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Sex im Internet: Mehr Last als Lust?

Wissen | Reportage

Titelbilder der boomenden Internet-Presse erwecken den Eindruck, als seien die schönsten Seiten des WWW voll von nackten Tatsachen. Andere Medien entdecken hinter der erotischen Fassade einen Hardcore-Sündenpfuhl, der zarte Gemüter verdirbt. Führt das Internet zur sexuellen Belästigung ohne Ende? Oder sucht der Surfer gerade die Dauerstimulanz per Datenleitung?

Aufmacher

Neulich im Chat:

SF27 sagt: wie sitzt du denn jetzt gerade da? _pepi_ sagt: ich bin wirklich nackt. sitze auf dem sessel  vorm Computer : ) _pepi_ sagt: bist du *wirklich* nackt ? SF27 sagt: nein ! _pepi_ sagt: was hast du an ? SF27 sagt: pulli und unterhose. _pepi_ sagt: sonst nix ? kein BH oder sowas ? SF27 sagt: nein _pepi_ sagt: wie sieht die Unterhose aus ? SF27 sagt: schwarz. gerippt. _pepi_ sagt: was magst du besonders ? SF27 sagt: ziemlich wild. blümchensex ist nix :-) _pepi_ sagt: magst du fesseln ? ich mag es wenn du ordinär bist. (...) _pepi_ sagt: Ich drücke deine Schamlippen leicht auseinander. du  bist ganz rosa hier. SF27 sagt: (darf ich die unterhose ausziehen?) _pepi_ sagt: (ja, zieh sie aus) SF27 sagt: sie liegt jetzt neben mir..., nackter Hintern auf dem  Stuhl. _pepi_ sagt: das ist gut. Leg mal deinen linken Zeigefinger  zwischen deine Schamlippen, klopft es ? SF27 sagt: (du fragst aber intim ;-) *rotwerd*) _pepi_ sagt: Was hast du da mit dem Zeigefinger gemacht ? Spürst  mich in Dir? (...) _pepi_ sagt: du bist SUPER ! Ich wollte dich zwischendurch  einfach haben LIVE. Irgendwie passen wir gut zusammen. SF27 sagt: wäre was, wenn man sich beamen könnte....wäre nun  gerne bei Dir. _pepi_ sagt: oh ja ... das wärs. Komm auf meinen Schoß : ). 

Alltag im Chatroom - egal, ob es sich um ein räumlich getrennt lebendes Paar handelt, ob man sich im real life überhaupt kennt oder sich mit Wildfremden seinen intimsten Fantasien hingibt: Cybersex ist beliebt, macht Spaß und schafft Lust. Soviel steht fest.

Doch in der öffentlichen Diskussion über Sex im Internet erhitzen sich die Gemüter. Es herrscht keine Einigkeit, ob wir uns über die neuen Chancen, unsere Lust auszuleben, freuen sollen oder ob wir Sorge haben müssen, durch den Cybersex zu einer Masturbationsgesellschaft zu degenerieren.

Wer das Internet als längsten Strich der Welt empfindet, fürchtet oft, dass Intimität zunehmend von erotischen Fernkontakten verdrängt wird. Typische Aussagen in diesem Zusammenhang: `Im Netz gibt es sehr viel und besonders harte Pornografie´, `Der durchschnittliche User ist hauptsächlich online, um nach heißen Bildern zu suchen´, `Der anonyme Cybersex verstärkt Isolation und Einsamkeit und führt zur Entmenschlichung unserer Sexualität´, `Frauen werden im Netz sexuell belästigt´.

Die einen brandmarken das Internet als Forum der Kriminalität, Perversion und Pornografie, die anderen halten das Web für einen Hort des seriösen Informationsaustauschs und halten eine moralisierende Cybersex-Debatte für überflüssig. Sie vertreten Ansichten wie `Im Netz stößt man nur dann auf pornografisches Material, wenn man explizit danach sucht´, `Die Netzgemeinde interessiert sich für viele andere Themen mehr als für Sex´, `Cybersex ist langweilig und wenig befriedigend, weshalb er kaum praktiziert wird´, `Frauen stehen im Netz einige Hilfsmittel zur Verfügung, mit denen sie sich gegen sexuelle Übergriffe effektiv wehren können´.

