Placebo forte!

Was wirklich hinter SoftRAM 95 steckt

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Da wird ein Software-Produkt viele hunderttausend Mal verkauft. Doch im c't-Test erweist es sich als nutzlos. Wir wählten deshalb die nach unserem Ermessen passende Bezeichnung "Placebo-Software". Der Distributor klagt. Das Gericht entscheidet im Eilverfahren, daß dieses Urteil in unserem Kurzbericht nicht genügend und für den Leser nachvollziehbar untermauert worden sei. Also begründen wir noch einmal und ausführlicher. Wir haben das Programm disassembliert: es enthält nicht einmal Code, der die versprochenen Funktionen bieten könnte.

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Syncronys Softcorp, der Hersteller von SoftRAM 95, verspricht viel: "Verdoppeln Sie Ihren Speicher und vergrößern Sie Ihre Systemressourcen nahtlos mit SoftRAM 95", "Installieren Sie SoftRAM 95 und beschleunigen Sie Windows unverzüglich", "SoftRAM 95 behebt sogar den "kritischen" Speicherengpaß bei Windows 3.0 unterhalb 1 MB". Das sind Zitate von der Verpackung.

SoftRAM ersetzt die Windows-Treiber, die für das Auslagern von Daten aus dem RAM auf die Festplatte zuständig sind. Die neuen Treiber analysieren angeblich die Daten und wählen einen optimalen Algorithmus zu deren Kompression. Sie werden laut Handbuch im Speicher komprimiert. So macht SoftRAM angeblich zusätzliches RAM frei. Nur wenn die Reserven an Hard- und SoftRAM aufgebraucht seien, werde der virtuelle Speicher (Swapping) benutzt. Dazu kommen unter Windows 3.1 zwei weitere Helfer: einer soll die Systemressourcen erweitern, der andere den Speicher unterhalb einem MByte aufräumen.

Hauptmotiv der Werbeaussagen ist die Speicherverdopplung. Im Gegensatz zur "serienmäßigen" Windows-Fähigkeit, die RAM-Kapazität durch zeitaufwendiges Auslagern von Daten auf die Festplatte "virtuell" zu vergrößern, bedient sich SoftRAM angeblich schneller, zum Patent angemeldeter Kompressionstechnik. Unsere Analyse hat demgegenüber ergeben: Diese Aussage ist in jeder Hinsicht falsch. SoftRAM erzielt den behaupteten Effekt nicht – kann ihn gar nicht erzielen, weil das Programm überhaupt keine Kompression ausführt.

Immerhin: Kurz nach unserem Test räumte der deutsche Distributor Softline GmbH ein, daß SoftRAM 95 "gewisse Probleme unter Windows 95" habe. Er schickte eine neue Programmversion und versprach kostenlose Updates bis März 1996 für registrierte Kunden – bot das Programm aber im Handel weiterhin für Windows 95 an. Andere Redaktionen erhielten Testexemplare fortan mit dem Hinweis, das Programm nicht unter Windows 95 zu testen.

Auch Hersteller Syncronys gestand am 20. Oktober in einer seltsamerweise kaum beachteten Pressemitteilung bezüglich Windows 95: "RAM compression is not being delivered to the operating system", dem Betriebssystem werde keine Kompression zur Verfügung gestellt. Auch hier folgte das Versprechen eines kostenlosen Updates im Dezember, zusätzlich aber eine Geld-zurück-Garantie für Kunden, die darauf nicht warten wollen. 14 Tage später hieß es, Synchronys wolle das Programm nicht mehr weiter für Windows 95 anbieten.

Hersteller und Distributor blieben aber, im Gegensatz zu unseren Ergebnissen, dabei: Unter Windows 3.1 funktioniere SoftRAM 95 wie versprochen. Wir ließen daher zunächst die Windows-95-Version links liegen. Das "Update" 2.00I war unter Windows 95 ohnehin nicht zu testen: es stürzte schon beim ersten Start von Excel 7 ab. Dazu später mehr. Statt dessen machten wir uns daran, die Version für Windows 3.1 genauer zu untersuchen.

