Andreas Stiller
Prozessorgeflüster
Von goldenem Oktober und Herbstlaub
Es ist ein Brauch aus alter Zeit: Wo Intel tagt, ist AMD nicht weit. Intel konnte zwar auf dem IDF mit dem Haswell-Prozessor groß auftrumpfen – doch der ist noch ein Dreivierteljahr entfernt. AMD will aber bereits jetzt richtig aufdrehen.
Seit Jahren schon schlägt AMD während des Intel Developer Forum in San Francisco in der obersten Etage im St.-Regis-Hotel, etwa 200 Meter vom Moscone-Konferenzzentrum entfernt, sein Quartier auf, um die angereisten Entwickler und Journalisten „abzugraben“. Zuweilen hat man nur vage Ankündigungen zu bieten, manchmal auch richtige Highlights wie einst bei der ersten Präsentation des Opteron. Intel hat das Blatt aber inzwischen umgedreht und hält ebenfalls parallel zu AMDs Fusion-Konferenz in Beauville bei Seattle Hof.
Diesmal konnte AMD mit einem ziemlichen Portfolio von Produkten aufwarten, die nicht in weiter Ferne liegen, sondern alle im Laufe des Oktobers herauskommen sollen. Den Anfang machen die Desktop-Versionen des Trinity-Prozessors, deren Spezifikationen und Preise schon längst durch alle Medien gewandert sind. Freimütig gab AMD zu, dass die Chips schon geraume Zeit fertig, aber mit Rücksicht auf den Abverkauf der alten Llano-Prozessoren erst einmal zurückgehalten worden sind.
Bei den gezeigten Technologie-Demos – über die man berichten darf, allerdings ohne näher auf die Spezifikationen der Chips einzugehen – kamen bei den Benchmarks natürlich die Klassiker zum Einsatz, wie Photoshop Gaussian Blur, bei denen dank GPU-Einsatz Konkurrent Ivy Bridge aus der gleichen Preisklasse ziemlich blass aussieht. Typischerweise dominiert jedoch Ivy Bridge bei CPU-lastigen Workloads. Allerdings kommt auch OpenCL 1.2 so langsam in Mode (etwa bei Gimp) – hier sieht man also allmählich eine Verschiebung zugunsten der GPU, was AMD in die Karten spielt.
Doch die großen Märkte verspricht sich AMD ohnehin nicht mehr so sehr bei den Desktop-PCs, sondern bei den Windows-Tablets, wo IDC fürs nächste Jahr eine Vervierfachung gegenüber 2012 voraussagt. Und da hat AMD mit der energiesparenden Z-60-Doppelkern-APU Intels Atom gut was entgegenzusetzen. Diese APU mit Codenamen Hondo ist eine leicht überarbeitete Version des Z-01 (Desna), die, weiterhin gefertigt in bewährter 40-nm-Bulk-Technik, mit weniger als 5 Watt auskommen soll.
Mit einer Beta-Version von Maxons Cinebench R13 demonstrierte AMD die Leistungsfähigkeit der Piledriver-Kerne im kommenden Vishera-Prozessor.
Für Mitte Oktober ist der Stapellauf von AMDs Brazos-T-Plattform mit Z-60-APU geplant, als Gegenstück zum in Kürze erwarteten Clover Trail von Intel. Wie jener ist die Plattform auf Tablets und Convertibles und zunächst ebenfalls nur auf Windows 8 ausgerichtet. Auf ein Vergleichssystem mit Clover Trail konnte AMD noch nicht zurückgreifen – offenbar sind die Kontakte zu Lenovo nicht mehr gut, seit man Firmenchef Rory Read von dort abwarb. Jedenfalls hatte Lenovo schon stolz Clover-Trail-Tablets auf der IFA herumgezeigt. Und so mussten die lahmen Oak-Trail- oder Cedar-Trail-Tablets von Fujitsu für einen Vergleich herhalten. Diesen Single-Cores gegenüber konnten sich die beiden Bobcat-Kerne der Hondo-Plattform problemlos behaupten. Ein wichtiger Partner soll zum Launch mit einem Hondo-Tablet aufwarten, wer, das wollte uns AMD allerdings noch nicht verraten. Tablet-Preise von unter 500 Dollar sind derweil als Gerücht in Umlauf.