Sind die Kulturpessimisten, die die Entwicklung unserer Sexualität in schwärzesten Farben ausmalen, einfach nur Spielverderber? Haben Technik-Euphoriker, die uns eine völlig neue Form von Intimität versprechen, den besseren Riecher für das, was Spaß macht? Bei einer angemessenen Einschätzung kann die Forschung helfen: Insbesondere Psychologen und Soziologen versuchen zu ergründen, wie es um Angebot und Nachfrage erotischen oder pornografischen Materials im Netz wirklich steht.

Vor wenigen Wochen schwappten die Schlagzeilen bis nach Deutschland: Jeder vierte jugendliche Surfer gerät unbeabsichtigt an pornografische Darstellungen, jeder fünfte wird sogar selbst Opfer sexueller Belästigungen im Internet, verkündete die Studie Online Victimization: A Report on the Nation´s Youth [#lit1 [1]], die das Crimes Against Children Research Center der University of New Hampshire verfasste. Die Grundlage bildeten Telefoninterviews mit 1500 repräsentativ ausgewählten Jugendlichen, die mindestens einmal im Monat im Internet surfen. Ein genauerer Blick auf die Untersuchung verrät aber eher etwas über unterschiedliche Moralauffassungen diesseits und jenseits des Atlantiks als über kriminelle Handlungen: Die meisten `Täter´ sind selbst jugendlich und ihr `Verbrechen´ (sexuelle Belästigung) besteht in der Regel darin, mit dem Opfer (jedes dritte übrigens männlich) über Sex reden zu wollen.

Generell finden sich in den Medien alarmierende Behauptungen über die Verbreitung sexuellen Materials; bis zu 90 Prozent der Internet-Inhalte werden als sexualbezogen eingestuft. Alles halb so wild, sagt die Wissenschaft - der Sexual- und Rechtssoziologe Michael Schetsche von der Uni Bremen fand (allerdings schon 1997) heraus [#lit2 [2]], dass von den damals 60 000 existierenden Newsgroups (davon lediglich 16 000 mit internationaler Bedeutung) nur ein kleiner Teil primär sexuelle Themen behandelt. Rund 400 Gruppen kreisen demnach gelegentlich oder hauptsächlich um Sex, wobei die Teilnehmer in vielen Fällen über Pornografie, Erotik und Sexualität schreiben, statt sie im Web auszuleben - Gegenstand der Diskussion sind etwa sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz, Abtreibung, Verhütung, Sexualaufklärung von Kindern oder Tipps zu bestimmten Sexpraktiken. Von diesen 400 sexualbezogenen Gruppen enthalten laut Schetsche ganze 70 regelmäßig sexuelles Bildmaterial, das sind weniger als ein halbes Prozent der international relevanten Gruppen.

Auch was das Ausmaß der Verbreitung sexueller Darstellungen im WWW betrifft, gibt es keinen Grund zur Panik. Jüngere systematische Beobachtungen [#lit3 [3]] von vier der populärsten Suchmaschinen über einen Zeitraum von einigen Monaten zeigen, dass sich die Anzahl der Treffer zum Suchbegriff `sex´ nicht auffällig von der Anzahl der Treffer zu anderen Bereichen unterscheidet. Auch Mitte Juli meldete die US-Suchmaschine Altavista zweieinhalbmal so viele Seiten mit dem Begriff `music´ wie mit dem Begriff `sex´. Weder sind es auffallend viele Sex-Sites, noch stellen sie eine Randerscheinung dar. Auch ist nicht zu beobachten, dass ihr Anteil zunimmt: Zwar wächst das Internet in seiner Gesamtheit ständig, aber die sexualbezogenen Angebote wachsen nicht überproportional.

