Von der lückenlosen digitalen Kette von der Filmproduktion bis ins Kino träumt die Filmindustrie schon lange. Aber der Abschied von der Filmrolle erweist sich schwieriger als erwartet.
Das vollständig digitale Kino: Theoretisch können mit der durchgängigen Digitalisierung der Wertschöpfungskette von der Aufnahme bis in die Vorführräume alle Beteiligten nur gewinnen. Den Studios vereinfacht sie die Produktion und den Vertrieb, denn allein für Filmkopien gibt die Branche jedes Jahr mehr als 500 Millionen Dollar aus; die Verleihe und Kinoketten profitieren von den geringeren Distributionskosten, und die Zuschauer dürften sich eines vielfältigeren Angebots in makelloser Qualität erfreuen, die sie nicht mehr mit verkratztem oder ausgeblichenem Zelluloid behelligt.
Doch von den weltweit rund 150 000 Kinosälen sind nach Angaben der Marktexperten von Screen Digest in London bisher gerade mal 162 mit spielfilmtauglichen Digitalprojektoren ausgestattet. Und an die durch starke Verschlüsselung, Wasserzeichen und aufwendiges Schlüsselmanagement vor Hackern hochgesicherte Programmverteilung über Breitbandnetze, wie sie Technicolor Digital Cinema (TDC) und Boeing Digital Cinema (BDC) in den USA aufgebaut haben, sind bisher jeweils nur 30 Filmtheater angeschlossen. BDC, eine Unterabteilung des Luft- und Raumfahrtkonzerns, hat es seit dem im Juni 2001 begonnenen Aufbau des satellitengestützten Systems bis Ende August 2003 auf 19 000 Vorführungen gebracht und in den vergangenen 15 Monaten von „Star Wars Episode 2“ über „Harry Potter“ bis zu „Spy Kids 3D“ 15 Filme auf diesem Wege in die Kinos transportiert. Derzeit registrieren Beobachter, dass die Zahl der Titel wieder zurückgeht.
„Die Kopierkosten sind nicht der entscheidende Faktor“, erklärte Marktanalytiker Patrick von Sychowski von Screen Digest auf der Internationalen Konferenz für Film- und Fernsehproduktion, die parallel zur Internationalen Funkausstellung Berlin in den Studios Babelsberg stattfand. Sie machen mit durchschnittlich 3,3 Millionen Dollar lediglich 3,7 Prozent vom Gesamtbudget einer typischen Hollywood-Produktion aus. Den eigentlichen Vorteil des digitalen Vertriebs lokalisiert er woanders: Charakteristisch für die US-Kassenschlager ist der starke Abfall der Zuschauerzahlen um rund 50 Prozent schon nach der ersten Vorführwoche - ein Indiz dafür, dass der gewaltige Vermarktungsaufwand meist nur kurz verfängt.
Da gibt die Digitaltechnik den Marketingstrategen bessere Möglichkeiten, das kurze Zeitfenster zu nutzen, gleich beim Start in viel mehr Kinos präsent zu sein und die Produktionskosten schnell wieder hereinzuholen. Gleichwohl betrachten die Marktführer der Bewusstseinsindustrie in Hollywood die neuen Vertriebswege derzeit noch als Experiment und halten sich mit digitalen Releases zurück. „Die Studios köcheln das mit einem Film pro Monat auf Sparflamme“, berichtete BDC-Chef Frank Stirling in Babelsberg. Den Kinobetreibern wiederum ist bei einem Einstandspreis von 225 000 US-Dollar das notwendige Equipment zu teuer. „Sie sind der Meinung“, schilderte Stirling seine Erfahrung, „dass die Studios für die Highend-Systeme zahlen sollten“.
Neuen Schwung erwartet der Boeing-Manager, wenn sich die sieben mächtigsten Studios wie geplant Ende des Jahres auf einen gemeinsamen Standard verständigen, mit dem sie die Unsicherheiten in der Branche und ihrer Ausrüster über die technische Digitalplattform beseitigen wollen. In der Allianz „Digital Cinema Initiatives“ (DCI) zielen sie mit Projektionsauflösungen von 2K (2048 x 1556) und 4K (4096 x 3112) in eine Größenordnung, die technisch heute noch gar nicht realisierbar ist: Marktführer Texas Instruments hat dieses Jahr gerade erst Prototypen eines 2K-Spiegelchips für sein DLP-Projektionssystem präsentiert; auf Grund größerer Abmessungen taugt er dummerweise nicht zum Aufrüsten der bereits installierten Systeme. Der HDTV-Standard (1920 x 1080) genügt den US-Spielfilmproduzenten qualitativ nicht; er bleibt in der Auflösung gegenüber dem 35-mm-Film (vergleichsweise zirka 4000 x 3000) zurück und reicht auch an dessen Hell/Dunkel-Dynamik nicht heran. Zudem befürchten die Studios offenbar, dass HDTV oder HD-DVDs schon bald Einzug in die Heimkinos halten. D-Cinema, meint Stirling, „muss besser sein als alles, was in den Haushalten zu finden ist“.
Auf die Festlegungen der Hollywood-Konzerne hat die europäische Filmindustrie wenig Einfluss. „Die Majors werden voraussichtlich 2006 ihren Digital-Roll-Out vornehmen und die von ihnen benötigten Kinos ausstatten“, vermutet Björn Koll, Geschäftsführer des auf Dokumentarfilme spezialisierten Verleihs Edition Salzgeber. Diesseits des Atlantiks rätseln die Branchenvertreter, ob es für sie in der Nische zwischen D-Cinema für Großarenen und dem Trend zu immer hochwertigeren Heimkinos noch Geschäftsmodelle zum Überleben gibt. In England bereitet das UK Film Council gerade eine Ausschreibung zur Kofinanzierung von 250 Digitalsystemen in 150 Kinos vor. Mit 13 Millionen Pfund aus Lotteriemitteln will er spezialisierte Kinos fördern, die inhaltliche Alternativen zum Mainstream aus Hollywood auf die Leinwände bringen.
