Patente gegen Open Source

Wissen | Reportage

In dem Konflikt zwischen IBM und dem Mainframe-Emulator Hercules geht es um Wettbewerb, Lizenzbestimmungen, Patente – und einen bequemen Migrationspfad für Mainframe-Anwender.

Hercules ist ein Emulator für IBM-Mainframes (S/370, S/390 und System z), der als Open Source für Linux, Windows, Solaris, FreeBSD und Mac OS erhältlich ist und bereits seit vielen Jahren entwickelt wird. Das einzige Problem des Emulators: Um ihn verwenden zu können, braucht man ein Mainframe-Betriebssystem von IBM – und dessen Einsatz gestattet IBM in seinen Lizenzbedingungen eigentlich nur auf der eigenen Hardware.

TurboHercules SAS ist ein französisches Start-up, das Unternehmenslösungen auf Basis dieses Emulators vermarktet. Derzeit bietet es eine Disaster-Recovery-Lösung an, entweder in Form einer Appliance (HP-Server mit zwei Quadcore-Prozessoren von Intel, 32 GByte RAM und 10 TByte RAID-5-Storage als Einstiegskonfiguration) oder als Software zur Installation auf eigener Hardware. Darauf sollen die Mainframe-Anwendungen laufen, falls der Großrechner doch mal ausfällt. Disaster Recovery gehört nämlich zu den wenigen Situationen, in denen IBM des Einsatz seiner Mainframe-Betriebssysteme auch auf Nicht-IBM-Hardware gestattet.

Nun könnte TurboHercules seinen Mainframe-auf-x86-Emulator an viel mehr Anwender verkaufen, wenn die bei IBM ganz offiziell ein z/OS zum Einsatz auf beliebiger Hardware kaufen könnten – manche ursprünglich für den Mainframe entwickelte Anwendung wäre sicher auch mit der Performance und Zuverlässigkeit aktueller x86-Server zufrieden. Daher fragte Roger Bowler, Mitgründer von Hercules-Projekt und TurboHercules, im Juli 2009 bei IBM an, ob das Unternehmen z/OS nicht zu "vernünftigen und fairen Bedingungen" auch an Nicht-System-z-Käufer lizenzieren könne.

IBM wiederum kann viel mehr Mainframes verkaufen, wenn sich der Kundenkreis nicht auf die Anwender beschränkt, die die berühmten 99,999... Prozent Mainframe-Verfügbarkeit brauchen, sondern wenn alle Unternehmen, die noch irgendwelche für die Mainframe-Umgebung entwickelte Software einsetzen, auch einen Mainframe verwenden. Um diesen komfortablen Zustand zu erhalten, schrieb IBM im November zurück, würde man die Lizenzbedingungen lieber lassen, wie sie sind. Und TurboHercules wisse doch sicherlich, dass IBM zahlreiche Patente rund um die Technologie in seinen Mainframes halte?

Auf eine Rückfrage von Bowler schickte Mark S. Anzani, Vizepräsident und CTO von IBMs System-z-Sparte, im März diesen Jahres "zur Verdeutlichung" und "zur Information" einen Brief mit einer langen, dennoch "nicht vollständigen" Liste der Patente, die die eigene Mainframe-Technologie absichern – zusammen mit dem Hinweis, dass IBM vermute, dass ein Mainframe-Emulator das eine oder andere dieser Patente verletzen könnte. TurboHercules wiederum hat eine Beschwerde bei der EU-Kommission wegen IBMs Geschäftspraktiken im Mainframe-Geschäft eingelegt.

All das wäre Business as usual zwischen zwei IT-Firmen, bei denen der Große seine Patente in Anschlag bringt und der Kleine starke Verbündete sucht, um überhaupt eine Chance auf dem Markt zu kriegen. Aber es gibt eine Besonderheit: IBM ist ein großer Open-Source-Förderer, zumindest in Bereichen, wo Open-Source-Software – etwa Linux – den eigenen Geschäften nutzt; und das Unternehmen hat bereits 2005 500 seiner Patente zur Nutzung durch Open-Source-Projekte freigegeben. Und just zwei Patente dieser Liste sind jetzt in dem Schreiben an TurboHercules aufgeführt. IBM droht also einem Unternehmen, das eine Open-Source-Software vermarktet, mit Patenten, deren freie Nutzung in Open-Source-Projekten des Unternehmen ausdrücklich gestattet hat.

Kein Wunder, dass das für eine schlechte Presse sorgt. Florian Müller, Gründer der NoSoftwarePatents-Initiative, wirft IBM vor, sein Versprechen gebrochen zu haben – und geht gleich einen Schritt weiter: Die Zusicherung sei überhaupt nie ernst gemeint gewesen. IBM wiederum kontert, TurboHercules sei lediglich ein Trittbrettfahrer, der von den massiven Investitionen des Unternehmen in seine Mainframe-Technik profitieren wolle.

Unschön ist die Sache allemal. Egal, ob lediglich jemand beim Zusammenstellen der Patentliste unaufmerksam war oder ob sich das Unternehmen tatsächlich nicht mehr um die Versprechungen von vor fünf Jahren schert: Ein gutes Licht wirft das nicht auf IBM. Und Open Source gut zu finden, wenn sie – wie Linux – den eigenen Geschäftsinteressen dient, aber aus allen Rohren zu feuern, wenn sie dem eigenen Umsatz zu schaden droht, ist kein guter Stil.

Wobei durchaus fraglich ist, ob IBM damit wirklich den eigenen Interessen dient. Anwender, denen x86-Hardware gut genug ist, wird IBM dauerhaft sowieso nicht bei der teuren Mainframe-Stange halten. Kunden den Migrationspfad über den Hercules-Emulator zu verwehren, sorgt höchstens für eine noch radikalere Abkehr vom Großrechner. Vielleicht sollten die Verantwortlichen bei Big Blue noch mal darüber nachdenken, ob ein Mainframe-Emulator wirklich so schädlich für die eigenen Geschäfte ist ... (odi)

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