Wer im Internet surft, strandet also nicht zwangsläufig an pornografischen Gestaden. Dorthin kommt er in der Regel nur, wenn er gezielt danach sucht. Das unschuldige Kleinkind, das nach wenigen Mausklicks unvermittelt auf kopulierende Paare stößt, gehört wohl zu den Legenden der Neuzeit. Lediglich bei Anfragen an Suchmaschinen kann es vereinzelt vorkommen, dass ein unverfänglicher Suchbegriff wie `Mariah Carey´ zu einer Sex-Seite in der Trefferliste führt - ein billiger Etikettenschwindel, der die Tatsache ausnutzt, dass sich die Suchmaschinen auf die zu den Seiten gelieferten Stichwörter verlassen.

Aber vielleicht sind die virtuellen Gestade ja umso verwerflicher, der Sex so viel schmutziger als am Kiosk? Blanke Busen bringen den Mausfinger schließlich kaum zum Zucken, Hardcore-Bilder umso mehr. Doch auch hier kommt von der Forschung ein klares `Nein´. Zwei einschlägige Studien haben sich der Art des sexualbezogenen Materials im Internet gewidmet. Und beide kamen zu Befunden, die keinen Anlass zur Sorge geben. Sie stimmen in der Aussage überein, dass es sich bei dem Bildmaterial im WWW und Usenet in erster Linie um Zweitverwertungen aus herkömmlichen Medien handelt. Eigenproduktionen sind dagegen seltener zu finden. So werden Fotos aus gängigen Pornoheften eingescannt, was Schetsche so langweilig findet, dass er dies als `Hamburger-Pornografie´ umschreibt. Kennt ein Kind die Web-Adressen, kommt es im Internet natürlich leichter als am Kiosk an solche Bilder, sofern die Eltern keinen Filter installiert haben.

Nachdem der Forscher vier Monate lang in diversen Newsgroups und WWW-Seiten systematisch ein möglichst breites Spektrum an erotischen oder pornografischen Bildern entnommen hatte, analysierte er die 1095 Fundstücke und ordnete sie rechtlichen Kriterien zu. Etwa die Hälfte der Bilder lässt sich unserem Strafgesetzbuch nach (§ 184) der einfachen Pornografie zuordnen, das heißt sie zeigen zum Beispiel Geschlechtsverkehr mit explizit sichtbaren Genitalien. Die andere Hälfte fällt in die Kategorie der Erotika, etwa Aktfotos mit bedecktem Genital. Die verbotene harte Pornografie im Sinne des Gesetzes - beispielsweise die Darstellung von Gewalttätigkeiten oder von sexuellem Missbrauch von Kindern - fand Schetsche hingegen kaum. Gerade im Hinblick auf kinderpornografische Materialien berichtete er im Gegensatz zu den alarmierenden Annahmen vieler Massenmedien gänzlich unspektakuläre Ergebnisse: Im Rahmen seiner Untersuchung ist er auf lediglich drei Bilder gestoßen, die eindeutig Kinder in sexuellen Handlungen untereinander oder mit Erwachsenen zeigen. Zudem hat er vier Bilder gefunden, die ganz oder teilweise unbekleidete Kinder abbilden. Sein Fazit zur Kinderpornografie lautet: `Es ist sehr unwahrscheinlich, sie zu finden, wenn man(n) nicht systematisch und ausdrücklich danach forscht.´ [#lit2 [2]]

Der kanadische Soziologe Michael D. Mehta und sein Kollege Dwaine E. Plaza [#lit4 [4]] schließen sich mit ihren Befunden diesem Ergebnis an: 150 Bilder mit Sexbezug entnahmen sie verschiedenen Newsgroups und fanden keine einzige Darstellung, die als kinderpornografisch hätte klassifiziert werden können. Die Internet-Psychologin Nicola Döring bemerkt jedoch zu Recht, dass `natürlich im Netz genauso wie per Telefon oder Briefpost Materialaustausch organisiert werden kann - sofern die Beteiligten bereits entsprechende Intentionen und Materialien mitbringen. Generell scheinen im Netz genau wie in den Printmedien unter dem Schlagwort `Teen´ Bilder verbreitet zu werden, die entweder Kinder im nicht-sexuellen Kontakt oder (sehr jung aussehende) Erwachsene im sexuellen Kontakt zeigen´ [#lit5 [5]]. Auf diese Weise werden dann die gesetzlichen Einschränkungen unterlaufen.