Im ersten Schritt vertieften wir die Messungen. Was wir endlich fanden, war eine Vergrößerung des linearen Adreßraums – das ist (grob vereinfacht) der Raum, auf dem Windows den vorhandenen Speicher verteilen kann. Eine Vergrößerung hier (siehe Windows Resource Kit) zieht eine Erhöhung der maximalen Größe für die Auslagerungsdatei nach sich und führt zu einer geringfügig größeren Wahrscheinlichkeit, daß große Speicherblöcke "am Stück" alloziert werden können. Von einer Vergrößerung des Speichers dagegen immer noch keine Spur.

Also begann Phase zwei: Monitoring; das heißt, Verfolgen des Kontrollflusses mit dem Debugger und durch das Schreiben von "Treiberzwischenschichten". Diese klinken sich einerseits zwischen Windows und SoftRAM ein; da SoftRAM die Treiber ersetzt, die für das Auslagern zuständig sind, muß jeder Auftrag, eine Speicherseite wegzuschreiben, durch diese Tür kommen. Eine weitere Schicht liegt andererseits "unter SoftRAM" und protokolliert jeden Auftrag von SoftRAM an den Plattentreiber, eine Seite auf die Platte zu schreiben. Wenn SoftRAM durch Kompression irgendeinen Effekt erzielt, muß es zwischen den Auslagerungsaufträgen an SoftRAM und den Schreibaufträgen den Plattentreiber Differenzen geben. Wir fanden aber keine.

Die Frage "Was tut dieser Treiber überhaupt?" war also von außen nicht zu beantworten. Blieb nur Phase drei: die Analyse "von innen". Wir mußten die Treiber disassemblieren, um herauszubekommen, ob alle Messungen durch irgendwelche unerklärlichen Umstände zu falschen Ergebnissen geführt hatten oder ob wir einen handfesten Fall von irreführender Werbung vor uns hatten. Alles (siehe auch Kasten "Mit bloßem Auge") deutete auf Letzteres hin.

Das Disassemblieren war viel einfacher als erwartet, und zwar aus folgendem simplen Grund: Die beiden virtuellen Gerätetreiber (VxD), die SoftRAM unter Windows 3.1 zum Einsatz bringt, sind von den Originalen "abgeleitet". Microsoft gibt die Quelltexte im "Windows Device Driver Development Kit" (DDK) an Entwickler weiter – mit dem Rat, diese als Basis für eigene Entwicklungen zu nutzen. Allerdings verlangen die Lizenzbestimmungen eine "substantielle" Erweiterung der Basis, bevor man das Ergebnis als eigenes Produkt verkaufen darf.

Der erste Treiber, SoftRAM1.386, heißt im Original "Pagefile.386" und besteht aus rund 2900 Zeilen Quelltext. Von den rund 30 Funktionen hat Syncronys ganze fünf verändert. Diese beschäftigen sich vor allem mit dem Auslesen von SYSTEM.INI-Einträgen. Und die paar Zeilen wirklich aktiven Codes, die in SoftRAM1.386 stecken, machen nur eines: Wenn der Benutzer eine temporäre Auslagerungsdatei gewählt hat (und nur dann), addieren sie einfach auf den Wert für deren maximale Größe die eingestellte SoftRAM-Größe. Das ist alles. Ach nein: SoftRAM1.386 wurde mit dem Switch "Debug" übersetzt. Es arbeitet daher langsamer als das Original. Original und Fälschung unterscheiden sich in nur 80 Zeilen Assemblercode. Ob das noch den Lizenzbedingungen entspricht, mag Microsoft entscheiden.

Control-Panel: 4 MB - Filemanager: 12 MB
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Wenn SoftRAM läuft, ist die Auslagerungsdatei wird viel größer, als vom Benutzer in der Systemsteuerung eingestellt.

Der zweite Treiber, SoftRAM2.386, ist das Pendant zu PageSwap.386, wiederum mit Debug-Code. Er enthält zusätzlich zur eben genannten "Funktionalität" (Auslesen von INI-Einstellungen, Anpassungen an neue Dateigröße) immerhin eine fast 4 Kilobyte große neue Funktion. Diese allerdings wird niemals aufgerufen. Innerhalb des Treibers ist keine Verzweigung dorthin auszumachen, eine Verbindung zur Außenwelt existiert ebensowenig wie ein innerhalb des Programms erst zur Laufzeit berechneter Sprung in diese Funktion. Auch in der Control Procedure ist kein Aufruf der magischen neuen Funktion zu finden. An einer anderen Stelle fordert der zusätzliche Code tatsächlich rund 100 KByte Speicher an – benutzt ihn aber nie. Also: keine Kompression, keine Analyse des RAM-Inhalts, keine Speichervergrößerung.

