Nach zweieinhalb Jahren der Systementwicklung ist es endlich soweit: Auf dem kleinen ungarischen Flughafen Debrecen nahe der rumänischen Grenze beginnt im November der Test eines Überwachungssystems, bei dem der Flughafenbetreiber jederzeit weiß, wo sich welcher Passagier befindet.
OpTag, so der Projektname des von der EU mit 2,2 Millionen Euro geförderten Systems, baut auf eine Kombination von hochauflösenden Videokameras, hochempfindlichen Ortungsantennen und aktiven RFID-Chips, die fortlaufend ihre Position senden. Auf den batterieversorgten Chips der Firma Innovasion, die in die Bordkarten der Passagiere einlaminiert sind, sind ID-Nummern gespeichert, die als Puls auf der Frequenz von 5,8 MHz zweimal in der Sekunde gesendet werden. Im Abstand von 10 bis 20 Metern angebrachte Antennen empfangen dieses Signal, ein Rechnersystem trianguliert alsdann die aktuelle Position der Bordkarte und damit des Passagiers. Die ID-Nummer und Position wird an ein Videoüberwachungssystem übergeben, das neben den Videobildern rote und grüne Punkte auf einem aktiven Gebäudeplan produziert. Die Farbe ist dabei abhängig von der Zeit, die bis zum Beenden der Einsteigeprozedur eines Fluges bleibt. Bei Bedarf lassen sowohl im Videobild als auch im Lageplan alle Flugdaten des Passagiers über die ID-Nummer abrufen.
Dieser Bedarf ist etwas kurios, wenn man bedenkt, dass der ehemalige Militärflughafen Debrecen einer der kleinsten Airports in Europa ist und ziemlich überschaubar: OpTag testet hier offiziell ein System, das verspätete Passagiere aufspürt, die nach dem Ende der Einsteigezeit noch im Flughafen herumlaufen. Ein Bestandteil des Gesamtsystems sind aktive LCD-Monitore, die einem Passagier in der Nähe Nachrichten mitteilen können: „Herr Heise! Bitte begeben Sie sich sofort zum Gate 8 hier entlang.“ Zehn Prozent aller Verspätungen im internationalen Flugverkehr gehen angeblich auf die Personengruppe der Trödler zurück. Wichtigster Ansprechpartner des OpTag-Konsortiums ist darum nach eigenen Angaben die Firma Airbus. Sie hat den bestellenden Fluggesellschaften eine Technik versprochen, wie 700 Passagiere, die in einen Airbus A 380 passen, ohne große Verzögerungen an Bord gelangen können. In Debrecen könnte die Wuchtbrumme, die derzeit mit verspäteten Auslieferungsterminen für Schlagzeilen sorgt, allerdings überhaupt nicht landen.
Auch vor der Ära des A380 sind RFID-Chips nicht sonderlich sensationell auf den Flughäfen dieser Welt. Wer in Las Vegas, Paris, Amsterdam oder Hongkong sein Gepäck aufgibt, hat einen solchen passiven Chip in dem Aufkleber, der auch mit dem herkömmlichen Barcode bedruckt wird. Hier soll die RFID-Technik dafür sorgen, dass sich das Gepäck nicht nach Barbados verfliegt, während der Besitzer in Frankfurt/M. landet. Wo über 22 000 RFID-Chips die Wartungsintervalle von Brandschutzklappen überwachen helfen.
Auch aktive RFID-Chips, die mit eigener Stromversorgung über größere Distanzen funken, gibt es bereits als Karten oder Anhänger. Von NEC produzierte RFID-Bordkarten und -Lesegeräte werden am Fährterminal von Singapur eingesetzt, um Passagiere zur korrekten Abfahrtszeit auf die richtige Fähre zu lotsen. Bei Federal Express werden auf 915 MHz sendende aktive Bordkarten für speziell versicherte oder temperaturempfindliche Sendungen verwendet. Die von Identec Solutions produzierten Anhänger senden nicht nur eine ID-Nummer über maximal 30 Meter, sondern auch die aktuelle Temperatur eines Transportbehälters. Der große Nachteil dieser Technik: Die Flugzeuge müssen einzeln von der Flugaufsichtsbehörde dahingehend zertifiziert werden, dass ihre Bordelektronik nicht von den quasselnden Chips irritiert wird.
Dass das OpTag-System wesentlich mehr leisten kann, als notorische Zuspätkommer in den Flieger zu dirigieren, ist schon am Titel des EU-Forschungsprojekts erkennbar: „Improving Airport Efficiency, Security and Passenger Flow by Enhanced Passenger Monitoring.“ Drei universitäre Forschungsinstitute und acht Firmen testen die Systemkomponenten für eine Reihe von möglichen Einsatzszenarien. Geprüft wird etwa, ob Passagiere unbeobachtet ihre Bordkarten tauschen können oder ob das System biometrische Angaben des Flugpassagiers speichern soll. So besitzt OpTag nach Angaben des Projektleiters Paul Brennan bereits eine Schnittstelle zu einem Gesichtserkennungssystem. Brennan, Professor am Fachbereich Elektronik des University College of London (UCL), ist sich sicher, dass das System in viele Richtungen ausgebaut werden kann. Eines der in Debrecen untersuchten Szenarien ist die Koppelung der Ortungstechnik an die Videoaufnahmen von speziellen Rundumkameras der französischen Firma Photonic Science. In ihrem Dome-System arbeiten acht Einzelkameras, die sich getrennt zoomen lassen, mit einem Aufnahmesystem zusammen, das automatisch „verdächtige Bewegungen“ aufzuzeichnen vermag. Dank OpTag kann jeder Bewegung sofort der entsprechende Passagier zugeordnet werden. Im OpTag-Konsortium wird betont, dass die Tests allgemein die Sicherheit von Flughäfen erhöhen sollen. Ob aktive Bordkarten auch im Innern eines Flugzeugs die Passagiere kontrollieren können, ist nicht Bestandteil dieses Forschungsprojektes.
Für die Passagiere in Debrecen hat die tschechische Firma Compex eine Animation produziert, die das System erklären soll. In ihr wird gezeigt, wie Sicherheitskräfte mit Hand-Lesegeräten sich unauffällig unter die Passagiere mischen, jederzeit bereit, Verdächtige zu verhaften. Die amerikanische Verbraucherschutzorganisation CASPIAN kritisierte das Video als „Überwachungshorror im Sowjet-Stil“.
(hps)
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