Was Privatleute auf nicht-kommerziellen Homepages in Sachen Sex anbieten, untersuchte kürzlich eine eigene Studie [#lit3 [3]]. 300 sexualbezogene WWW-Angebote aus dem deutsch- und englischsprachigen Internet wurden analysiert, um gängigen Klischees auf den Grund zu gehen. Gerne wird ja behauptet, dass Frauen eher auf Erotik - am liebsten verpackt in romantische Storys - stehen, Pornografisches dagegen ablehnen oder davon gar angewidert sind. Männer hingehen können keinen klaren Kopf behalten, wenn sie pornografische Bilder sehen. Demnach müssten Seitenanbieterinnen häufiger softe Seiten ins Web stellen, auf denen sie Blümchensex in Geschichten und Gedichten propagieren. Auf Homepages von Männern müsste es im Unterschied dazu von expliziten Darstellungen nur so wimmeln.

Die Ergebnisse zeigen, dass auf den Seiten generell häufiger rein erotisches (59 Prozent) als rein pornografisches (13 Prozent) Material angeboten wird. 28 Prozent der untersuchten Angebote zeigen sowohl erotische als auch pornografische Bilder oder Texte. Bei kommerziellen Sex-Sites dominieren pornografische Angebote hingegen deutlich. Frauen unterscheiden sich jedoch von Männern nicht in der Art der sexuellen Darstellungen auf ihren Homepages; sie bringen also nicht weniger `härteres´ Material. Es zeigte sich sogar eine leichte, wenn auch statistisch nicht bedeutsame Tendenz in die Gegenrichtung: Bei gut 20 Prozent der WWW-Seiten, die ausschließlich von Frauen publiziert wurden, waren pornografische Bilder oder Texte zu sehen; bei Sites rein männlichen Ursprungs waren es nur 17 Prozent.

Frauen scheinen allerdings Erotik und Pornografie in Textform vorzuziehen, während Männer auf bildliche Stimulationen stehen. Die Analyse der 300 untersuchten Homepages zeigte das sehr deutlich: 31 Prozent der Männer, jedoch knapp 42 Prozent der Frauen präsentierten der Netzgemeinde mehr oder weniger heiße Storys. Dafür zeigten Männer auf ihren persönlichen Websites (46 Prozent) etwas häufiger als Frauen (40 Prozent) nackte Haut auf Fotos, Cartoons oder Ähnlichem. Frauen demonstrierten allerdings eher eine exhibitionistische Ader: 22 Prozent von ihnen reicherten ihre Website mit expliziten Bildern von sich selbst an, während nur 14 Prozent der Männer eigene nackte Tatsachen zeigten.

Ein anderes Vorurteil besagt, dass sich im Netz Menschen mit speziellen sexuellen Vorlieben besonders häufig exponieren: Fetisch-, Sado- oder Maso-Freunde, Exhibitionisten oder Voyeure beispielsweise. Diese Auffassung ließ sich in der Stichprobe nicht bestätigen. Am häufigsten fanden sich noch WWW-Seiten zu SM-Spielarten und Fetischen, gefolgt von voyeuristischem und exhibitionistischem Material. Einige wenige Homepages befassten sich mit anderen Themen wie Transvestismus oder Fäkalspielen. Auch in dieser Studie wurden so gut wie keine Seiten mit tier- oder kinderpornografischen Inhalten gefunden: Sieben Websites konnten der Kategorie `Teens´ zugeordnet werden, acht Seiten dem Thema `Inzest und Pädophilie´. Um Sex mit Tieren ging es auf lediglich zwei Homepages. Auch hier zeigt sich: In den Medien wird die Verbreitung solcher Themen oft drastisch überschätzt.