Die Losung heißt „E-Cinema“, wobei das E wahlweise für „Electronic“ oder „European“ steht. Darunter verstehen die Filmschaffenden im Grunde alles, was nicht über die US-dominierten Vermarktungsschienen läuft und sich auf der weniger anspruchsvollen Plattform bereits standardisierter Formate via SDTV, DVD, HDTV und künftig der HD-DVD in die Lichtspielhäuser transportieren lässt. Die Marktlücke hat offenbar auch Microsoft entdeckt: Kürzlich kündigten das Softwarehaus und Landmark Theatres an, dass sie noch in diesem Jahr alle 177 Vorführsäle in den 53 Häusern der auf Filme unabhängiger Produzenten spezialisierten US-Kinokette mit dem Vorführsystem von Digital Cinema Solutions (DCS) ausstatten wollen. Dieses System stützt sich auf leistungsfähige PCs mit dem Digital Rights Management von Microsofts Windows Media 9 Series als Präsentationsserver. Die Verteilung der Filme wird sowohl über Landmarks Virtual Private Network als auch über DVDs erfolgen.
Einem Entwicklungsstrang des „E-Cinema“-Szenarios zufolge mutieren die Kinos zu Event-Stätten, die Musicals, Rockkonzerte und Sportereignisse mit Erlebniswert einem größeren Publikum zugänglich machen. Dafür wird beispielsweise „Euro 1080“ mit der Aufnahme des regulären HDTV-Sendebetriebs am 1. Januar 2004 über den Satelliten ASTRA 3A als Auslieferungsplattform dienen: Der „Event Channel“ garantiert angeschlossenen Kinos bis 2007 wöchentlich zwei Einspielungen und hat sich unter anderem die Übertragungsrechte der Fußball-EM und der Olympischen Spiele im kommenden Jahr gesichert. Bei einem Anteil von 45 Prozent an den Ticketerlösen stellt das „Euro 1080“-Konsortium des Satellitenbetreibers Eutelsat und des belgischen Broadcasting-Spezialisten Alfacam den Kinobesitzern in Aussicht, dass sich die Investition in Satellitenschüssel, Decoder, Server und HDTV-Projektor, die sich je nach Leinwandgröße zwischen acht und 18 Metern in Höhe von 75 000 bis 120 000 Euro bewegt, schon innerhalb eines Jahres auszahlt.
Mit einem anderen Ansatz, dem Projekt „European DocuZone“, will eine von Björn Koll und seinem holländischen Partner Kees Ryninks ins Leben gerufene Initiative von Filmverleihern vom kommenden Jahr an die Digitalisierung der Programmkinos und Filmkunsthäuser voranbringen. Sie sollen die digitalen Projektoren von der Initiative gestellt bekommen, wenn sie sich im Gegenzug verpflichten, pro Woche eine gewisse Zahl von Dokumentarfilmen in ihr Programm zu nehmen. Koll und Ryninks, die bereits 190 Partner - davon 121 in Deutschland - gefunden haben, rechnen mit Investitionskosten von 50 000 Euro pro Kino, die sie je zur Hälfte aus Erlösen und aus Filmfördermitteln finanzieren wollen. „Bei DocuZone müssen wir nicht die Massen begeistern und Millionen an der Kinokasse umsetzen“, beschreibt Koll die Nischenpolitik. „Uns geht es darum, das kleine Publikum für kleine Filme zu finden“.
Der dritte Weg zum Umstieg auf E-Cinema führt über die Logistik der Kinowerbung. Weltweit, hat Screen Digest gezählt, liefen Ende letzten Jahres bereits in 2948 Sälen digitalisierte Trailer; die Londoner Auguren rechnen damit, dass sich die Zahl in diesem Jahr verdoppelt. Die auf größere Flexibilität bedachten Werbeagenturen gehen zunehmend dazu über, die Spots über DVDs oder DSL-Verbindungen anzuliefern. So will der österreichische Kinovermarkter Cinecom noch im Herbst auf eigenes Risiko in 125 Sälen des Landes Digitalprojektoren aufstellen. In Norwegen haben die Firma CAPA Kinoreklame und der Technikdienstleister Unique Promotions bereits 200 Vorführsäle in 80 Kinos mit SDTV-Projektionssystemen für die digitale Distribution der Spots ausgestattet. Diese Plattform konnte der norwegische Regisseur und Produzent Tom Remlov für seinen digital produzierten Low-Budget-Film „Play“ nutzen und nach dem Vorbild der großen Studios in 80 Spielstätten gleichzeitig an den Start gehen.
Das Beispiel könnte Schule machen, glaubt Marktanalytiker Sychowski; „Werbung ist für das digitale Kino so etwas wie ein Trojanisches Pferd.“ Sie hilft den Kinos, die Last der Umrüstung zu schultern. Das größte Hemmnis aber, hat Sychowski in einer Studie herausgefunden, sind die Ängste der Betreiber, mit der Digitaltechnik in einen Strudel permanenter Updatezwänge zu geraten - von den 35-mm-Filmprojektoren sind sie Nutzungsdauern von mehr als 30 Jahren gewohnt. (jk)
[1] Nico Jurran, Dr. Wolf Siegert, Zelluloid war gestern, Digital Cinema soll das Kinoerlebnis revolutionieren, c't 8/2003, S. 88
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