Später stellte sich heraus, daß wir uns die Low-Level-Arbeit fast hätten sparen können: Zwei Programmierer in den USA hatten, unabhängig voneinander, ebenfalls Verdacht geschöpft und SoftRAM analysiert. Als wir davon Kenntnis erhielten, nahmen wir Verbindung zu ihnen auf. Sie waren natürlich zu denselben Ergebnissen gekommen. Einer der beiden, Dr. Mark Russinovich, Dozent für Computer Engineering an der Universität von Oregon, hat seine Erkenntnisse inzwischen in einem offenen Brief an Syncronys Softcorp dargelegt.

"This one-trick-pony works as advertised", schrieb "Windows Sources", aber das stimmt eben nicht. Der "einzige Trick" besteht nämlich darin, daß SoftRAM die temporäre Auslagerungsdatei größer macht, als der Anwender eingestellt hat. Dadurch kann der Eindruck entstehen, mit SoftRAM stehe mehr Speicher zur Verfügung als ohne – tatsächlich aber ist es umgekehrt: Wenn der Anwender selbst den größeren Wert einstellt (wozu er SoftRAM natürlich nicht braucht), paßt sogar noch etwas mehr hinein.

Mit einer permanenten Auslagerungsdatei klappt der billige Trick nicht, und das erklärt, warum manche Anwender unter Windows 3.1 eine Wirkung bemerkt zu haben glauben, andere dagegen nicht. Wir gehören aus guten Gründen zur zweiten Gruppe. Erstens: Windows läuft mit einer temporären Swap-Datei langsamer als mit einer permanenten. Erstere kann nämlich auf der ganzen Platte verteilt sein und wird "über DOS" angesprochen, letztere besteht "aus einem Stück" – hier kann Windows deutlich schneller direkt über das BIOS oder (bei aktivem 32-Bit-Plattenzugriff) gar direkt über den Festplattencontroller zugreifen. Zweitens: Nur mit einer permanenten Auslagerungsdatei bestehen reproduzierbare Testbedingungen.

Mit anderen Worten: SoftRAM stiehlt einfach Platz auf der Festplatte. Es muß dabei auf einen Benutzer stoßen, der das Handbuch nicht gelesen und noch nie im Dialog "virtueller Speicher" F1 gedrückt hat: dort steht klipp und klar, warum Windows eine permanente Auslagerungsdatei bevorzugt. Es gibt nur einen vernünftigen Grund, trotzdem eine temporäre zu wählen: wenn man zu wenig Platz auf der Platte hat und die Auslagerungsdatei nur dann haben will, wenn Windows läuft. Doch wenn keine Plattenkapazität frei ist, scheitert SoftRAMs Trick sowieso.

Die Windows-3.1-Treiber aller uns vorliegenden Programmversionen waren übrigens identisch. Wir haben sie im Zeitraum vom Mitte September bis Ende Oktober aus deutschen und amerikanischen Handelsquellen bezogen.

Unter Windows 95 sieht die Geschichte ein klein wenig anders aus. Wir beziehen uns hier auf die "internationale Version" 2.00I, die in verschiedenen Ländern als Update gehandelt wird. Identische Programmversionen haben wir auch von Fa. Softline und Ende Oktober in einer Escom-Filiale bezogen.

Der Trick mit dem Vergrößern der Auslagerungsdatei läuft in dieser SoftRAM-Variante nicht. Dafür gibt es zwei mögliche Gründe: Erstens unterliegt ihre Größe in der Win95-Standardeinstellung ohnehin keiner Beschränkung, sondern wächst nach Bedarf. Zweitens liefert Microsoft nur noch einen der beiden Treiber-Quelltexte im DDK mit: den zu PageFile, der jetzt DynaPage heißt. Da aber auch PageSwap (jetzt im VMM, dem Virtual Machine Manager, versteckt) darauf angewiesen ist, die tatsächliche Größe der Auslagerungsdatei zu kennen, ist es nicht mehr möglich, hinter Windows' Rücken die Auslagerungsdatei zu manipulieren.