Während Frauen in der herkömmlichen SM- und Fetisch-Szene tatsächlich häufig unterrepräsentiert sind, zeigt sich in den Web-Präsentationen ein ausgeglicheneres Bild: Knapp 15 Prozent der erfassten Frauen boten SM-Darstellungen an, jedoch nur gut acht Prozent der Männer. So lässt sich vermuten, dass Frauen ein entsprechendes Interesse im Netz gefahrloser äußern können.

Aber warum stellen Menschen eigentlich ihre sexuellen Vorlieben vor der Netzöffentlichkeit zur Schau, wenn es nicht um Geld geht? Um diese Frage beantworten zu können, wurden in einer weiteren Studie [#lit6 [6]] alle oben genannten 300 Homepage-Besitzer per E-Mail gebeten, an einer anonymen Online-Umfrage teilzunehmen. 43 Personen beantworteten den im WWW abrufbaren Fragebogen vollständig. 30 Prozent gaben an, bereits in anderen Medien ihre persönlichen Fantasien und Erfahrungen publiziert zu haben; 26 Prozent hätten Lust dazu, haben es aber noch nicht getan, 44 Prozent möchten lediglich im Internet sexuelles Material verbreiten. Als häufigstes Motiv nannten die Befragten `Information und Aufklärung anbieten´. Rund 35 Prozent von ihnen nutzen das Netz, um beispielsweise zu einem speziellen Aspekt ihrer Sexualität Erfahrungen zu schildern, mit dem sie vielleicht lange gekämpft haben. So beantwortet eine transsexuelle Frau die Frage nach den Gründen für ihre Homepage so: `Viele meiner BesucherInnen haben eine ähnliche Odyssee hinter sich, und ich versuche, ihnen auf ihrem Weg zu helfen.´

Anderen ist es wichtig, über ein bestimmtes Thema zu informieren, um den ihrer Meinung nach in den Medien verzerrten oder unzureichenden Darstellungen etwas entgegenzusetzen. Zitat: `Ein großes Schweigen herrscht in herkömmlichen Medien über das Thema SM. Mir war es wichtig, auf einer Kommunikationsebene seriöse Informationen zu einem Thema anzubieten, das normalerweise nur `unter der Theke´ gehandelt wird.´ Der Mitteilungsfreude tut es keinen Abbruch, dass mittlerweile die Medien in Gestalt von liebe sünde, Peep, Die Redaktion und so fort auch das skurrilste Sexthema telegen (aber oft realitätsfern) breittreten.

Knapp ein Drittel der Befragten nutzen die Homepage zur Selbstdarstellung. Sie outen sexuelle Vorlieben und Erlebnisweisen, möchten ihre Erfahrungen mitteilen oder in der Szene anerkannt werden. Somit kann das Outing auf einer Website der erste Schritt dazu sein, auch im sozialen Umfeld zu seinen Vorlieben jenseits der Norm zu stehen. So sagte eine befragte Person: `Die Möglichkeit des anonymen Outing auf meinen Web-Seiten stellt für mich einen bedeutenden Schritt für die eigene Akzeptanz meiner Sexualität dar.´

