Christof Windeck
Prozessorgeflüster
Von Überschuss und Knappheit
Einerseits beklagt der seit fast einem Jahr amtierende AMD-Chef schwer verkäufliche Lagerbestände, andererseits kann Qualcomm nicht liefern – die 28-Nanometer-Technik kommt nicht in die Strümpfe.
Was ich haben will, das krieg ich nicht – und was ich kriegen kann, das gefällt mir nicht, sangen die Fehlfarben schon 1980. Zurzeit wollen die Käufer offenbar Smartphones und Tablets haben, doch jene mit Applikationsprozessoren aus der 28-Nanometer-Fertigung sind von Lieferengpässen bedroht. Qualcomm jammert, man könne die eigenen Umsatzziele nicht erreichen, weil TSMC zu wenige Snapdragon S4 produziert. Deshalb hat Qualcomm angeblich schon bei Samsung und UMC, vermutlich auch bei Globalfoundries, unterschrieben, die alle mit Hochdruck ihre jeweiligen 28-nm-Fertigungslinien auf Serienstückzahlen zu treiben versuchen. Doch wann endlich ausreichend viele 28-nm-Chips produziert werden können, ist nicht absehbar – eine Fülle neuer Produkte steht ja noch aus, in denen potenziell 28-nm-SoCs stecken, etwa das iPhone 5 und die ganzen Windows-RT-Tablets. Mag sein, dass Microsoft sein Surface auch deshalb noch mit älterer 40-nm-Technik von Nvidia/TSMC bestückt.
Der vor fast schon einem Jahr als AMD-Chef angetretene Rory Read hadert derweil mit Überbeständen, nämlich von Serie-A-Prozessoren – die Desktop-Versionen werden mit Cashback-Aktionen verramscht (siehe c’t-Link unten). Auch vom Nachfolger Trinity ist genug vorhanden, doch die alten Trickser von Intel haben kurz vor Quartalsende ihren Marktanteil gepuscht. Intel-Boss Paul Otellini zeigt sich denn auch zuversichtlich, sein Versprechen zu halten, nämlich dass Ultrabooks bis zum Jahresende boomen werden. Dazu müssen die Preise im Mittel deutlich runter. 599-Dollar-„Ultrathins“ wollte eigentlich AMD mit dem 17-Watt-Trinity befeuern, nun scheint Intel den Core i3 mit Rabatt zu verhökern oder auch billige Pentiums und Celerons, von denen es ebenfalls 17-Watt-Versionen gibt.
Schon ab Ende Mai scheint Intel eine Fülle älterer 32-nm-Mobilprozessoren billig in den Markt gepresst zu haben. Die harte Folge für AMD: 11 Prozent Umsatzrückgang und ein 16 Prozent niedrigerer Aktienkurs – aber immerhin keine roten Zahlen. Der schwache Aktienkurs dürfte Rory Read ärgern, weil er den Wert der Aktienoptionen mindert, die sein Grundgehalt von jährlich 1 Million US-Dollar aufbessern. Da steht Intels Otellini sicherlich besser da, der dasselbe Grundgehalt bekommt – wie auch Ex-Google-Managerin Marissa Mayer jetzt von Yahoo. Man könnte fast meinen, es gebe eine CEO-Gewerkschaft, die für einen Mindestlohn kämpft – die Immobilienpreise im Silicon Valley sind ja auch mörderisch.
Wie es AMD wieder nach oben schaffen soll, scheint unklar, denn wirklich neue Prozessoren stehen erst 2013 an. Wenn der nagelneue Trinity schon floppt, dürfte auch der im Herbst erwartete Vishera für AM3+-Mainboards keine nennenswerten Impulse liefern. AMD und Intel müssen gemeinsam hoffen, dass Windows 8 die PC-Kauflust anregt.