Eines der gerne herausgestellten Features von Windows 8, das Connected Standby, hat AMD im Unterschied zu Intels Clover Trail allerdings nicht hinbekommen. Und so bewirbt man als Alternative „Start Now“, das ein Booten in 25 Sekunden und ein Aufwachen aus dem Standby samt Internet-Kontakt in nur zwei Sekunden schaffen soll.
Man sollte Microsofts Connected Standby indes nicht überbewerten, denn auch ohne diese Technik, ohne spezielle Push-Server, Metro-Applikationen und -Governors kann man hinreichend energiesparend und einigermaßen aktuell auch im Standby seine sozialen Netzkontakte halten sowie neue Nachrichten oder Viren-Signaturen laden. Das beweist nicht zuletzt Intel bei den Ultrabooks mit der Smart-Connect-Technik. Außerdem müsste sich Ähnliches mit gelegentlichem Aufwachen auch mit dem Windows-Aufgabenplaner bewerkstelligen lassen.
Aufgeweckt
Später im Oktober sollen dann endlich die FX-Prozessoren mit Piledriver-Kernen für High-End-Desktop-PCs mit Codenamen Vishera herauskommen mit vier, sechs und acht Kernen – aber das stand ja alles schon im letzten Geflüster. Beim neuen Cinebench R13 (noch Beta) oder Wprime V2.09 demonstrierten die Visheras schon mal ihre Leistungsfähigkeit im Vergleich zum Vorgänger Zambezi, wobei sie wassergekühlt auf bis zu 5 GHz hochheizten. Okay, was nun ein Cinebench-R13-Wert von beispielsweise 9,06 aussagt, bleibt erst mal offen, bis man Zugriff auf diesen Benchmark und weitere Vergleichswerte hat.
Auch bei den Servern tut sich was. Tochterfirma SeaMicro hat am Vortag zum IDF ihre Opteron-Einschübe für Microserver vorgestellt (c't 21/12, Seite 27). Da kann man das System nun mit Atom, Ivy Bridge und Opteron und vielleicht demnächst sogar mit ARM mischbestücken. Das SM-15000-Demo-Modell war noch mit Bulldozer versehen, er soll aber im November mit den neuen Piledriver-Chips ausgeliefert werden und zwar mit der Single-Socket-Version Seoul für den C32-Sockel. Die größeren Brüder Delhi und Abu Dhabi, so versprach SeaMicro-Chef Andrew Feldman, will AMD aber auch noch dieses Jahr herausbringen.
Der Finanzchef und zwischenzeitlicher Interimsboss Thomas Seifert wird den spannenden Oktober aber nicht mehr bei AMD miterleben. Kaum hatte er Kunde von Intels Haswell-Prozessor, da warf der nüchtern kalkulierende Finanzfachmann lieber das Handtuch – so könnte man bösartig unterstellen. Jedenfalls bleibt er nur noch bis Ende September, um seinen Übergangsnachfolger Devinder Kumar einzuweisen. Es heißt, Seifert kehre wieder zu seiner Ex-Firma Siemens zurück. Da hatte sich AMDs Aktienkurs nach der SeaMicro-Ankündigung gerade ein klein wenig erholt, um dann gleich wieder kräftig einzubrechen, als die Demission von Seifert bekannt wurde. Bei der Konkurrenz Nvidia sieht es aber ähnlich aus. Hier gibt es im Finanzressort schon seit eineinhalb Jahren nur eine Übergangschefin. Nun wurde bekannt, dass der bekannte Mobile-Chef Mike Rayfield vor Kurzem seinen Hut genommen hat. Wo „Mr. Tegra“ hingeht, ist offen. Früher war er lange bei Texas Instruments, auch mal bei Cisco. Qualcomm läge nahe – aber da ist ja schon der ehemalige Mobile-Chef von Intel.
(as)



