Open Source Business [Update]

Wissen | Reportage

Heutzutage werden viele Open-Source-Anwendungen von Firmen gezielt für die Bedürfnisse des Markts entwickelt. Aber wie verdient man Geld mit Software, die letztlich verschenkt wird – und wer finanziert den Open-Source-Boom?

Open Source, so lautet ein altes Vorurteil, ist Hackerspielzeug, Software, die von Geeks für Geeks geschrieben wird. Die Realität sieht längst ganz anders aus: Viele aktuelle Open-Source-Anwendungen werden wie ihre proprietären Gegenstücke von Softwarefirmen für die Bedürfnisse des Markts entwickelt – die Datenbank MySQL, die ERP-Anwendung Compiere oder die JBoss Enterprise Middleware Suite seien als Beispiele genannt.

Und obwohl jedermann die Software kostenlos aus dem Internet herunterladen und nach Belieben einsetzen kann, haben diese Firmen Businessmodelle – Businessmodelle, die auf Risikokapitalgeber überzeugend genug wirken, um Geld zu investieren: Sechs Millionen US-Dollar für ERP-Hersteller Compiere im Juni dieses Jahres, acht Millionen für den Business-Intelligence-Anbieter Pentaho im Juli, 20 Millionen für den PostgreSQL-Spezialisten EnterpriseDB und knapp 14 Millionen für Digium, Hersteller der Telefonie-Software Asterisk, im August. Offenbar sehen die Investoren gute Möglichkeiten, mit Open Source für den Unternehmenseinsatz Geld zu verdienen.

Schaut man auf die Anfänge der Open Source, hat hier eine ganz erstaunliche Entwicklung stattgefunden. Die Open-Source-Kultur aus freien Entwicklern, die in den siebziger und achtziger Jahren rund um Unix entstand, dachte nicht an Profite, Patente und Copyrightansprüche. Man schrieb (vielfach in der Freizeit) Software für die eigenen Bedürfnisse und stellte sie Gleichgesinnten im Quelltext zur Verfügung, damit die sie an eigene Anforderungen anpassen und verbessern konnten. Das (immer noch von freier Software wie Apache, Bind und PHP geprägte) Internet hätte ohne diese Community ebensowenig entstehen können wie Linux.

Exemplarisch für die frühe Open-Source-Bewegung und ihre Ideen ist die 1985 von Richard M. Stallman gegründete Free Software Foundation (FSF). Die FSF spricht von freier Software; frei, um das alte Bonmmot zu zitieren, nicht im Sinne von Freibier, sondern von Freiheit. Aber in den Idealen der FSF – ein Aufsatz von Richard M. Stallman trägt den Titel Why Software Should Not Have Owners – und dem Konzept des Copyleft schwingt auch ein deutlicher antikommerzieller Ansatz mit: Die Freiheiten, die die von der FSF formulierte GNU General Public License (GPL) (bis heute die wichtigste Open-Source-Lizenz) fordert, sind mit dem traditionellen Lizenz-Geschäft à la Microsoft unvereinbar. Wenn jeder Anwender das Recht hat, eine Software beliebig einzusetzen und sie unverändert oder modifiziert an andere weiterzugeben, lässt sich diese Software kaum noch für teures Geld verkaufen.

Dennoch entdeckten mit dem einsetzenden Linux-Boom Mitte der Neunziger Jahren erste Unternehmen, dass auch freie Software kommerzielle Möglichkeiten bietet. Linux-Distributoren wie Suse (heute Teil von Novell) und Red Hat begannen damit, Dienstleistungen, Support und Know-how rund um Linux und andere freie Software zu verkaufen.

Da die FSF freie Software bewusst als Gegenbewegung zur Kommerzialisierung der Software-Welt konzipiert hatte, suchte man nach einem anderen Begriff. Eric S. Raymond, populärer Unix-Hacker, und Bruce Perens, der damals das Debian-Projekt koordinierte, prägten 1998 den Begriff Open Source. Obwohl die Open-Source-Definition der Open Source Initiative (OSI) inhaltlich identisch mit freier Software im Sinne der FSF ist, ist der Begriff weniger ideologiebeladen und konzentiert sich stärker auf technische Aspekte – vor allem die Besonderheit des Open-Source-Entwicklungsmodells, das den Quelltext nicht mehr als Geschäftsgeheimnis betrachtet und so jedem Interessierten die Möglichkeit bietet, sich aktiv an der Weiterentwicklung zu beteiligen.

Mit dem Entstehen eines ersten Open-Source-Business rund um Linux änderten sich auch die Bedingungen, unter denen OSS produziert wird. Die Linux-Distributoren investierten in Open Source, indem sie Entwickler in wichtigen Open-Source-Projekten einstellten. Der Deal: Die Programmierer werden für ihre Arbeit im Projekt bezahlt und so von der Notwendigkeit befreit, noch einem anderen Broterwerb nachgehen zu müssen. Dafür gewinnt der Arbeitgeber Einblick in und Einfluss auf die Strukturen und Entwicklungen in den Projekten.

Mit der zunehmenden Bedeutung von Linux und anderer OSS – Samba als Alternative zu Windows-File- und -Print-Servern, LAMP (Linux, Apache, MySQL und erst Perl, später auch Python und PHP) als Webserverumgebung – engagierten sich immer mehr etablierte IT-Unternehmen von SAP bis IBM mit einer ähnlichen Strategie: Heutzutage sind beispielsweise fast alle zentralen Entwickler des Linux-Kernels bei Unternehmen oder Organisationen angestellt, die ein Interesse an Linux haben. Hardwarehersteller bezahlen für die Entwicklung von Treibern oder die Portierung von Software auf ihre Plattformen, Systemhäuser und Softwarehersteller für die Entwicklung benötigter Software. Im Sommer dieses Jahres fand eine Studie, dass mindestens 42 Prozent der Arbeit in Open-Source-Projekten bezahlt wird.

Gleichzeitig begannen die im Linux-Umfeld egagierten etablierten IT-Firmen, strategisch in Unternehmen zu investieren, die im Open-Source-Markt aktiv waren. 2001 beispielsweise steckte in der Nürnberger Suse GmbH Geld unter anderem von HP, IBM, Intel, SGI und über e-millennium SAP – Unternehmen, mit denen das Linux-Haus auch in technischen Partnerschaften zusammenarbeitete. Aber auch immer mehr Risikokapitalgeber wurden aufmerksam:So stiegen die deutschen VCs Apax und Adastra bei Suse ein. Deren Interesse dürfte nicht zuletzt durch den überaus erfolgreichen Börsengang von Red Hat im Sommer 1999 geweckt worden sein.

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