Jeder vierte Teilnehmer an der Untersuchung gab an, die Homepage gebastelt zu haben, um Unterhaltung anzubieten. Manche möchten mit künstlerischem oder ästhetischem Anspruch Material verbreiten. Zitat: `Ich publiziere Aktfotografien, um im Internet einen Gegenpol zu den üblichen Sexangeboten zu schaffen, die oft kommerziell ausgerichtet sind und nur auf den rein sexuellen Aspekt.´ Einige halten Angebote für Frauen im Web für Mangelware und gestalten frauenspezifische Sex-Seiten (`Damit mach´ ich den Mädels eine Freude´). Nur jedem Zehnten ging es hingegen darum, den Umgang mit Internet-Techniken wie Java oder Flash zu üben. Dafür nannten aber 21 Prozent der Befragten als Grund die Möglichkeit, Kontakte herzustellen. Und das scheint in der Tat Erfolg zu versprechen: 93 Prozent der Homepage-Anbieter knüpften über ihr sexualbezogenes WWW-Angebot neue Kontakte. Dabei geht es aber nicht nur um heißen E-Flirt per E-Mail oder Chat, denn jeder zweite gab an, Kommunikation über Themen geführt zu haben, die nichts mit Sexualität zu tun haben. Noch mehr berichteten, sich mit anderen Surfern sachlich über sexuelle Fragen unterhalten zu haben. Und zwei Drittel fanden Kontakte zu Gleichgesinnten mit ähnlichen sexuellen Interessen. Wenn es tatsächlich zum stimulierenden Austausch zwischen Homepage-Betreibern und Besuchern kommt, dann findet der überwiegend bei persönlichen Treffen oder per Telefon statt.

Weitere Vorurteile warten darauf, entkräftet zu werden. Etwa dass der vereinsamt oder verklemmt sein muss, der seine Sexualität im Internet präsentiert. Erstaunlicherweise sind jedoch mehr als drei Viertel der Befragten verheiratet oder leben in einer festen Partnerschaft, und 85 Prozent der Gebundenen sind mit ihrer Beziehung zum Partner sehr zufrieden. 88 Prozent gaben an, dass mindestens eine Person aus ihrem sozialen Umfeld von der Homepage weiß. Die meisten derer, die auch im real life zu ihren intimen Netzaktivitäten stehen, bekamen äußerst positive Rückmeldungen zu ihren Homepages. Man kann die Vorstellung vom unbefriedigten Netizen, der seine sexuelle Frustration durch die Produktion von Websites zu kompensieren versucht, also verwerfen: Die Teilnehmer an der Studie gaben an, ihre sexuellen Bedürfnisse überwiegend real auszuleben und durch ihre Web-Präsentation einen zusätzlichen positiven Einfluss auf die eigene Sexualität wahrzunehmen, etwa ein größeres Maß Experimentierfreudigkeit. So berichtet eine Frau: `Ich gehe nun offener mit meiner Sexualität um. Meinem Partner und mir hat die Homepage sehr gut getan.´

Über die Nachfrage nach und Popularität von Sex im Netz kursieren ebenso alarmierende Berichte wie über Anzahl und Art der Angebote. So löste Martin Rimm, ein Student der Carnegie Mellon University in Pittsburgh, mit einer Untersuchung [#lit7 [7]] große Entrüstung in der Öffentlichkeit aus. Nachdem er mit seiner Gruppe 917 410 Bilder, Texte und Videoclips aus fünf Newsgroups und 101 Adult Bulletin Board Systems per automatischer Inhaltsanalyse klassifiziert hatte, kam er zu dem Schluss, dass es das Hauptinteresse der Internet-Community sei, pornografische Bilder zu konsumieren und zu verbreiten. Wissenschaft und Öffentlichkeit waren außer sich. Auch Politiker redeten sich heiß: Wie kann man das Netz zensieren? Welche Maßnahmen sind erforderlich, damit die Netzgemeinde nicht moralisch verkommt?

Glücklicherweise beäugten andere Fachleute Rimms Ergebnisse kritisch [#lit8 [8]]. Sie deckten ein fehlerhaftes Vorgehen in seiner Forschungsarbeit auf und kamen zu gänzlich anderen Ergebnissen. Die amerikanische Linguistin Jane Manning und ihr Forschungsteam [#lit9 [9]] statteten beispielsweise im Rahmen der so genannten HomeNet-Studie 50 US-amerikanische Familien in ihrem Privathaushalt mit Mac-Rechnern und Internet-Account aus. Die Forscher wollten herausfinden, wie Internet-Angebote im Alltag genutzt werden, indem jeder Mausklick automatisch protokolliert und ausgewertet wurde. In ihren Analysen gaben sie Anlass zur Entwarnung: Nur die Hälfte der insgesamt 50 Versuchspersonen nutzte im ersten Jahr erotische Angebote, und das nur ein- bis zweimal. Andere Online-Angebote waren wesentlich attraktiver. Natürlich leiden solche Studien darunter, dass sich der Surfer auch bei zugesicherter Anonymität nicht unbeobachtet fühlt, wenn seine Aktivitäten zu Forschungszwecken protokolliert werden, und er daher möglicherweise weniger sexorientiert surft.

