe des Klarnamens eines Autoren, der seine Newsgroup-Beiträge (Postings) durch Helsingius' Server hatte anonymisieren lassen. Die Scientology-Sekte hatte in einer Copyright-Klage die finnische Polizei via FBI und Interpol zur Ermittlung des Namens aufgefordert, weil irgend jemand angeblich interne Dokumente aus einem Sektenrechner kopiert und in der Newsgroup 'alt.religion.scientology' anonym veröffenlicht haben sollte.
Der finnische Server blieb nicht das einzige Opfer der Sektenaktivitäten: Dennis Erlich, ehemaliger Scientology-Angestellter, hatte Teile der angeblich gestohlenen Dokumente ('Scamizdat-Papiere') wiederholt in der Newsgroup verbreitet, um das absurde Denken des Sektengründers L. R. Hubbard öffentlich zu machen. Am 13. 2. drangen Scientology-Agenten in Begleitung mehrerer Privatdetektive und eines Bundesmarschalls unter Vorlage eines Durchsuchungsbefehls in die Wohnung Erlichs ein. Hier löschten sie Erlichs Festplatte, nachdem sie deren Inhalt kopiert hatten. Überdies reichte Scientology eine Klage wegen Verstosses gegen das Urheberrecht und Verrats von Betriebsgeheimnissen ein.
Die Klage weist eine Besonderheit auf, die für die Zukunft von Online-Diensten ausschlaggebend sein könnte: Scientology hat nicht nur Erlich, sondern auch dessen Dial-Up-Provider Klemensrud sowie dessen Internet-Provider Netcom verklagt. Nach Auffassung der Sekte sind beide Provider für die über ihre Dienste ins Internet gebrachten Inhalte verantwortlich, Klemensrud oder Netcom müßten durch technischen und personellen Einsatz dafür sorgen, daß ihre Kunden kein urheberrechtlich geschütztes Material in Verkehr bringen können. So schlägt Scientology vor, Erlich vom Intenet-Zugang auszuschließen beziehungsweise seine Postings zu zensieren. Sollten sich derartige Rechtsauffassungen durchsetzen, wären die Provider zu zeit- und kostenintensiven Kontrolmaßnahmen gezwungen, die Infobahn verkäme zum Lauschpfad.
Bevor Scientology den legalen Weg zur Interessendurchsetzung beschritt, haben sich Anhänger der Sekte anscheinend auch illegaler Methoden bedient. Die inkriminierten Postings tauchten nämlich schon Anfang des Jahres in der Newsgroup auf. Wenig später durchliefen 'Cancel-Messages' das Internet, mit denen die entsprechenden Postings von den News-Servern gelöscht werden sollten und deren Urheber nicht mit den ursprünglichen Absendern identisch waren. Kritiker orten die Herkunft der Löschversuche besonders deshalb im Scientology-Umfeld, weil die Messages einen Hinweis auf Copyright-Verletzungen enthielten. Die Chefanwältin der Sekte, Helena Kobrin, setzte überdies mit derselben Begründung eine 'rmgroup'-Message unter Klarnamen an das Usenet ab, um die Scientology-Newsgroup von den Servern zu entfernen – womit sie zum Glück keinen Erfolg hatte.
Nachdem diese Praktiken sich herumgesprochen hatten, legte nicht nur die 'Electronic Frontier Foundation' (EFF) scharfen Protest bei der Sektenführung ein. Anwältin Kobrin rechtfertigte ihren Löschversuch mit der permanenten Verletzung des Urheberrechts in der Newsgroup. In einem Interview mit der BBC versuchte sie Mitte Mai, die Wogen zu glätten. Sie bestritt, daß die Sekte einen juristischen und elektronischen Krieg gegen das Usenet führt und versuchte, die gesamte Affäre auf den Copyright-Aspekt zu reduzieren. Dabei verglich sie die juristische Position der Sekte mit der von Firmen wie Disney oder IBM – eine aufschlußreiche Aussage, die die zukünftige Einordnung von Scientology als normales Wirtschaftsunternehmen sicher erleichtern wird. (kn)
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