Trotzdem ist der SoftRAM-Treiber mit 54 724 Bytes viel größer als das Original DynaPage.VxD. Beim näheren Anschauen trauten wir unseren Augen kaum: Er enthält 41 820 Nullen! Nur rund 12,6 KByte werden überhaupt genutzt, das Original belegt dagegen rund 8 KByte.

Netto sind aber immerhin noch knapp 5 KByte neuer, theoretisch wirksamer Code vorhanden. Doch auch der komprimiert keine Daten, sondern kopiert nur (sehr nachlässig kodiert) Speicherseiten umher – das Ganze stellt eine Art Cache für die Auslagerungsdatei dar.

Dr. Russinovich hat obendrein bei der Analyse der ursprünglichen Programmversion herausgefunden, daß dieser Code nur selten in Aktion tritt. SoftRAM 95 wählte seine Standardeinstellungen unter Windows 95 so, daß der Treiber sich schon beim Systemstart selbst abschaltete, weil die erste Speicheranforderung scheiterte.

Dazu kommt noch schlampige Programmierung beim Speichern der Einstellungen in der Registrierdatenbank: hier werden oft für Windows 95 "überlebenswichtige" Einträge einfach überschrieben. Ist das einmal passiert, hilft nur noch eine Neuinstallation. Von Windows 95, wohlgemerkt.

Die Suche nach der Einlösung des zweiten Versprechens für Windows 3.1, der Erweiterung der Systemressourcen, fördert noch Abstruseres zutage. Es ist weit und breit kein Code in Sicht, der sich mit den Systemressourcen beschäftigt – von einer Funktion abgesehen, die von den zur Verfügung stehenden Ressourcen ein paar Prozentpunkte abzieht und diesen Wert als "vorher" verkauft, während das SoftRAM Control Panel den tatsächlichen Wert als "nachher" anzeigt.

Und auch hier wäre etwas mehr Sorgfalt beim Programmieren angebracht gewesen: schaltet man den Ressourcen-Extender ab, erscheint eine Box "Diese Änderung wird erst nach dem Neustart von Windows aktiv". Im Hintergrund ist das "Vorher/Nachher"-Wertepaar zu sehen, zum Beispiel 79 und 83 Prozent. Drückt man dann "Ok", springt die Anzeige augenblicklich, also ohne Neustart, um – auf 83 Prozent für "vorher" und "nicht verfügbar" für hinterher.

vorher
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nachher
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Durch sein Vorher-Nachher-Spielchen verrät SoftRAM selbst, daß es bei der Anzeige der Systemressourcen schlicht lügt. Der Wert für "vorher" ist frei erfunden. Der "Nachher-"Wert, den SoftRAM erreicht haben will, galt schon vorher ...

Das paßt zum nächsten Lapsus des Control Panels: Es überprüft weder, wieviel Speicher im Rechner steckt, noch, ob die Treiber überhaupt geladen sind. Wir haben SoftRAM bei 8 MByte RAM installiert und ausprobiert, dann 32 MByte zusätzlich eingebaut – SoftRAM bestand weiter darauf, daß nur 8 MByte vorhanden seien. Für einen anderen Test entfernten wir die SoftRAM-Treiber von Hand aus der SYSTEM.INI. Das Startlogo "Powered by SoftRAM" erschien trotzdem. Und siehe da, das Control Panel zeigte: SoftRAM "enabled", also eingeschaltet …

Kommen wir zum letzten Punkt: Aufräumen des DOS-Speichers unterhalb 1 MByte. Hier tut SoftRAM tatsächlich etwas, und zwar in dem Programm SR-START, das auch das Programmlogo anzeigt. SR-Start belegt im unteren DOS-Speicher Blöcke von je 32 Byte Größe in Abständen von 10 272 Byte. Dadurch soll Windows gezwungen werden, Treiber und DLLs, die über 10 240 Byte groß sind, in einen anderen Bereich zu laden; sonst geht oft der Platz für Task-Databases aus, die im ersten MByte liegen müssen.

Dieses Verfahren erfüllt seinen Zweck aber keinesfalls wie vorgesehen. SR-START wird erst durch einen Load-Eintrag in der Datei WIN.INI geladen. Zu diesem Zeitpunkt befinden sich die unerwünschten Treiber aber längst im unteren Speicherbereich und sind von dort auch nicht mehr wegzukriegen. SoftRAM hilft also nur in den seltenen Fällen, in denen später gestartete Programme solche DLLs nachladen.