Eine internationale Untersuchung des Fachmagazins werben & verkaufen zum Nutzungsverhalten der Netzgemeinde kam ebenso zu beruhigenden Befunden. 3001 Personen wurden telefonisch zu ihren Aktivitäten im Netz befragt, 292 detaillierter in einem persönlichen Interview. Von den 244 deutschen Teilnehmern nutzte ein Drittel in den drei Monaten vor der Befragung mindestens ein Angebot aus dem Bereich Erotik, was Platz 8 in der Rangliste der interessierenden Themen ergab.

Insgesamt gibt es also wenig Grund zur Sorge: Zwar besteht ein ausgeprägtes Interesse an sexuell orientierten Netzangeboten - Sexualität stellt ja schließlich auch einen wichtigen Bereich des menschlichen Lebens dar -, aber andere Themen finden weitaus mehr Beachtung. Dennoch trauten andere Forscher den Selbstauskünften der Surfer nicht und wollten auf Nummer Sicher gehen. Thomas Berker, Soziologe von der Uni Frankfurt, konnte durch Logfile-Analysen aufzeigen, dass jede vierte WWW-Seite, die von Angehörigen der Uni Frankfurt in einem Zeitraum von zwei Wochen aufgerufen wurde, mit Sex zu tun hatte. Lehrende und Lernende haben also nichts Besseres zu tun, als sich im Web aufzugeilen? Nicola Döring [#lit5 [5]] relativiert diese zunächst sehr hoch erscheinende Zahl jedoch, indem sie darauf hinweist, dass sexualbezogene WWW-Seiten typischerweise in den Nachtstunden im schnellen Wechsel abgerufen werden, während Seiten mit anderen Inhalten (etwa Online-Magazine) sehr viel sorgfältiger studiert werden. Insofern kann der Anteil der beteiligten Personen wie auch der zeitliche Anteil des Konsums von Sexseiten deutlich niedriger als 25 Prozent liegen.

Der US-Sexualwissenschaftler Al Cooper von der Universität Stanford [#lit10 [10]] versucht zu erklären, was den Reiz des sexuellen Materials im Internet ausmacht. Er umschreibt die Motive derjenigen, die sich im Netz auf die Suche nach Sex machen, mit dem Begriff The Triple A. Seiner Meinung nach sind access, affordability und anonymity die Ursache für die Popularität der sexualbezogenen Angebote im WWW und in den Newsgroups: Sie sind billig, anonym und leicht zugänglich. Sie sind zu jeder Zeit in der vertrauten Umgebung verfügbar, während früher der Weg zum Kiosk oder zur Videothek am Anfang stand. Persönliche Vorlieben lassen sich zudem laut Cooper in einzigartiger Weise anonym ausleben. Seit die Preise für Flatrates im freien Fall begriffen sind, braucht der Sex-Konsument erst recht keinen finanziellen Kollaps zu befürchten. Cooper hält Cybersex-Sucht für ein neues Krankheitsbild, das sich mit unglaublicher Geschwindigkeit ausbreiten würde. Sex-Süchtige hätten im Internet hervorragende Möglichkeiten, ihren Zwang auszuleben. Schon bieten Psychologen wie Dana E. Putnam [#lit11 [11]] den Betroffenen Online-Hilfe an. Doch Cybersex-Sucht ist unter Fachleuten genauso umstritten wie die vermeintliche Internet-Sucht [#lit12 [12]]. Aber eins ist klar: Nicht nur mit Cybersex, auch mit der entsprechenden Sucht und ihrer Therapie lässt sich Profil gewinnen und Geld verdienen.

