Die Zeiten, in denen Navigationsgeräte ihren Weg allein mit Hilfe von Vektor-Kartenmaterial und GPS-Signal finden, sind wohl bald vorbei. Erste Geräte können mit permanenter Mobilfunk-Internetverbindung und Web-Communities nicht nur auf aktuelle Geschehnisse reagieren, sondern helfen auch bei der Auswahl der billigsten Tankstelle oder einem passenden Restaurant.
Nur noch ein kleiner Teil der Navi-Hersteller versucht weiterhin, ausschließlich mit niedrigen Preisen oder praller Ausstattung auf Kundenfang zu gehen. Selbst Extras wie TMC-Staumelder, Bluetooth-Freisprecheinrichtung, umfangreiches Kartenmaterial und hübsches Design reichen womöglich bald nicht mehr aus, um potenzielle Kunden zu überzeugen. Stattdessen sollen flexible Konzepte das Navi zum ortskundigen Assistenten für jede Lebenslage machen: ob in Feld, Wald und Wiese oder in der Stadt und auf der Straße.
Dafür braucht ein Navi einen Datenkanal, der ihm die schnelle Abfrage von Informationen ermöglicht. Momentan kommt hierfür nur Mobilfunk in Frage, der nahezu flächendeckend in Deutschland vorhanden ist und genügend hohe Datentransferraten bietet. Obwohl es Handys mit Navigationsfunktion schon seit mehreren Jahren gibt, versäumten die Hersteller bisher, ausgefeilte Echtzeit-Navi-Dienste in ihre Mobiltelefone zu implementieren.
Die Navi-Hersteller müssen sich hingegen mit den Mobilfunk-Providern über entsprechende Tarif-Modelle einigen, was TomTom mit Vodafone gelungen ist. Bei den kürzlich vorgestellten Navi-Modellen Go 940 Live und Go 740 Live handelt sich um die ersten echten „Connected Navis“ mit fest integrierter Mobilfunk-Karte. Erstmals ist ein PNA permanent mit dem Internet verbunden und hat zu jeder Zeit Zugriff auf aktuelle Informationen über Verkehrs- und Wetterlage. Demnächst soll der Nutzer auch nach der günstigsten Tankstelle in der Nähe suchen und das Gerät um zusätzliche Internet-Dienste erweitern können. Monatlich fällt für die Verbindung zum Vodafone-Netz ein fester Obolus von 9,95 Euro an; der Kunde zahlt in den ersten drei Monaten keine Gebühr und kann den Vodafone-Vertrag monatlich kündigen. Als Handy oder Datenmodem fürs Notebook ist das Gerät allerdings nicht zu gebrauchen.
Mit diesen Mobilfunk-Navis hält der in den Niederlande schon letztes Jahr gestartete Verkehrsdienst HD Traffic Einzug in Deutschland: Mit Hilfe von Vodafone misst TomTom die Anzahl von Handy-Nutzern auf einer Straße und kann so Rückschlüsse auf die Verkehrsdichte ziehen. Wer allerdings im Ausland unterwegs ist, muss sich wieder mit der bestenfalls von TMC unterstützten Standard-Navigation zufriedengeben.
Schon die aktuellen TomTom-Geräte ohne Mobilfunkanbindung merken sich Profile gefahrener Strecken oder Kartenkorrekturdaten, die der Navi-Nutzer an den TomTom-Server übertragen kann, wenn er das Navi an seinen PC anschließt. Diese Daten können sich andere Anwender (wahlweise nach redaktioneller Überprüfung) herunterladen, zudem profitiert der Kartenhersteller Tele Atlas – der praktischerweise mittlerweile TomTom gehört – davon und kann so seine Karten schneller aktualisieren und mit neuen Merkmalen versehen. Um möglichst viele Nutzer in seine Web-Community einzubinden, schenkt TomTom inzwischen jedem, der ein neues Gerät erwirbt und sich innerhalb von 30 Tagen an der TomTom-Home-Webseite anmeldet, aktuelles Kartenmaterial. Mit den Connected Navis wird dieser Dienst wohl viele neue Nutzer gewinnen, weil der umständliche Schritt entfällt, das Navi zum Internetkontakt an einen PC anzuschließen.
Auch andere Navi-Hersteller haben erkannt, dass früher oder später das Internet eine wichtige Rolle für die Navigation spielen wird: Bereits seit über einem halben Jahr kündigt Garmin mit seinem Nüvifone ein Navi-Handy an, mit dem man im Unterschied zu den TomTom-Geräten auch telefonieren können soll. Bislang kann Garmin aber nur funktionslose Prototypen vorweisen. Auch bleibt noch offen, welche Dienste das Gerät bieten wird und welcher Mobilfunk-Provider für den Datenfunk verantwortlich sein wird. Bis Garmin sein Connected Navi anbieten kann, geht wohl noch ein Neujahrsfest vorüber.
Bleibt abzuwarten, ob sich Garmin dann nicht schon einer größeren Konkurrenz gegenübersteht, denn Microsoft bietet mit dem Embedded-Betriebssystem Windows Embedded NavReady 2009 alles, was ein Hersteller zum Entwerfen eines Navis braucht, inklusive Programme zur Abfrage von Internet-Diensten – die natürlich von Microsoft zur Verfügung gestellt werden.
Schon längst haben zahlreiche Internetnutzer Portale für Geocaching, Kartenerstellung, GPS-Fotos und Reiserouten für sich in entdeckt. Mit dem Internet-Navi haben sie wohl bald die Chance, diese Internetdienste auch unterwegs zu nutzen.
Wer bei den Navi-Herstellern weiter vorne mitspielen will, muss früher oder später das Internet als Service-Plattform einbinden. Mit Hilfe von erweiterbaren Webdiensten werden Navis schneller und individueller auf die Bedürfnisse der Nutzer reagieren können.
Auch die Mobilfunk-Provider profitieren davon: Sie erschließen so einen völlig neuen Kundenkreis, was ihnen die Möglichkeit gibt, abseits des hart umkämpften und relativ abgegrasten Handy-Marktes Navi-Nutzern einen zweiten Mobilfunkvertrag unterzujubeln. Gleichzeitig könnte das Geräte-Sponsoring der Provider vielleicht bald auch bei Navis zur Anwendung kommen. Genau wie bei Handys wäre das Ein-Euro-Navi denkbar, welches erst durch kostenpflichtige Dienste in Betrieb genommen werden kann.
Die Hersteller zeigen mit den ersten Connected Navis, wo es langgeht. Im Gespann mit Reiseführer-Funktion und Offroad-Wanderhilfe rückt zum ersten Mal das dynamische Universal-Navi in greifbare Nähe. Bis es in den Läden steht, wird nicht mehr allzu viel Zeit ins Land gehen.
(dal)
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