Doch nicht einmal diese unzulängliche Programmierarbeit darf sich die Firma Syncronys selbst zuschreiben. Andrew Schulman ("Undocumented Windows") konnte nachweisen, daß der Code einem im PC Magazine veröffentlichten Utility namens "1MBFORT" entnommen ist. Das I-Tüpfelchen: Selbst ein Fall "sehr unüblicher Programmierung" wurde gedankenlos abgeschrieben. Der Programmierer kopiert zwei Bytes von einem Dword (4 Bytes) in ein Word. Er benutzt dazu nicht eine Zuweisung (mit Typecast, um die Compilerwarnung zu unterbinden), sondern die völlig überdimensionierte Bibliotheksroutine memcpy.

Angesichts dieser globalen Abwesenheit nützlichen Codes verwundert es überhaupt nicht mehr, daß SoftRAM 95 keines der vollmundigen Werbeversprechen einlöst. Ob sich daran mit den versprochenen Updates für Windows 95 etwas ändern wird, erscheint ebenfalls fraglich, denn Syncronys Softcorp weist in der Bilanz für das dritte Quartal 1995 gerade einmal 224 403 US-Dollar für "Forschung und Entwicklung" aus – und will damit womöglich noch lauter neue "SoftRAMs" für OS/2, Macintosh und NT entwickelt haben. Die möchte President Poertner nämlich auf der Comdex ankündigen.

Die Bestseller-Software der Firma Syncronys Softcorp ist also ein faules Ei. Wer runde 33 US-Dollar, 60 britische Pfund oder 170 deutsche Mark für SoftRAM ausgegeben hat, wird darüber nicht gerade begeistert sein. Dabei ist das noch halb so schlimm. Immerhin hat Syncronys inzwischen ausdrücklich eine "Geld-zurück-Garantie" ausgesprochen – jedenfalls für ihre amerikanischen Kunden. Und falls wider Erwarten doch etwas dazwischenkommen sollte, ist der Software-Kunde halt für wenige Scheine um eine Erfahrung reicher geworden.

Andere haben viel mehr Grund zum Jammern: die Aktienkäufer nämlich, die in das aufstrebende Software-Unternehmen investiert haben. Bei Börsengeschäften geht es um Zahlen in ganz anderer Größenordnung, denn Aktien kauft man in Paketen – schon gar, wenn sie so warm angepriesen werden wie die Syncronys-Papiere im Frühsommer 1995. Deren Kurse schnellten wie eine Rakete empor, von 3,12 Cents auf mehr als das Tausendfache, 32 Dollar. Dabei profitierten sie, wie die New York Times am 9. Oktober schrieb, von enthusiastischen Empfehlungen zweier kalifornischer Broker-Firmen namens Seidler Cos., Los Angeles, und L. H. Friend, Weinress & Frankson, Irvine.

"Will it double your money too?" stand groß über dem Seidler-Tip, der herausgegeben wurde, als der Kurs bereits bei 26 Dollar rangierte. Friend will die Aktien laut New York Times nur an institutionelle Anleger verkauft haben. Beide Broker versäumten es, zu erwähnen, daß Syncronys von der Börsenaufsicht noch gar nicht zum Handel in Kalifornien zugelassen worden war.

Seidler hatte sogar irrtümlich angegeben, die Aktien würden an der High-Tech-Börse NASDAQ gehandelt. Möglicherweise hat sich der Broker am Aufdruck der SoftRAM-Verpackung orientiert – da ist nämlich derselbe Irrtum passiert. Doch Syncronys war keineswegs im vornehmen NASDAQ-Börsenhandel, denn die Firma hatte bis Ende September keine geprüften Bilanzen vorweisen können, sondern wurde lediglich im unkontrollierten Bulletin Board Market feilgeboten.

Den Aufstieg beflügelten auch die Anlegertips der Shareholders Solution aus Englewood, Colorado. Sie empfahl, wiederum laut New York Times, in scheinbar eigenen Marktberichten den "aggressiven Kauf" des heißen Papiers. Shareholders Solution jedoch, in Wahrheit eine Public-Relations-Firma, sei von Syncronys bezahlt worden, um "einen aktiveren Markt zu schaffen".