Wo ein Medium entsteht, macht sich Lust breit. Auch auf Dias und Super-8-Film gab es einst einschlägige Angebote. Natürlich wurde auch das Internet als sozialer Raum zusammengeschlossener Computer von Beginn an erotisch genutzt - na und? So haben wir die Chance, uns unkompliziert über intime Fragen und Bedürfnisse auszutauschen, Unterstützung bei sexuellen Problemen zu erhalten, die wir vielleicht nicht mit unseren Bezugspersonen im Alltag teilen wollen.

Wer besondere sexuelle Vorlieben hat, lernt im Web leicht Gleichgesinnte kennen und knüpft oft schneller Kontakte als im `real life´. Der richtige Klick zur richtigen Zeit findet einen Partner, der die Neigung zu gleichgeschlechtlichen Partnern, devoter Hingabe oder Gummistiefeln versteht. Auch Frauen haben es ungleich besser als je zuvor: Geschützt und ohne Angst vor physischen Übergriffen können sie sexuelles Begehren ausleben und mit ihrer Lust experimentieren, da ihnen effektive Maßnahmen zur Verfügung stehen, sich gegen aufdringliche Männer zu wehren. Und räumlich getrennt lebende Paare freuen sich besonders: Auch wenn der virtuelle Sex nie die reale Intimität ersetzen wird, erleben sie ihn oft als gefühlvoll und intensiv. (ts)

[1] www.missingkids.com

[2] M. Schetsche: Sexuelle Botschaften via Internet - Ausgewählte Ergebnisse einer explorativen Studie. In L. Gräf & M. Krajewski (Hrsg.), Soziologie des Internet, Frankfurt/M., Campus 1997

[3] Chr. Eichenberg: Inhalte und Nutzung sexualbezogener WWW-Angebote unter besonderer Berücksichtigung der Geschlechterperspektive. Unveröffentlichte Diplomarbeit, Universität zu Köln 2000

[4] M.D. Mehta & D.E. Plaza: Pornography in Cyberspace: An Exploration of What´s in USENET. In S. Kiesler (Hrsg.), Culture of the Internet, New Jersey, Lawrence Erlbaum Associates 1997

[5] N. Döring: Sozialpsychologie des Internet. Göttingen, Hogrefe 1999

[6] www.christianeeichenberg.de/ergebnis.htm

[7] http://TRFN.pgh.pa.us/guest/mrstudy.html

[8] www.techfak.uni-bielefeld.de/techfak/ags/rvs/
lehre/mroth/MROTH_RG/CDA/SIN.HTM

[9] http://homenet.andrew.cmu.edu/progress/

[10] A. Cooper: Sexuality and the Internet: Surfing into the New Millennium, CyberPsychology and Behavior, 1, 1998

[11] http://onlinesexaddict.org/

[12] Chr. Eichenberg, R. Ott: Suchtmaschine, Internetabhängigkeit: Massenphänomen oder Erfindung der Medien?, c't 19/99, S. 106

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Wer private Seiten mit sexuellem Inhalt veröffentlicht, kann auf verschiedene Weise Kontakt finden.

Art des Kontakts, der über die Homepage geknüpft wurde gesamt Frauen Männer
erotischer Austausch per E-Mail 44 % 33 % 50 %
erotischer Austausch per Chat 26 % 7 % 36 %
erotischer Austausch per MUD (Multi User Dungeon) - - -
erotischer Austausch per Videokonferenz (CUSeeMe) - - -
erotischer Austausch per Telefon mit Netzbekanntschaft 14 % 13 % 14 %
erotisches Treffen im real life mit Netzbekanntschaft 36 % 33 % 39 %
Kontakte zur Szene, also zu Menschen mit ähnlichen sexuellen Interessen und Vorlieben 65 % 67 % 64 %
sachlicher Austausch über sexuelle Fragen und Probleme mit Anderen 58 % 67 % 54 %
Austausch über Themen, die nichts mit Sexualität zu tun haben 49 % 47 % 50 %
Sonstiges 26 % 27 % 25 %

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