2013 will AMD mit 28-nm-Billigprozessoren gegen Intels Atom und ARM-SoCs in Tablets antreten, hier löst der neue Jaguar-Kern den bisherigen Bobcat ab. Die Compiler-Entwickler von AMD, die Patches für den GCC schreiben, sprechen auch von Bobcat Version 2 (btver2) und haben ausgeplaudert, dass Jaguar AVX unterstützt. Auf der Hot Chips 24 Ende August will AMD mehr verraten. Intel hat für 2013 neue Atom-Pläne, dann soll der 22-nm-Airmont mit bis zu vier Kernen und angeblich abgespeckter Haswell-Grafik kommen.
Atom-Fon
Apropos Atom: Den hat Intel endlich in sein eigentliches Zielgebiet manövriert, nämlich in das von Giga-Byte Communications gefertigte Smartphone AZ210A mit Android 2.3. Es ist mittlerweile nicht mehr nur in China (als Lenovo LePhone K800) oder Indien (als Xolo X900) erhältlich, sondern auch in Frankreich und Großbritannien als Orange San Diego. Das 4,3-Zoll-Gerät ist zwar flott, haut einen aber nicht vom Hocker – und seine Bedeutung liegt anderswo: Intel beweist, dass der Atom Z2460 mit Dual-Core-ARM-SoCs mithalten kann, auch bei der Akkulaufzeit.
Nun muss Intel den Telefonherstellern noch erklären, weshalb sie überhaupt einen x86-Chip statt eines ARM nehmen sollen. Möglicherweise spielt die 28-nm-Knappheit Intel dabei in die Karten. Ein anderes Argument nennt Mike Bell, einer der Chefs der Intel-Mobilsparte: Android und viele Apps seien nicht reif für Multi-Threading. Quad-Core-SoCs brächten wenig, hohe Single-Thread-Leistung sei Trumpf. Welch Zufall, dass der Atom Z2460 ein Single-Core mit Hyper-Threading ist. Seine Smart & Secure Technology (S&ST), die unter Windows 8 für ein Firmware-TPM sorgen könnte, zeigt im Orange San Diego ihre Wirkung: Bislang scheint es unmöglich, das Ding zu „rooten“ (siehe c’t-Link).
Der Cortex-A15 wird wohl frühestens Mitte 2014 sparsam genug werden für High-End-Smartphones – ist das die Chance für Atoms?
Bild: ARM
ARM selbst hat Ende Mai eine Grafik veröffentlicht, die den zuvor als sparsamen A15-Partner gehandelten Cortex-A7 auch als Hauptantrieb für Dual- und Quad-Core-SoCs zeigt – ab Ende 2013. Von der Performance her liegt ein A7-Quad aber unter den schon ausgelieferten A9-Quartetten. Weil der A15 anfangs wohl zu viel Strom schluckt für Smartphones, öffnet sich hier eine Nische, in die aber nicht nur ein Atom-Doppelkern passt, sondern auch gepimpte A9-Versionen von Qualcomm (Krait/Snapdragon S4), Marvell oder Nvidia (Denver). Auf Spareffekte oder höhere Taktraten durch 20-nm-Technik kann das ARM-Lager vermutlich nicht so bald hoffen. TSMC will zwar Ende 2013 liefern können, aber wohl zunächst bloß kleine Stückzahlen. Und es ist nur ein einziger 20-nm-Prozess geplant, der sich für akkuschonende Smartphone-Chips vielleicht nicht so gut eignet – sondern eher für kräftigere Prozessoren. 2014 sollen ja die Server-ARMs mit 64 Bit durchstarten.
Globalfoundries will 2013 jedenfalls haufenweise 28-nm-Chips für AMD fertigen, etwa den angeblichen Trinity-Nachfolger Richland mit Radeon HD 8800 für Mainboards mit FM2- oder FM2+-Fassungen. Versprochen hat AMD für die 28-nm-APUs auch die Heterogeneous System Architecture (HSA), also etwa einen gemeinsam nutzbaren L2- oder L3-Cache für CPU- und GPU-Kerne. Intel kontert dann mit Haswell und deutet Akkulaufzeiten von mehr als 10 Stunden an. Doch AMD hat noch etwas Zeit, weil Haswell-Mobilprozessoren vermutlich erst im Herbst 2013 starten.
(ciw)