Etwas Unterstützung dieser Art hatte das Syncronys-Papier nach Meinung seiner Herausgeber wohl nötig, denn immerhin war es auf eine etwas anrüchige Weise auf den Markt gelangt. Da hatte sich nämlich am 8. Mai 1995 eine weitgehend unbekannte Firma namens Seamless Software Corporation unter gleichzeitiger Umbenennung mit der Redstone Capital, Inc., vereinigt. Letztere übte weder Geschäftsaktivitäten aus noch besaß sie irgendwelche Aktiva, aber es existierten 1,2 Millionen Aktien. Wert: 0,0001 US-Dollar.

Durch die Verschmelzung mit einer bereits vorhandenen Mantel-AG ersparte sich die neue Syncronys Softcorp den langwierigen Prozeß einer Börseneinführung und die Prüfung durch die Securities and Exchange Commission. Das Verfahren ist legal. Es steht aber unter Investoren in keinem guten Ruf, weil es dem Unternehmen kein Geld bringt, sondern die Vergütung für den leeren "Mantel" einiges kostet. Laut Bericht der Aufsichtskommission gehörte die neugeborene Syncronys Softcorp im wesentlichen drei Hauptaktionären: President Rainer Poertner (20,9 %), Director Wendell Brown (13,5 %) und einer auf den British Virgin Islands residierenden Mobius Capital Corp. (55,3 %), vertreten durch den in Vancouver, Kanada, ansässigen Daniel G. Taylor.

Wenige Wochen nach der Verschmelzung kam SoftRAM auf den Markt, und die Syncronys-Aktie setzte zum Höhenflug an. Der Kurswert der gut 10 Millionen Anteilsscheine des Spitzentrios explodierte von knapp 330 000 Dollar auf runde 330 Millionen. Immer mehr Investoren im Windows-95-Fieber begeisterten sich für das aufsteigende Unternehmen mit seiner höchst innovativen Technologie zur Speichervermehrung. Angesichts der angeblich von Microsofts Revolution ausgehenden weltweiten RAM-Knappheit mußte die Rechnung doch aufgehen …

Ging sie aber nicht. Der Kurs hatte seinen Zenit schon im Sommer überschritten, obwohl ernste Zweifel an dem einzigen umsatzstarken Produkt des Höhenfliegers erst Ende September ruchbar wurden. Der Markt verhielt sich gerade so, als hätten Verkäufe größeren Umfangs stattgefunden.

Bald darauf stürzte der Kurs ab, fiel vorübergehend auf 6,50 Dollar und stabilisierte sich dann (bei Redaktionsschluß dieser Ausgabe) mühsam bei knapp über 7 Dollar. Unzählige Anleger haben den größeren Teil ihrer Investion verloren, wenn sie jetzt verkaufen. Wenn nicht, kommt es womöglich noch schlimmer, denn außer SoftRAM 95 hat Syncronys nichts von Bedeutung anzubieten. (it)

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Daß SoftRAM zwei der Werbeversprechen (mehr RAM, mehr Ressourcen) auch unter Windows 3.1 gar nicht und das dritte (mehr DOS-Speicher) nur unzureichend einlöst, kann man ohne viel Aufwand mit "Bordmitteln" erkennen.

1. Vergrößerung der Speicherkapazität?

Stellen Sie in der Systemsteuerung eine temporäre Auslagerungsdatei ein. Starten Sie Windows erneut, und öffnen Sie den Dateimanager. Starten Sie Write mit einer größeren Datei, zum Beispiel dem zu Windows mitglieferten Readme.Wri, so oft, bis nicht mehr genügend Speicher vorhanden ist. Gehen Sie zurück zum Dateimanager, und sehen Sie sich die Größe der Auslagerungsdatei WIN386.SWP an. Vergleichen Sie die in der Systemsteuerung angegebene Zahl und die "SoftRAMSize" aus der System.Ini.

2. Vergrößerung der Systemressourcen?

Zählen Sie mit und ohne SoftRAM, wie oft Sie den Windows-Taschenrecher starten können. Der Taschenrechner braucht sehr wenig Speicher, aber für seine Tasten relativ viele Systemressourcen. (Für diesen Tip Dank an das NSTL.)

3. Vergrößerung des DOS-Speichers?

Zählen Sie, wie viele DOS-Boxen Sie mit und ohne SoftRAM starten können. Je nach Anzahl der geladenen Gerätetreiber (CD-ROM, Netzwerkkarte et cetera) werden Sie mit SoftRAM einen kleinen Gewinn verzeichnen. Denselben Gewinn erzielen Sie mit dem kostenlosen Utility 1MBFORT von PC Magazine, einen größeren mit dem von Peter Siering in c't 12/94 ("Speicherschoner") veröffentlichten SysHook.

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Eine Frage ist noch offen, nämlich die nach der Glaubwürdigkeit von Microsofts Logo-Programm. Laut Syncronys Softcorp erhielt SoftRAM 95 Anfang September das Windows-95-Logo – es wurde auf die Verpackung gedruckt. Microsoft hat die Tests an die Firma VeriTest delegiert. Die hat angeblich nicht nur Kompatibilität, sondern auch Funktionalität geprüft, mit dem Ergebnis: "Arbeitet wie erwartet". Wie konnte ein Produkt das Logo bekommen, das keine Funktionalität besitzt? Der Knight-Ridder-Online-Dienst zitierte am 2. November eine Microsoft-Produktmanagerin namens Deborah Celis: Syncronys habe das Logo erstens zu Unrecht geführt, SoftRAM 95 sei zweitens nur auf Kompatibilität getestet worden, und drittens habe Syncronys eine fehlerbereinigte Version zum Test vorgelegt, aber die alte Version mit Logo-Aufdruck an die Händler geliefert. Als wir Frau Celis am nächsten Morgen dazu befragen wollten, erreichten wir nur ihren Anrufbeantworter: "Ich arbeite ab dem 3. November nicht mehr für Microsoft."

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Der Vollständigkeit halber haben wir SoftRAM noch einmal intensiven Benchmarktests unterzogen, dieses Mal auf anderen Systemen als im vorangehenden Artikel Verdichtung und Wahrheit - SoftRAM für Windows 3.1 und 95.

Excel 5.0 benutzt SoftRAM-Distributor Softline gern zur Demonstration der Speichervermehrung. Ein Arbeitsblatt wird in der ersten Zeile über alle Spalten mit Text gefüllt, zum Beispiel "HubRAUM". Ein Makro kopiert diese Zeile so oft, bis Excel aus Speichermangel abbricht. Die Tabelle zeigt die Anzahl der gefüllten Zellen.

MemBench mißt die Speicherperformance unter Windows 3.1. Das Progamm fordert 8 MByte Speicher in 2048 Blöcken an, füllt ihn kontinuierlich und greift in pseudozufälliger Reihenfolge auf diese Seiten zu. Da jede Seite identische Datenwerte enthält, müßte SoftRAM gut komprimieren und sehr viele Seiten im Speicher halten können, die sonst unter Zeitverlust auf die Festplatte ausgelagert werden müssen. Die Tabelle gibt die Zeitdauer für 4096 Zugriffe wieder.

MemBench und Excel liefen auf einem P90 mit 4 beziehungsweise 8 MByte RAM.

BapCo 95 ist eine Sammlung aus Windows-Anwendungen in den "Sparten" Textverarbeitung, Tabellenkalkulation, Datenbank und DTP (in drei Untergattungen). Zum Pensum gehören Top-Seller wie Word, Excel, Paradox und Freelance Graphics. Sie müssen einen automatisierten Ablauf mehrmals absolvieren – je schneller, desto mehr Punkte gibt es. Die abgedruckte Gesamtpunktzahl entspricht dem nach Marktanteilen gewichteten Mittel. Die Tests benötigen durch die Bank weg mehr als 8 MByte Speicher, so daß eine Vergrößerung des RAMs durch SoftRAM sich in höheren Punktzahlen niederschlagen müßte. Die Tests liefen auf einem Pentium-System mit 133 MHz und 8 beziehungsweise 16 MByte RAM. Das Ergebnis: SoftRAM bringt eine Speichervergrößerung - wenn der Anwender eine temporäräre Auslagerunsgdatei verwendet. Der hinzugekommene Speicher verhält sich jedoch nicht wie echtes RAM - er beschleunigt das System nicht, sondern er ist noch ein wenig langsamer als virtueller Speicher.

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